Kinder, packt das Monopoly aus – wir haben Corona. Foto: dpa/Franz-Peter Tschauner

Seit Corona ist unser Autor viel mehr unterwegs – vor allem zwischen Lessingstraße und Nordbahnhof. Wahlweise entwickelt er aber auch Killerinstinkt bei „Mensch ärgere dich nicht“ oder geht voll auf „Risiko“.

Stuttgart - Es war neulich abends: Ich hatte die Schlossallee und die Badstraße, dazu ein E-Werk und ein paar verstreute Straßen der Kategorie Rot und Gelb. Der Streubesitz wurde mir zum Verhängnis. Mein Sohn – in seinen Augen glomm die Gier - war besser aufgestellt. Und die Frauen der Familie vollendeten die Gentrifizierung der Monopoly-Metropole, in der Geld, Gier und Eigennutz triumphieren. Ich dagegen war raus. 

Nun gut, einige Tage zuvor hatte ich mein gesamtes Potenzial an charakterlicher Deformation und Skrupellosigkeit in die Waagschale geworfen, als wir „Mensch ärgere dich nicht“ spielten. Mein Blutdruck war zunächst starken Schwankungen unterworfen, stabilisierte sich aber am Schluss, als ich meine Figuren ins Ziel bugsierte und mit einem hämischen Grinsen die familiären Verfolger in ein System aus Sperren einmauerte, aus dem sie nicht mal mit einem Presslufthammer hätten entkommen können.

Eigentlich waren Gesellschaftsspiele nie meine Leidenschaft

Das alles zeigt: in der Pandemie, wenn weder Kinos noch Theater öffnen, Restaurants düster und kalt bleiben und die Freunde ebenfalls zur Kontaktreduzierung verdammt sind, greift die Familie auf intrinsische Vergnügungen zurück: Man spielt wieder zusammen. Ich gebe zu, das sogenannte Gesellschaftsspiel war nie meine große Leidenschaft. Im Urlaub hatten wir Spaß mit den Klassikern wie „Phase 10“ oder „Hast du Worte“ - und mit einem Spiel namens „Bullshit“, bei dem man abwägen muss, ob die Mitspieler wirklich ein gutes Blatt haben, oder hochstapeln. Wir zockten bei einer Urlaubstour durch die USA abends am Lagerfeuer, und das immer wieder ausgerufene Wort „Bullshit“ führte zu verstörten Blicken der amerikanischen Camping-Nachbarn. Aber im Alltag aber waren ausgedehnte Spielerunden die Ausnahme.

Sei Corona regiert aber setzen wir auf die segensreiche Wirkung des gemeinsamen Spiels für die kognitiven und sozialen Fähigkeiten. Erstaunlicherweise haben wir trotz emotionaler Aufwallungen und subtiler Gehässigkeiten lustige Abende. Wenn es den meisten Familien so geht wie uns, hat zumindest die Spielebranche von dem Virus profitiert.

Spielen sich hinter den Gardinen Brettspiel-Tragödien ab?

Allerdings frage ich mich, wenn ich abends noch eine Runde um die Häuser drehe, um frische Luft zu atmen, welche Dramen sich hinter den beleuchteten Fenstern gerade abspielen. Wird hier gerade ein Kleinverdiener zur würgenden Miet-Pacht eines Hauses in der Lessingstraße gezwungen? Wird bei „Risiko“ ein wehrloser Kleinstaat unterjocht? Oder übernehmen sadistische Eltern die Rolle von Günther Jauch bei „Wer wird Millionär“ (und fragen beispielsweise nach dem alten Begriff „Lehrerinnenzölibat“)?

Klar ist jedenfalls: wenn das mit dem Virus irgendwann vorbei ist, haben unsere Kinder zwar die halbe Schulkarriere verpasst, sind aber für die Herausforderungen des Lebens besser vorbereitet als alle vorherigen Generationen. Bis dahin ist aber noch ein bisschen Zeit. Und nächstes Wochenende zeig ich es ihnen. Ich werde in meinem Hotel in der Schlossallee Champagner trinken und zuschauen, wie der Rest der Familie in der Gosse landet.

Martin Gerstner ist seit Corona viel mehr unterwegs – vor allem zwischen Lessingstraße und Nordbahnhof. Ansonsten ist er seinen Kindern oft peinlich und erfüllt damit die vorgesehene Rolle als Vater. Er ist Redakteur im StZ-Titelteam.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: