Alles muss raus! Grundschüler lieben Videokonferenzen. Foto: imago images/Fotostand// K. Schmitt

Was unsere Autorin bei den Videokonferenzen ihrer Achtjährigen gelernt hat: Zweitklässlern geht Zurückhaltung und Diskretion komplett ab. Alles, was im Kopf ist, muss raus. Wirklich alles!

Stuttgart - Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bekomme im Corona-Lockdown viele Filmchen und Memes und Fotos zugeschickt, die sich mit dem Wahnsinn des selbigen beschäftigen. Manche sind wirklich lustig, andere so Joaaaa. Neulich bekam ich aber einen Cartoon, der mich richtig zum Lachen brachte. Anschauen können Sie ihn sich hier. Der Cartoon ist von Adrienne Hedger. Die Kalifornierin ist Mutter von zwei Töchtern und weiß, was der Alltag zwischen Homeschooling und Homeoffice bedeutet.

In dem Cartoon versucht ein Lehrer verzweifelt, der Videokonferenz mit seiner Grundschulklasse Herr zu werden: Ein Mädchen hält ihren Hund in die Kamera, ein Junge zeigt den Schuh seines Vaters und ein anderer brüllt aus Leibeskräften: „Bin ich noch stummgeschaltet?“ Drunter kommt die weiterführende Schule – und das komplette Kontrastprogramm: Eine einsame Lehrerin ruft in den Zoom-Orbit: „Kann jemand ‚Guten Morgen‘ sagen? Irgendjemand?“ Die Antwort: Ausgeschaltete Kameras – und tiefes Schweigen aus „gemuteten“ Mikrofonen.

Meine Töchter gehen in die zweite Klasse. Ich kenne also nur das erste Szenario. Was ich während der diversen BigBlueButton-Sitzungen der Zwillinge gelernt habe: Zweitklässlern geht Zurückhaltung und Diskretion komplett ab. Alles, was im Kopf ist, muss raus. Wirklich alles! Dass es gerade schneit. Was es zum Mittagessen gab. Dass der Wellensittich der Großtante des Freundes eine Futterunverträglichkeit entwickelt hat. Dafür streckt man so lange den Finger in die Höhe, bis man die Erlaubnis zum „Entmuten“ erhält.

Der Kater guckt in die Kamera

Viele Kinder haben im Lockdown eine Leidenschaft für „Show and Tell“ entwickelt: Das neue Hochbett, der rausgefallene Milchzahn der kleinen Schwester, das Loch im Strumpf – ist doch bestimmt auch für alle anderen von Interesse. Auch unser Kater musste sich während einer Deutschstunde am Computer bereits in die Kamera halten lassen, obwohl er darauf sicher gern verzichtet hätte und nichts zum Thema – Verben und wie man sie schreibt – beitragen konnte.

Ich bewundere in solchen Situationen die Geduld und den Langmut der Lehrerinnen und Lehrer. Wie sie freundlich, aber bestimmt das Gespräch zurück auf den eigentlichen Grund des virtuellen Zusammenkommens – Nomen, Rechnen im Zahlenraum bis 100, Jahreszeiten – bringen.

Die Mitteilsamkeit lässt mit dem Alter schlagartig nach

Freunde mit älteren Kindern versichern mir übrigens, dass sich die Mitteilsamkeit am Bildschirm schlagartig legt, sobald der Nachwuchs auf der weiterführenden Schule ist. Dann kann man froh sein, wenn sich das Kind um 8 Uhr bequemt, mit tief ins Gesicht gezogener Hoodie-Kapuze und Leidensmiene vor dem PC zu hocken und sich zu einem leise genuschelten „Morgen“ erweichen lässt.

Theresa Schäfer (39) ist Mutter von Zwillingen - und Onlineredakteurin im Nebenberuf. Der geballten Power von zwei Achtjährigen steht sie manchmal völlig geplättet gegenüber.

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