Die Drogensucht prägte Haftbefehls Leben. Foto: dpa

Die Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ zeigt die Drogenabhängigkeit des Musikers. Eine Stuttgarter Suchtberaterin klärt, ob der Film zur Suchtprävention taugt.

Die Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl Story“ zeigt den Aufstieg von Aykut Anhan, alias Haftbefehl, zu einem der erfolgreichsten Rapper Deutschlands, aber auch seine Kokain-Sucht, die ihn fast zerstörte. Die Stuttgarter Suchtberaterin Nina Fletschinger erklärt im Interview, ob die Doku zur Abschreckung im Schulunterricht geeignet wäre, wie Angehörige mit Suchterkrankten umgehen sollten und welche Auswirkungen Kokainsucht haben kann.

 

Frau Fletschinger, die Netflix-Doku über Haftbefehl ist ein großer Erfolg. Wie hat sie Ihnen aus professioneller Sicht gefallen?

Man hat wirklich einen sehr ehrlichen und schonungslosen Einblick in das Leben dieses suchtkranken Rappers erhalten. Es hat mich überrascht, dass er sich so verletzlich gezeigt hat. Für Menschen, die sonst keine Einblicke in die Welt der Drogensucht haben, kann die Doku sicherlich auch erschreckend sein. Wir sehen ähnliche Muster bei unseren Klienten und Klientinnen, deshalb ist es für uns nichts neues. Mich überrascht aber, dass er so lange durchgehalten hat. Das ist bei einem täglichen Konsum nicht unbedingt die Regel. Außerdem wundert es mich, dass er nie dazu übergegangen ist, das Kokain zu rauchen – da sprechen wir dann von Crack. Viele wollen den Rausch irgendwann steigern.

Denken Sie, dass die Doku eine abschreckende Wirkung entfalten könnte?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Doku für Menschen, die noch nicht so intensiv Kokain konsumieren und bisher dachten, dass sie es im Griff haben, augenöffnend sein kann. Vielleicht sucht der ein oder andere eine Beratungsstelle auf, um abzuklären, ob er sich schon in einer Abhängigkeit befindet. Wenn man jedoch schon tief in der Abhängigkeit drin ist, wird die Doku vermutlich nicht abschrecken, denn dann hat man selbst schon schlimme Erfahrungen beispielsweise mit dem Tod anderer Abhängiger gemacht.

Nina Fletschinger berät bei der Beratungsstelle Release Stuttgart. Foto: ©®arnefotos

Das Buch und der Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wurden oft im Schulunterricht zur Abschreckung vor Drogen verwendet. Dies ist aber inzwischen umstritten, weil Jugendliche mit einer Affinität zu Drogen sich Christiane F. eher zum Vorbild nahmen. Würde sich die Doku über Haftbefehl aus Ihrer Sicht als Schulmaterial eignen?

Auch hier besteht die Gefahr, dass man sich Haftbefehl trotz allem als Vorbild nimmt, weil er es trotz seines Konsums zu Ruhm und Geld gebracht hat und immer noch Menschen an seiner Seite hat, die zu ihm stehen. Die Lebenswelt vieler Suchterkrankter sieht aber anders aus. Viele verlieren beispielsweise ihren Wohnsitz oder ihre Familie, das ist alles andere als glamourös. Wenn man den Film in der Schule zeigt, müsste man ihn dementsprechend einordnen und nachbereiten. Der Film zeigt aber auch viele andere wichtige Aspekte, die man im Unterricht aufgreifen und mit den Schülern besprechen könnte. Themen wie mentale Gesundheit bei Jungen oder Männern, wie prägend Eltern sein können oder auch Migrationshintergrund und Armut.

Die Doku zeigt, wie sehr sich Aykut Anhan verändert – es gibt eine Szene, in der er allein mit der Kamera ist und verwirrte Selbstgespräche zu führen scheint. Ist das typisch bei einer Kokainsucht?

Wenn der Rausch vorbei ist, verfallen viele Konsumenten in Unruhe oder sogar Paranoia, das könnte bei Aykut Anhan in der Szene der Fall gewesen sein. Düstere Stimmungen bis hin zu Suizidgedanken sind ebenfalls möglich.

Auch die optischen Veränderungen sind erschreckend– man erkennt Aykut Anhan am Ende der Doku kaum noch. Bei aktuellen Auftritten versteckt er seine untere Gesichtshälfte. Warum sieht er so aus?

Da Kokain meist durch die Nase geschnupft wird, entzündet sich diese immer wieder. Irgendwann zerstört man dadurch die Nasenscheidewand, wie es bei Haftbefehl wohl auch passiert ist. Wir haben ebenfalls Klientinnen und Klienten, deren Nasenscheidewand irreparabel perforiert ist. Bei Schnupfen läuft das Sekret permanent durch.

Die Doku macht deutlich, wie das Umfeld unter Haftbefehls Kokainsucht leidet. Was raten Sie Angehörigen von Drogensüchtigen?

Zunächst raten wir ihnen, die Sucht als psychische Erkrankung anzuerkennen und Geduld und Verständnis zu haben. Wir raten ihnen, das Gespräch mit dem Betroffenen zu suchen – immer wieder. In dem Gespräch sollte man keine Vorwürfe machen, kann aber die eigenen Sorgen kommunizieren. Doch man muss für sich selbst auch Grenzen setzen und zunächst herausfinden, wo diese liegen. Manche setzen beispielsweise die Grenze, wenn die eigenen Kinder die Sucht mitbekommen oder wenn die Beziehung zu sehr darunter leidet. Ganz wichtig ist, dass Angehörige sich auch Hilfe suchen – zum Beispiel bei Angehörigen-Beratungen oder Selbsthilfegruppen.

Durch die Doku hat das Thema Kokainsucht viel Aufmerksamkeit bekommen. Welche langfristigen Folgen würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Empathie und das Verständnis, das viele nach der Doku für den Künstler empfinden, auch auf andere überträgt, die nicht im Rampenlicht stehen. Leider gibt es oft diese Doppelmoral, dass man dem erfolgreichen Rapper Empathie entgegenbringt, aber nicht dem Suchterkrankten, den man auf der Königstraße sitzen sieht. Außerdem hoffe ich, dass für Betroffene die Hemmschwelle sinkt, sich Unterstützung zu suchen, wenn sie sehen, dass Haftbefehl ebenfalls in Therapie ist. Es bedeutet keine Schwäche, wenn man sich Unterstützung sucht.

Beratung für Suchtkranke

Release Stuttgart e.V.
Nina Fletschinger ist Suchtberaterin bei Release Stuttgart. Hier finden Konsumenten und Angehörige Beratung und Hilfe bei Sucht- und Drogenthemen. Interessierte können sich unter 0711/26 84 32 30 an die Beratungsstelle wenden. Weitere Informationen gibt es hier.