Nichts für Zartbesaitete: Chili-Wettessen in China. Foto: dpa

Ein beliebtes Gewürz gibt nicht nur unserem Essen den letzten Pfiff. Auch sonst kann man mit Chili allerhand interessante Dinge anstellen. Echt scharf!

Stuttgart - Am scharfen Essen scheiden sich die Geister. Die einen rennen schreiend davon, wenn man ihnen ein halbwegs authentisch gewürztes Gericht aus der asiatischen oder südamerikanischen Küche auftischt. Anderen wiederum kann es gar nicht scharf genug sein. Für sie ist die Scoville-Skala das Maß aller Dinge. Diese gibt die Schärfe unterschiedlicher Chilisorten an und reicht von Null bis 16 Millionen. Wobei der Höchstwert nur von reinem, kristallinen Capsaicin erreicht wird – jener Substanz, die Chili oder auch Pfeffer ihren pikanten Geschmack verleiht.

 

Im Spezialhandel sind Produkte auf Chili-Basis erhältlich, die weniger in die Kategorie Würzmittel fallen, sondern gemäß den Kriterien der Vereinten Nationen eher als chemische Kampfstoffe einzustufen sind – ähnlich wie reifer Limburger oder tausendjährige Eier aus China. Das schärfste Chili-Extrakt am Markt heißt „Mad Dog 357 No. 9 Plutonium“ und bringt es auf neun Millionen Scoville-Einheiten. Wer sich ein Gläschen davon bestellt, muss sich allerdings auf eine gesalzene Rechnung gefasst machen: 28 Gramm kosten rund 180 Euro. Der Namenszusatz Plutonium lässt erahnen, dass man sich nach dem Genuss fühlt wie ein benutzter Brennstab aus einem Atomkraftwerk, der dringend ins Abklingbecken muss.

Kulinarische Attentate auf Unschuldige

Doch offenbar taugt das scharfe Zeug nicht nur für kulinarische Attentate auf unschuldige Mitmenschen. Forscher aus China und Schweden haben herausgefunden, dass sich mit Capsaicin die Leistung eines bestimmten Solarzellentyps spürbar verbessern lässt. Ihre Ergebnisse haben sie kürzlich in der Fachzeitschrift „Joule“ veröffentlicht. Demnach erhöhte sich der Wirkungsgrad – also der Anteil der eingestrahlten Sonnenenergie, der in elektrischen Strom verwandelt wird – durch die Zugabe von Capsaicin um rund 15 Prozent.

Bevor jetzt alle mit dem Chilistreuer auf dem Dach herumkrabbeln, um ihrer Fotovoltaikanlage auf die Sprünge zu helfen: Die Forscher untersuchten nicht die bislang üblichen Silizium-Solarzellen, sondern solche aus Perowskit. Diese Stoffklasse gilt als Hoffnungsträger für eine neue Generation von Fotovoltaik-Anlagen. Denn Perowskite lassen sich aus Materialien herstellen, die leicht verfügbar und kostengünstig sind – etwa aus Metallsalzen. Vor gut zehn Jahren wurden Perowskit-Kristalle zum ersten Mal in Solarzellen getestet. Seitdem ist es gelungen, den Wirkungsgrad drastisch zu verbessern. Mit derzeit rund 25 Prozent reicht er aber noch nicht ganz an Zellen aus Silizium oder Galliumarsenid heran. Letztere bringen es auf eine Energieausbeute von fast 30 Prozent. Vielleicht ist der Einsatz von Capsaicin auch erst der Anfang – und es gelingt den Forschern mit Hilfe weiterer pikanter Zutaten, noch mehr Strom aus Solarzellen herauszuholen. Das wäre eine gute Möglichkeit, um die zuletzt doch etwas lahmende Energiewende etwas nachzuschärfen, wie man im Pandemie-Sprech sagen würde.

Scharfes Dementi

Chili sorgt nicht nur dafür, dass Elektronen in Solarzellen nicht auf Abwege geraten. Es soll auch helfen, den gefürchteten Marderfraß am Auto zu verhindern. Ein früherer Kollege verstreute deshalb reichlich Chilipulver im Motorraum und auf der Motorhaube seines Peugeot. Der Marder hielt sich von da an tatsächlich fern – was natürlich auch Zufall sein konnte. Dafür kam der Kollege eines Tages mit tränengeröteten Augen zur Arbeit: Eine ordentliche Portion Chili war in die Lüftung geraten und von dieser gleichmäßig im Innenraum verteilt worden. Wir raten deshalb dringend von dieser Methode ab, die allzu leicht ins Auge gehen kann. Auch im menschlichen Körper werden Chili positive Wirkungen nachgesagt. So soll es unter anderem die Immunabwehr stärken. Dass „Mad Dog 357 No. 9 Plutonium“ notfalls auch vor dem Coronavirus schützt, wird allerdings vom Gesundheitsministerium auf das Schärfste dementiert.

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