1891 kommt der 16-jährige Rudolf Duala Manga Bell (rechts) mit einem Begleiter nach Aalen in die Lehrerfamilie Oesterle, um dort Deutsch zu lernen. Foto: Familienarchiv Rolf-Dieter Röger und Georg Röger//latino

1914 wird der Duala-König Rudolf Manga Bell nach einem Scheinprozess hingerichtet. Jetzt erinnern Ulm und Aalen an dieses Kolonialverbrechen – aus guten Gründen.

Im Schülerverzeichnis der fünften Klasse des Ulmer Gymnasiums des Jahres 1896 steht er dem Alphabet gehorchend gleich an erster Stelle. Rudolf Bell heißt er dort, und er ist gut sieben Jahre älter als die meisten seiner Mitschüler. Geboren in Bell-Town, Kamerun, wohne er in der Koststelle von „Frau Inspektor Caspart“, so erfährt man aus der Liste. Auch der Stand des Vaters ist vermerkt. „Thronfolger“ steht dort lapidar, wo bei den anderen Kaufmann, Lehrer oder Oberförster eingetragen ist.

 

126 Jahre später, am 7. Oktober dieses Jahres, soll dem ungewöhnlichen Schüler in Ulm ein Platz gewidmet werden, dicht bei seiner ehemaligen Schule, aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gebäuden von Staatsanwaltschaft und Landgericht. Der Platz passe gut, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und Gemeinderat Martin Rivoir, der den fast einstimmigen Gemeinderatsbeschluss initiiert hat. Denn Rudolf Duala Manga Bell, wie er mit vollem Namen heißt, wurde ein unschuldiges Opfer der deutschen Justiz, wenn auch nicht derjenigen in Ulm.

Die SPD sprach von einem Justizmord

Am 8. August 1914 – gerade war der Erste Weltkrieg ausgebrochen – war er nach einem Scheinprozess in seiner afrikanischen Heimat von der deutschen Kolonialverwaltung hingerichtet worden. Als Berater seines Vaters und später als König hatte er sich mit juristischen Mitteln gegen Übergriffe der Kolonialverwaltung und eine gewaltsame Umsiedlung seines Volkes gewehrt. In einer Petition hatte er sogar den Reichstag angerufen. Duala Manga glaubte an den deutschen Rechtsstaat. Doch der war damals rassistisch und hatte für Schwarze keine Gültigkeit. Sein Bemühen, sich gegen Kolonialismus einzusetzen, wurden ihm später als Hochverrat ausgelegt, worauf die Todesstrafe stand.

Die Ulmer sind nicht die einzigen, die dieser Tage des Duala-Prinzen gedenken. Auch der Aalener Gemeinderat hat beschlossen, einen Platz nach ihm zu benennen. Ein Termin steht allerdings noch nicht fest, der Platz nahe der Ritterschule muss erst noch umgestaltet werden.

Der Prinz liebte Aalen

Während Duala Manga in Ulm nur kurz wohnte, ehe er 1897 von seinem Vater nach Afrika zurückbeordert wurde – von seinem Aufenthalt zeugt nicht viel mehr als die Schülerliste –, hinterließ er in Aalen einen bleibenden Eindruck. Fünf Jahre verbrachte er dort, und es sollen nach eigenem Bekunden die glücklichsten seines Lebens gewesen sein.

Der Klassenkamerad und spätere Porzellanfabrikant Hermann Stützel-Sachs berichtete in den 1960er Jahren in einer Artikelserie in der Lokalzeitung von der freundlichen Aufmerksamkeit, die „Aalens erstem Schwarzen“ damals zuteil wurde. Stolz berief man den jungen Königssohn, der in Aalen Deutsch lernen sollte und die Volksschule besuchte, sogar in die Denkmalskommission für den Literaten Christian Friedrich Daniel Schubart. Duala Manga nahm sich der ehrenvollen Aufgabe gerne an. Lieber aber soll er mit seinen Klassenkameraden ins Freibad gegangen sein, wo er andere erschreckte, indem er plötzlich neben ihnen auftauchte und „Huch, da bin ich“ rief.

Kamerun feiert die Platztaufe

„Es ist gut, wenn sich die Aalener Stadtgesellschaft mit Deutschlands kolonialistischer Vergangenheit befasst“, sagt der Stadtarchivar Georg Wendt. Aufmerksam verfolgt werden die Entwicklungen aber auch in Kamerun. Beim Stamm der Duala gilt Rudolf auch heute noch als Märtyrer. Tränen soll die Nachricht ausgelöst haben. „Ich wurde sogar gebeten, den Platz zu fotografieren und die Bilder nach Kamerun zu schicken“, erzählt der Ulmer Rivoir. Vor einem Jahr war er mit seinem Vorstoß, die Mohrengasse umzubenennen, noch gescheitert.

Beim Festakt wird neben der baden-württembergischen Justizministerin Marion Gentges (CDU) auch der Großneffe Jean-Pierre Félix-Eyoum sprechen. Bei München arbeitete er als Sonderschullehrer. Im Juni übergab er wie schon sein Großonkel eine Petition. Das damalige Unrecht solle anerkannt und Rudolf rehabilitiert werden, lautet die Forderung an den Staat. Bisher gebe es noch keine Entscheidung, doch von den Platzbenennungen im Württembergischen erhoffe er sich Rückenwind. „In Kamerun herrscht euphorische Stimmung.“