Johannes Mehne arbeitet als Arzt im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus. Hier schreibt er über seine Alltagserfahrungen während der Pandemie, über Medizin und seine Erlebnisse mit Patienten.
Stuttgart - Als die Corona-Krise vor zwei Jahren begann, wusste keiner, was auf uns zukommt. Wie schlimm es wird. Wie lange es dauert. In der Erwartung, uns als Ärzte mit aller Kraft einzubringen, machten wir uns bereit. Ich erinnere mich gut an die Gespräche, die wir damals in der Mittagspause in unserer Kantine geführt haben. Es war eine Zeit, in der wir noch eng beisammensaßen und Masken nur aus dem OP kannten.
Aufgeregt und gespannt
Die Stimmung hatte etwas von gespannter, fast aufgeregter Erwartung: Ein neues Krankheitsbild, das wir nicht aus Studium und Arbeitsalltag kannten. Bei dem wir aber gebraucht würden, um unserer Aufgabe gerecht zu werden, die Menschen vor schweren Verläufen einer Infektion zu schützen. Einige meiner Kollegen zogen extra ihren Urlaub vor. Sie wollten zur Verfügung stehen, wenn es soweit sein würde und sich die Krankenhäuser mit Corona-Patienten füllten.
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Tausende Menschen mussten seither im Krankenhaus behandelt werden. Das ärztliche und das pflegerische Personal hat um jeden von ihnen gekämpft – bei manchen erfolgreich, bei anderen nicht. Das hat an unseren Kräften gezehrt. Müde gemacht. Und enttäuscht. Am bewegendsten ist für mich die Geschichte von Herrn Güney und Herrn Seyfried. Die Namen der beiden sind geändert, auch ihr Impfstatus soll an dieser Stelle keine Rolle spielen. Herr Güney und Herr Seyfried kamen fast gleichzeitig auf unsere Corona-Intensivstation und belegten dort zwei Betten nebeneinander.
Diabetes und Bluthochdruck als Risikofaktoren
Sie waren Mitte Sechzig, hatten leichtes Übergewicht. An Risikofaktoren für einen schwerwiegenden Verlauf brachten sie sonst noch die Zuckerkrankheit und den Bluthochdruck mit. Anfangs drückte sich ihre Corona-Infektion nur durch ein bisschen Husten und Fieber aus. Doch nach ein paar Tagen kam bei beiden Luftnot mit dazu. Auf die Intensivstation mussten die zwei Männer, weil sich eine schwere Corona-Lungenentzündung entwickelt hatte und sie aus eigener Kraft immer schlechter Luft bekamen. Bei beiden stand eine künstliche Beatmung im Raum, bei der Maschinen die Atmung unterstützen oder ganz übernehmen müssen.
Von da an entwickelten sich ihre Wege unterschiedlich: Herr Güneys Krankheitszustand hielt sich stabil, während es Herrn Seyfried immer schlechter ging. An beiden Betten verbrachten wir Ärzte Stunden und rangen um die beste Möglichkeit, ihnen zu helfen. An beiden Betten verbrachten die Intensivpflegekräfte Tage und taten alles, um die Patienten bestmöglich zu versorgen.
Künstliche Lunge
Weil am Ende die Lunge von Herrn Seyfried ihre Aufgabe überhaupt nicht mehr wahrnehmen konnte, den Körper mit überlebenswichtigem Sauerstoff zu versorgen, wurde er an eine Art künstliche Lunge angeschlossen: Aus den Blutgefäßen des Körpers führt ein Schlauch raus und einer wieder rein. Eine Maschine ist dazwischengeschaltet und reichert das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff an. Es ist die letzte Therapiemöglichkeit beim Lungenversagen. Am Ende half auch sie nicht mehr, Herr Seyfried verstarb wenige Tage später.
Nicht das ganze Bild
Das ist das traurige Bild der Corona-Krise. Aber das ist nicht das ganze Bild. Immer öfter enden die Geschichten auch wie die von Herrn Güney: Bei ihm erholte sich die Lunge nach einer schweren Krankheitsphase wieder. Als er die Station verlassen konnte, war er zwar sehr geschwächt. Aber er konnte dies am Rollator selbstständig tun.
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Wenn Patienten aufrechten Hauptes von der Corona-Intensivstation gehen können, sorgt das dort oft für eine besondere Atmosphäre: Wir Ärzte und Pflegekräfte begeben uns dann, wenn es möglich ist, auf den Gang, der zum Ausgang führt. Der Patient wird auf seinem Weg dorthin beklatscht – und ein bisschen jubeln wir auch immer über uns selbst. Es gibt einige feuchte Augen. Das ist der größte Lohn für die harte Arbeit.
Johannes Mehne als Kolumnist
Der Kolumnist
Johannes Mehne hat in den vergangenen zwei Jahren in der Abstrich-Ambulanz, der Notaufnahme und auf den Intensivstationen Patienten behandelt, die an Corona erkrankt waren. Der 35-Jährige promovierte an der Berliner Charité, schloss in Dortmund ein Journalistik-Studium ab und volontierte beim ZDF. Er schreibt an dieser Stelle künftig regelmäßig.