Grillen in geschlossenen Räumen ist gefährlich – selbst wenn die Geräte dafür ausgerichtet sind. Foto: dapd

Der Kohlenmonoxid-Unfall in Vaihingen an der Enz ist kein Einzelfall – immer wieder kommt es zur lebensgefährlichen Grill-Vorfällen in der Region Stuttgart und darüber hinaus – eine Übersicht.

Region - Durchaus häufig passieren Kohlenmonoxid-Vergiftungen durch Grillaktionen in geschlossenen Räumen, wie in Vaihingen an der Enz im Kreis Ludwigsburg am Samstag, bei der acht Frauen ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Erst am Samstag sind in Bremen acht Menschen schwer verletzt worden, weil sie zum Heizen einen Holzkohlegrill in einen geschlossenen Raum gestellt haben. Am Sonntag gab es für Bremen weder von der Feuerwehr, noch von der Polizei Neuigkeiten zum Gesundheitszustand der Verletzten. Ihnen war die Gefahr offenbar nicht bewusst: Einer der Anwohner in Bremen hat sich nach Angaben der Retter nach dem Vorfall am Freitagabend trotz der Aufklärung durch die Rettungskräfte noch geweigert, sich behandeln zu lassen.

Die sieben übrigen Verletzten wurden zur Behandlung in Kliniken gebracht. Zwei kamen für eine Überdruck-Therapie in eine Spezialklinik nach Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Die Gruppe hatte den Rettungsdienst benachrichtigt, nachdem einer der Beteiligten einen Krampfanfall erlitt, teilte die Feuerwehr mit. Beim Fall in Vaihingen an der Enz konnten sieben Frauen das Krankenhaus bereits verlassen, eine ist noch zur Behandlung in der Klinik. Der tragische Fall der vierköpfigen Familie, die in Esslingen vergangene Woche an Kohlenmonoxid gestorben ist, hatte als Ursache offenbar ein Heizungsrohr, aus dem das tödliche Gas geströmt ist.

Zahlreiche Vorfälle in der Region Stuttgart

In der Region gab es erst im Dezember 2017 einen Fall von Kohlenmonoxid beim Grillen in Aichwald im Kreis Esslingen. Ein 53-Jähriger Mann wollte in einem unbelüfteten Keller Würstchen grillen. Die Gaskonzentration stieg, er drohte das Bewusstsein zu verlieren. Zwar erkannte er die Gefahr und wollte den Kellerraum verlassen, brach aber beim Weg nach oben zusammen. Zum Glück fand sein Sohn den 53-Jährigen und konnte ihn in letzter Sekunde retten.

Gleich zwei Vorfälle gab es im Jahr 2010: In Stuttgart wollten zwei befreundete Familien trotz schlechten Wetters nicht aufs Grillen verzichten – und verlegten den Grill kurzerhand in eine Garage. Um die Nachbarn nicht zu stören, wurden Fenster und Tore geschlossen. Es stellte sich bei mehreren Personen ein Schwindelgefühl ein, zwei Menschen wurden ohnmächtig. Sie wurden noch rechtzeitig ins Freie gebracht, fünf Personen zwischen 13 und 52 Jahren mussten ins Krankenhaus nach Ulm.

In Schwieberdingen im Kreis Ludwigsburg funktionierte bei einem Kindergeburtstag im Jahr 2010 die Heizung nicht mehr – woraufhin der Vater den nur noch glimmenden Grill vom Balkon ins Zimmer holte. Sechs Kinder und eine Frau wurden verletzt: Zwei Stunden nach Reinholen des Grills klagten die Mutter, ihre Tochter und deren fünf Geburtstagsgäste zwischen zehn und zwölf Jahren über Atemnot und Schwindelgefühle. Der 42-jährige Vater wurde wegen gefährlicher Körperverletzung angezeigt.

Sechs Jugendliche sterben 2017 bei Würzburg

In der Nähe von Würzburg starben im Januar 2017 sechs Jugendliche, weil sie den 18. Geburtstag in einer Gartenhütte feiern wollten. Der Vater und Besitzer der Gartenhütte verlor zwei seiner eigenen Kinder. Schuld war ein im Technikraum des Häuschens aufgestellter benzinbetriebener Stromgenerator, der nicht für Innenräume geeignet war.

Kohlenmonoxid-Vergiftungen (CO-Intoxikationen) sind weltweit die Hauptursache für tödliche Vergiftungen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) verzeichnet für 2015 insgesamt 648 Todesfälle durch die „toxische Wirkung von Kohlenmonoxid“. Es ist der mit Abstand höchste Wert seit 1998 (477). Davon sind laut Statistik 146 Vergiftungen auf Unfälle sowie 347 auf „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ (etwa Suizid) zurückzuführen.

Die unsichtbare Gefahr – das raten Experten

Die Zahl der nicht tödlich endenden Vergiftungsfälle dürfte um ein Vielfaches höher liegen, zumal zahlreiche Zwischenfälle nicht bekannt werden. Laut Axel Hahn, Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vergiften sich geschätzt mehr als 3000 Menschen in Deutschland mit Kohlenmonoxid. „Wie viele es wirklich sind, wissen wir nicht, weil es in Deutschland kein Vergiftungsregister gibt.“ Auf Grund ihrer unspezifischen Symptomatik werde eine Kohlenmonoxid-Vergiftung oft nicht erkannt oder falsch gedeutet, so Hahn.

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Was macht Kohlenmonoxid so gefährlich?

Kohlenstoffmonoxid oder Kohlenmonoxid (CO) besteht aus den chemischen Elementen Kohlenstoff (C) und Sauerstoff (O). Es ist ein farb-, geruch- und geschmackloses Gas, das sogar durch Betondecken und Wände dringt. Kohlenmonoxid entsteht, wenn kohlenstoffhaltige Materialien wie Öl, Gas, Holz, Pellets oder Grillkohle bei hoher Temperatur verbrannt werden und gleichzeitig die Sauerstoffzufuhr nur gering ist.

Das Gas ist deshalb so hochgiftig, weil es das Hämoglobin im Blut bindet und den Transport von Sauerstoff unmöglich macht. Beim Hämoglobin handelt es sich um Eiweiße (Proteine), die in den roten Blutkörperchen Sauerstoff binden und ihnen ihre rote Farbe verleihen.

Warum sind Indoor-Grills so gefährlich?

Eine besondere Gefahrenquelle sind Indoor-Grills. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Materialforschung und -prüfung (BAM) warnen: „Selbst wenn Fenster, Türen oder auch das Garagentor aus ‚Sicherheitsgründen‘ geöffnet sind, können CO-Konzentrationen auftreten, die zum Tode führen.

Diese Gefahr besteht auch bei Geräten, die als spezielle ‚Indoorgrills‘ ausgelobt werden, obwohl sie glühende Holzkohle als Wärmequelle verwenden, oder bei holzkohlebefeuerten Kochtöpfen, so genannten ‚hot pots‘, wenn sie im Wohnzimmer oder in Restaurants betrieben werden. Wenn Türen und Fenster nicht ausreichend zum Lüften geöffnet sind, wie zum Beispiel bei Grillfesten in einer Tiefgarage, können CO-Konzentrationen entstehen, die tödlich sind.“

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