Szene aus dem Film „Der junge Häuptling Winnetou“ mit Mika Ullritz. Ravensburger hat die den Film begleitenden Produkte zurückgezogen. Foto: dpa/Marc Reimann

Die Entscheidung von Ravensburger, die Winnetou-Kinderbücher vom Markt zu nehmen, spielt Rechtsradikalen in die Hände. Doch in der Debatte darüber liegt auch eine Chance, kommentiert der Journalist Jörg Scheller.

Während in der Schweiz über kulturelle Aneignung diskutiert wird, nachdem gleich zwei weiße Musiker wegen ihrer Rastalocken von Auftritten ausgeladen wurden, diskutiert Deutschland über Winnetou. War es richtig, dass der Verlag Ravensburger vor einem kleinen Internetmob einknickte, der Karl May Rassismus und Ravensburger kulturelle Aneignung vorwarf? Steckt hinter dem Auslieferungsstopp des Buchs „Der junge Häuptling Winnetou“ nur ein opportunistischer Akt der Imagepflege? Fast schien es, als sei der alte Aberglaube „die Mehrheit kann nicht irren“ dem neuen Aberglauben „die Minderheit kann nicht irren“ gewichen. Gleiches Denkmuster, andere Werte.

 

Kunst und Kultur in offenen Gesellschaften

Doch anstatt sich am billigen Spiel des Empörens und des Moralisierens zu beteiligen, das vor allem in den sozialen Netzwerken Wissen, Kompetenz, Vertiefung, Kritik ersetzt, sollte man einen Schritt zurücktreten und die Sache grundsätzlicher diskutieren. Was ist eigentlich kulturelle Aneignung? Und was ist die Rolle von Kunst und Kultur in offenen Gesellschaften?

Es geht nicht um Aneignung, sondern um Ausbeutung

Zur kulturellen Aneignung hat der amerikanische, ghanaischstämmige Philosoph Kwame Anthony Appiah alles gesagt, was gesagt werden muss. Im englischen Begriff „cultural appropriation“ stecke „property“, also „Eigentum“ – und Kultur, ist Appiah überzeugt, könne nie Eigentum sein. Kultur ist kein Nullsummenspiel, bei dem, wenn die einen etwas tun, die anderen es nicht tun können. Nicht Aneignung, sondern Ausbeutung; nicht Kulturtransfer, sondern Ungerechtigkeit ist das Problem. Wenn ein weißer Reaggae-Musiker Rastalocken trägt, setzt er ein Zeichen gegen nationalistische Monokulturen. Und wenn sich europäische Kinder mit „Indianern“ oder „Native Americans“ statt nur mit ihresgleichen identifizieren, ist auch das ein Schritt in Richtung offene Gesellschaft. Kunst und Kultur spiegeln nicht einfach die Verhältnisse, sondern lassen neue Verhältnisse aufscheinen.

Propaganda ist eindeutig – Kultur ist es nicht

Die Autorin Mithu M. Sanyal betont zudem, dass sich von Karl May auch vieles lernen lasse. Rassismus gebe es in seinen Texten ebenso wie ethisch Wertvolles und Progressives. Gerade deshalb sei die Entscheidung des Verlags falsch und spiele Rechtsradikalen in die Hände. Die Debatte selbst hingegen sei eine Chance. Sanyal hat recht: Kunst und Kultur sind nicht eindeutig, sonst wären sie Propaganda. Eindeutig werden sie nur durch die grobe, ideologische Auseinandersetzung mit ihnen. Wer in Debatten aus Machtkalkül auf Vereindeutigung zielt, betreibt das Geschäft von Autoritären – denn diese sind es, die seit je Vereindeutigung betreiben, um Gruppen gegeneinander auszuspielen. Und dann die unliebsamen zu canceln.