Kein Kyklop: das Auto der holländischen Firma Cyclomedia. Foto: Stadt Sindelfingen

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche sahnt Sindelfingen ab – mit einem zweiten Platz hinter der Barockperle Ludwigsburg. Magstadt eher nicht.

Sindelfingen - Böblingen - Auch wenn Ludwigsburg gewonnen hat, bei dieser Rangliste kommt es nicht auf Schönheit an – sonst würde Sindelfingen kaum den zweiten Platz belegen. Attraktive Mittelstädte lautete das Thema der Studie – aber aus Sicht von Investoren, Projektentwicklern und Händlern. Und denen kommt es weniger auf hübsche Altstädte und blühende Landschaften an, sondern auf Einwohnerzuwachs, Kaufkraft, Einzugsgebiet, Zentralität und hohe Mieten. Das neue Ranking der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung bestätigt also nur alte Vorurteile: In Sindelfingen zu wohnen, ist teuer, weil dort das Geld sitzt, und es ist verkehrstechnisch kein Vergnügen, weil nicht nur Sindelfinger ins Breuningerland fahren. Insofern ist das Ergebnis der Studien nicht unbedingt ein Segen.

Lebendiges Leben dank freudigem Konsum

Bei den Markt- und Absatzforschern klingt es natürlich ganz anders: „Mittelstädte sind das Herz unseres Landes“, schreiben sie in ihrer Pressemitteilung zu der Untersuchung. „Hier spielt das Leben, höchst vital und vielfältig.“ Man sollte sich nichts vormachen, das lebendige Leben drückt sich für Investoren, Projektentwickler und Händler eben hauptsächlich in variablem Konsum aus. Wobei Ikea gerade ein schönes Beispiel für diese Vitalität liefert: Ende Mai schlugen die Besucher des Möbelhauses 1172 Purzelbäume für einen guten Zweck – trotz heftiger Hitze. Mit ihren Kullerbyttas, wie die Rollen auf Schwedisch ­heißen, bewirkten sie, dass die Stiftung des Unternehmens 1172 Euro an das Unicef-Kinderhilfswerk spendet. Nebenbei ­bekamen die Purzler auch etwas ab, zumindest jeder 500. einen Gutschein zur Stärkung der Kaufkraft.

Kaum ist dieser zweite Platz hinter der Barockperle Ludwigsburg veröffentlicht, lässt die Verwaltung übrigens auch 360°-Panoramaaufnahmen von der Stadt erstellen. Zwischen 12. und 23. Juni fahren zu dem Zweck mit Kameras auf dem Dachträger ausgestattete Fahrzeuge durch Sindelfingen. Da die Autos mit holländischen Kennzeichen versehen sind, erhalten sie noch die Beschriftung „Wir fahren im ­Auftrag Ihrer Stadtverwaltung“. Die Bevölkerung könnte ansonsten allerlei gedankliche ­Purzelbäume schlagen. Cyclomedia heißt die Firma, die ja alles andere als ein einäugiger Kyklop ist. Ob sie den Auftrag hat, den Einwohnerzuwachs, die Kaufkraft und die hohen Mieten im Rundumpanorama zu dokumentieren, ist nicht bekannt. „Für interne Zwecke“ seien die Fotos bestimmt, heißt es dazu aus dem Rathaus nur.

Der Gemeinderat hat die Musik abgedreht

Möglicherweise will Bernd Vöhringer wenigstens mit einem neuen Wandkalender über die Stadtgrenzen hinaus für Furore sorgen, nachdem ihm der Gemeinderat die Musik abgedreht hat. Den Vorschlag des Oberbürgermeisters, mit rund 140 000 Euro den 40. Geburtstag des Glaspalastes zu feiern und das neu gefundene, vitale Mittelzentrum an Ludwigsburg vorbei in den Blickpunkt der Region zu rücken, schmetterte das Gremium nämlich ab. „Wenn wir das tun, wird der Markenkern gestärkt, wir hätten zu viel Geld“, sagte der Sozialdemokrat Andreas Schneider-Dölker in der Sitzung, die vor Veröffentlichung der Studie stattfand.

Magstadt schert sich gar nicht mehr um seinen Ruf. Nachdem der Rückbau der Ihinger Straße vom Kreistag zurückgebaut wurde, soll das Einzugsgebiet und die Zentralität der Kommune für den Durchgangsverkehr auf andere Weise gestoppt werden. Hans-Ulrich Merz lässt jetzt den Verkehr mit Autos ausbremsen. Der Gemeinderat hat einem neuen Parkierungskonzept zugestimmt. Dem Einwand des CDU-Rats Hans-Ulrich Protzer, dass dann auch der Bus nicht mehr so flott durchkommt und rechtzeitig an der ­S-Bahn-Station ist, wurde widersprochen. Die Studie am lebenden Objekt soll zeigen, wie vielfältig die Verkehrsberuhigung ist.

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