Die durchschnittliche Körpertemperatur ist gesunken. Was sind die Gründe? Foto: herbertfrost - Fotolia

Die Erde wird wärmer – aber unsere Körpertemperatur sinkt. Können wir damit den Klimawandel bremsen?

Stuttgart - Ein ganz normaler Tag in einer deutschen Großstadt. Auf Straßen und Plätzen sind mal wieder jede Menge Leute unterwegs, die wahnsinnig cool daherkommen. Sie kleiden sich cool, tragen coole Sonnenbrillen oder bahnen sich auf coolen E-Scootern ihren Weg durchs Gewimmel. Sie haben auf alles Bock – bloß nicht auf Stress. Total cool halt. Nichts liegt diesen abgeklärten Egos ferner als hitzige Debatten über Politik und anderes langweiliges Zeug.

 

Dank einer Studie, die kürzlich im Fachblatt „E-Life“ veröffentlicht wurde, wissen wir: Die offensiv zur Schau gestellte Coolness vieler Zeitgenossen ist mehr als nur eine Attitüde. Die Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur äußerlich immer cooler geworden, sondern auch in ihrem Inneren – zumindest wenn man die Körpertemperatur als Maßstab nimmt. Die hat sich nämlich immer weiter von den 37 Grad Celsius entfernt, die der deutsche Mediziner Reinhold August Wunderlich Mitte des 19. Jahrhunderts als Normalwert definiert hatte. Wie Wissenschaftler der Stanford University im US-Bundesstaat Kalifornien festgestellt haben, ist die durchschnittliche Körpertemperatur in den zurückliegenden 160 Jahren um rund 0,6 Grad Celsius gesunken.

Temperaturdaten von 680 000 Menschen

Dieser Befund beruht immerhin auf Temperaturdaten von fast 680 000 Männern und Frauen aus unterschiedlichen Geburtsjahrgängen seit 1862. Demnach ging die mittlere Körpertemperatur pro Jahrzehnt um 0,03 Grad zurück. Aber auch in der Wissenschaft wird nicht alles so heiß – oder in diesem Fall so kalt – gegessen, wie es gekocht wird. So könnten die Temperaturänderungen nicht auf realen Unterschieden beruhen, sondern auf systematische Messfehler zurückzuführen sein. Doch dafür fanden die Forscher keine Hinweise, nachdem sie die Daten mit diversen statistischen Methoden genauer unter die Lupe genommen hatten. Die guten alten Quecksilberthermometer waren wohl auch nicht schlechter als die heute verwendeten Instrumente.

Die Autoren der Studie führen deshalb andere denkbare Gründe ins Feld. So deute der Temperaturrückgang auf einen geringeren Grundumsatz hin. Darunter versteht man den Kalorienbedarf, den ein Mensch hat, wenn er einfach nur rumsitzt und keinerlei anstrengenden Tätigkeiten nachgeht. Das erscheine auf den ersten Blick verwirrend, räumen die Wissenschaftler ein. Denn die Menschen von heute sind größer und schwerer. Sie müssten also eigentlich mehr Nahrungskalorien verbrennen, um ihre körperlichen Grundfunktionen aufrechtzuerhalten – verbunden mit entsprechender Wärmeentwicklung. Dass das Gegenteil der Fall ist, könnte damit zusammenhängen, dass zumindest die Bewohner der Industrieländer heute meist in angenehm temperierten Räumen leben, in denen der Körper wenig Energie zum Heizen oder Kühlen braucht. Hinzu komme, so die Experten, dass die Menschen früher aufgrund schlechterer Hygiene häufiger mit Krankheitskeimen zu kämpfen hatten, was zu einer höheren Körpertemperatur geführt habe.

Coolness gegen Klimawandel?

Die Frage ist: Könnten wir dem Klimawandel etwas entgegensetzen, wenn wir unsere Körpertemperatur weiter absenken – zum Beispiel durch noch geringere körperliche und geistige Aktivität (das Gehirn schluckt immerhin bis zu einem Viertel der Stoffwechselenergie)? Leider nein. Selbst wenn wir unseren inneren Thermostaten noch ein paar Zehntelgrad nach unten drehen könnten, wäre das kein nennenswertes Gegengewicht zur Erderwärmung. Dazu ist die Wärmekapazität der Weltbevölkerung im Vergleich zu jener der Erdatmosphäre viel zu klein. Ein Tropfen auf einen heißen Stein ist im Vergleich dazu fast schon eine große Sache. Schade. Wäre doch echt cool gewesen: ohne Anstrengung in den Tag hineinleben, sich keine großen Gedanken machen und ganz nebenbei auch noch die Welt retten.

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