Wer eine E-Mail schreibe, fasse sich kurz Foto: dpa

Zum Glück musste der liebe Gott seine zehn Gebote nicht mit elektronischer Post an die Menschheit verschicken. Die perfekte E-Mail darf nicht länger als fünf Sätze sein.

Stuttgart - Auch die Lebensspanne des digital vernetzten Menschen ist begrenzt. Das mag der Grund sein, dass sich derzeit ein im ­Internet kursierender Verhaltenskodex für E-Mail-Nutzer großer Beliebtheit erfreut. Darin steht, dass ein elektronisch versandter Brief keinesfalls länger als fünf Sätze sein soll.

Warum gerade fünf?, fragt man sich als Mensch, der bisher gewohnt war, sein ­Leben an zehn Geboten auszurichten. Weil fünf eine Primzahl ist? Weil zu den Grund­lagen des Islam Fünf Säulen ­gehören? Weil die Fünf in Österreich die schlechteste Schulnote ist?

Lassen wir fünfe grade sein und über­legen lieber, was man in fünf Sätzen so alles sagen kann. Vermutlich allerhand. Nehmen wir nur mal den Dichter Heinrich von Kleist, wohl einer der wenigen Erdenbürger, der die Gabe besaß, sich in ellenlangen Schachtelsätzen klar auszudrücken. In fünf Sätze hätte der zur Not seinen „Michael Kohlhaas“ gepackt.

Vielsprechend in der Hinsicht dürfte auch der Grieche Solon gewesen sein, der mal einen Satz schrieb, der über 300 Zeilen ging. Gern hätten wir für die Generation Twitter ausgerechnet, wie viel das in Tweets ist, aber leider haben wir keinen Hinweis auf die Zeilenbreite gefunden.

Nicht schlecht auch der österreichische Schriftsteller Hermann Broch (1886 bis 1951). Ihm gelang in seinem im amerikanischen Exil geschriebenen Roman „Der Tod des Vergil“ ein Satz mit 1077 Wörtern. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass darin nicht Bruttolohnumwandlungsberechnung steht, kommt bei 1077 Wörtern ganz schön was zusammen.

Sie sehen, man muss nur die richtigen Schreiber ranlassen, dann können fünf Sätze verdammt viel sein – womöglich gar zu viel. Was soll nach einem Satz wie „Ich erkläre Dir hiermit den Krieg“ oder „Du bist die größte Pfeife, die mir jemals ­begegnet ist“ noch kommen? Jeder weitere Satz würde die Klarheit der ­Botschaft verwässern.

Wüssten Sie übrigens, dass die perfekte Zeitungskolumne 21 Sätze lang ist? Wenn Sie es nicht glauben, zählen Sie nach.

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