Unser Kolumnist weiß: So ein Kind haut einen völlig um. Foto: Setzer

Wahnsinn! Mehr Rock’n’Roll war nie. Unser Kolumnist Michael Setzer ist jetzt Vater und freut sich, dass nie wieder etwas normal sein wird.

Stuttgart - Von wegen: „Kinder sind das Größte!“. Rein sachlich betrachtet ist das nicht nur ausgemachter Quatsch, sondern auch wahnsinnig geschwindelt. Ein Großteil der Kinder, die ich bislang kennenlernen durfte, war sogar verhältnismäßig klein. Meines zum Beispiel: bei Geburt waren das 53 Zentimeter, 3483 Gramm. Ich habe das natürlich nicht selbst abgemessen, war zu diesem Zeitpunkt voll damit ausgelastet, die Welt nicht mehr zu verstehen und Mutter und Sohn anzuhimmeln. „Herrjeh, ist der Kleine aber klein“, habe ich gesagt.

Doch es ist wichtig, sich sofort die Größe und das Gewicht des Kindes zu merken, denn später fragt jeder danach. Ich hab’s sogar der Hündin erzählt, die zu Hause fragte, wieso wir so überstürzt das Haus verlassen hätten und ich Stunden später alleine wieder zurückgekommen sei. Hunde merken sich so was und machen sich Sorgen. „53 Zentimeter, 3483 Gramm“, habe ich gesagt. Sie nickte. Das ist jetzt meine Mitternachtsformel, habe ich immer parat und trotzdem noch keine Ahnung von Mathematik.

Bombenentschärfen in Hollywood

Beim Anblick seiner kleinen Finger machte ich mir schlagartig große Sorgen um den Sohn. Ich will nicht sagen, dass ich sonderlich ungeschickt, tapsig, oder grobmotorisch wäre, aber ich habe schon versehentlich Dinge kaputt gemacht, die andere nicht mit blanker Absicht zerstört bekommen hätten. Und obwohl ich große Stücke auf den Kleinen halte: er wird sich die Fingernägel in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht selbst schneiden. Das ist erst mal Chefsache! Und damit meine ich ganz klar: die Mutter. Nicht etwa, weil ich mich vor der Tätigkeit drücken würde oder es gar für ihre Aufgabe hielte – da steht lediglich die Befürchtung, es sei besser für alle Beteiligten.

Denn da sitzt man plötzlich mit einer Nagelschere, schwitzt, zittert und hält die Luft an wie die Typen, die in Hollywood-Filmen spontan Bomben entschärfen sollen – rote, grüne oder blaue Drähte durchschneiden, vorsichtig und nur mit der Hoffnung ausgestattet, dass es nicht gleich eine riesen Sauerei geben wird. Was den Adrenalinkick dieser Tätigkeit angeht, gibt’s drüben bei Jochen Schweizer wahrscheinlich schon Action-Geschenk-Gutscheine dafür: „Leben am Limit! Der Kick für die ganze Familie: Nägelschneiden bei Säuglingen. Buchen Sie jetzt!“

„Abknabbern“, riet eine Frau vom Fach und lachte nicht einmal, als sie das sagte. Es war ihr offensichtlich ernst damit. Ich: „Hä?“, Sie: „Haja“. Und natürlich hat jeder schon mal an den eigenen Fingern rumgeknibbelt, das Geschick beläuft sich dabei allerdings darauf, selbst zu spüren, wenn man zu sehr knibbelt, wenn’s weh tut. Keine Ahnung, wie das auf den Fingern anderer Menschen funktionieren soll. Vermutlich muss man sich solche, äh, Fingerfertigkeiten in jahrelangem Training vorab aneignen. Ich kenne allerdings selbst unter meinen engsten Freunden niemanden, der mir seine Finger zum Probeknibbeln geliehen hätte. Und mittlerweile wäre es mir äußerst unangenehm, würde der Sohn irgendwann erzählen, dass eine seiner frühesten Erinnerungen an den Vater ist, dass der Idiot ihn in den Finger gebissen hat.

Weniger reden, mehr brüllen

Eines ist klar: Platzt so ein kleiner Mensch plötzlich ins Leben, ist man selbst der größte Idiot am Platz. Man weiß nichts, man kann nichts und all die schöne im Vorfeld angeeignete Theorie geht in einem Höllenfeuer auf, wenn das Kind schreit, aber partout nicht sagen will, was denn nun schon wieder das Problem ist. Säuglinge sind in der Hinsicht wie gute Rock’n’Roll-Bands: weniger reden, mehr brüllen. Und eines habe ich gleich gelernt: Wenn die Antwort „Uawäähhh!!!%&§!!“ ist, dann hast du offenkundig die falsche Frage gestellt.

Leider habe ich meine lehrreichen Jahre mit reichlich unnützen Fragen und Antworten verschleudert. Ob „Defenders of the Faith“ oder „Screaming for Vengeance“ von Judas Priest die bessere Platte sei oder zum Beispiel, ob der Kopf platzt, wenn man sich beim Niesen die Nase, Ohren und den Mund zuhält. Ich habe mich gefragt, was Joe Strummer für Musik machen würde, wenn er nicht gestorben wäre und warum Radiohead eigentlich die schreckliche Musik machen, die sie machen. In meiner Welt waren unsere Hündin Leni, die ersten vier Black Sabbath-Platten, ein Siegtreffer in der Nachspielzeit oder irgendwas mit Käse Überbackenes das Größte. Das Allergrößte. Und Schokolade natürlich.

Der Kleine leuchtet

Neulich legte ich den Kleinen kurzzeitig im Elternbett ab und musste ihn dann erst wieder suchen. Zwischen all den Kissen, Decken und dem Kram fiel er kaum auf. „Das Haus verliert nichts!“, habe ich gewusst und ihn natürlich gleich wieder gefunden. Denn der Kleine leuchtet. Ich bilde mir sogar ein, er hätte gegrinst, weil er wusste, dass er mich kurz drangekriegt beziehungsweise erschreckt hatte. „Dein Herz sei wild“, habe ich geflüstert und ihn geküsst.

Und mit den Freunden, den Platten, dem Siegtreffer und der Schokolade hat das alles überhaupt nichts zu tun. Das Kind hat seine ganz eigene Liga, Tonart und Geschmacksrichtung. Man darf sich da nichts vormachen: Kinder sind das Größte.

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Er interessiert sich sehr für höllisch laute Musik. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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