Sandy und Natascha Koob sind trotz der Erkrankung ein eingespieltes Team. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Nicht nur Menschen, auch Hunde können an Demenz erkranken. So wie Sandy, die Hündin von Natascha Koob. Was die Krankheit mit Sandy macht – und wie ihre Besitzerin damit umgeht.

Dass mit ihrer Hündin Sandy etwas nicht stimmt, merkt Natascha Koob, als ihr bester Freund auf die Knie geht und nach der Hündin ruft – und sie nicht reagiert. Beim Sommerfest des Tierheims Stuttgart im vergangenen Jahr sei das passiert, erzählt Koob, die selbst für das Tierheim arbeitet. „Er wollte sie begrüßen, wie immer, und sie hat ihn ignoriert. Sandy hat ihn einfach nicht mehr erkannt.“

 

Denn die 15-jährige Hündin ist dement. Und damit ist sie nicht allein: Laut der Tierärztlichen Hochschule Hannover zeigt etwa jeder dritte Hund im Alter von 12 Jahren und sogar jeder zweite Hund im Alter von 15 Jahren Symptome einer Demenz. Medizinisch wird die Erkrankung als Canines Kognitives Dysfunktionssyndrom bezeichnet. Es handelt sich um eine fortschreitende, altersbedingte Hirnerkrankung, ähnlich wie Alzheimer beim Menschen.

Sandy lebt seit sieben Jahren bei Natascha Koob, sie hat die Hundedame aus dem Stuttgarter Tierheim adoptiert. Die beiden sitzen auf einer roten Couch, Sandy drückt sich dicht an ihr Frauchen. Als Koob ihr das Kommando gibt, „Platz“ zu machen, schaut Sandy sie lange an. Keine Reaktion. Mit den Kommandos ist die 15-jährige Hündin mittlerweile überfordert.

Sandy verliert die Orientierung

Die Hundedame sei früher sehr agil gewesen, sehr aufmerksam, aber ruhig, erinnert sich Natascha Koob. Sie habe jeden Besucher freudig begrüßt, ihn abgeschnüffelt und sich ihre Streicheleinheiten abgeholt. Das hat sich verändert. Mit dem Alter kamen auch körperliche Probleme, die Hundedame hört und sieht mittlerweile schlechter und hat Arthrose. Und schon vor zwei Jahren habe sie vermutlich die ersten Anzeichen einer Demenz gezeigt, sagt Koob.

Hündin Sandy. Foto: Lichtgut / Christoph Schmidt

Sandy verliert immer mehr die Orientierung. „Wir wohnen im ersten Stock und wenn wir rausgehen, dann laufen wir immer links die Treppen herunter. Jetzt fängt Sandy auf einmal an, nach rechts zu laufen, weil sie es nicht mehr versteht“, schildert Koob. Manchmal steht die Hündin auch einfach mit dem Kopf in der Ecke einer Wand – weil sie nicht mehr weiß, wohin. Auch das Körbchen unter dem Tisch in Natascha Koobs Büro wird zur Herausforderung. Sandy findet den Einstieg nicht mehr und bleibt ständig mit ihren Pfoten hängen. Die Hündin ist außerdem unsicher und anhänglicher geworden. „Wir waren schon immer ein verschmustes Paar, aber jetzt sucht sie noch mehr die Nähe. Sie braucht immer ein bisschen meinen Support“, erzählt Koob.

Hunde werden immer älter

Stephan Schroth von der Kleintierpraxis am Haigst kennt einige Tiere, die von der Erkrankung betroffen sind. „Die Hunde werden immer älter und die Krankheit ist sehr stark mit dem Alter verbunden und nimmt somit automatisch zu. Es ist eigentlich fast unser Tagesgeschäft“, sagt der Stuttgarter Tierarzt.

Die Erkrankung beginne häufig damit, dass die Tiere ihren Tag-Nacht-Rhythmus verlieren, sie also nachts wach sind, unsicher werden und bellen. Auch veränderte Verhaltensweisen seien ein Symptom, beispielsweise, dass der Hund ständig Hunger hat, oder dass er unsicher wird gegenüber anderen Hunden. Wie sich die Erkrankung entwickelt, ist unterschiedlich, so Schroth. Im Verlauf können Tiere unter anderem ihre Stubenreinheit verlieren. In sehr starken Stadien könne es auch passieren, dass der Hund seinen Besitzer nicht mehr erkennt oder sich in seinem Zuhause gar nicht mehr zurechtfindet, erläutert der Tierarzt.

Wenn alte Hunde schwerhörig werden oder schlechter sehen, fördere das auch den kognitiven Abbau. „Sie haben dadurch immer weniger Input für das Gehirn“, erläutert Stephan Schroth. „Die Tiere ziehen sich in sich zurück und das fördert so ein Geschehen.“

„Wir sind im letzten Kapitel angekommen“

Dass Sandy dement ist, war Natascha Koob gleich klar, sie habe das auch schon bei anderen Hunden erlebt. Die größte Herausforderung an der Krankheit ist für sie die emotionale Belastung: Zu wissen, dass Sandy alt ist und ihr Leben auf sein Ende zugeht. „Nach ihr zu schauen und zum Tierarzt zu müssen, das ist alles nicht schlimm, das ist einfach meine Aufgabe. Aber tatsächlich zu wissen, wir sind jetzt im letzten Kapitel angekommen, ist furchtbar schlimm für mich“, sagt Koob.

Momente, die schwer für sie sind, gebe es ständig. Morgens wenn Natascha Koob aufsteht, lässt sie ihre Hündin noch liegen, schildert sie. Wenn sie dann zurückkommt, sehe sie manchmal, wie Sandy hechelnd auf dem Bett sitzt und sich umschaut. „Für mich sieht das immer so aus, als wüsste sie gerade nicht, wo sie ist“, erzählt die Hundebesitzerin. Ein Anblick, der sie schmerzt: „Wenn sie einfach nur in der Gegend rumläuft und gerade nicht weiß, was sie tun soll, aber sonst entspannt ist, ist das halt so. Aber wenn ich das Gefühl habe, sie ist jetzt im Stress, ist das einfach schlimm für mich.“

Welche Möglichkeiten zur Behandlung gibt es?

Wie können Hundebesitzer erkennen, ob ihr Hund an Demenz leidet? Es sei wichtig, auf veränderte Verhaltensweisen zu achten, sagt Stephan Schroth. Zu unterscheiden, ob der Hund nur senil sei oder an der kognitiven Erkrankung leidet, sei schwierig. Er rät, regelmäßig zum Tierarzt zu gehen und körperliche und kognitive Veränderungen, die man bemerkt, zu besprechen.

Es ist wichtig, die Erkrankung möglichst früh zu erkennen. Dann habe man noch Einflussmöglichkeiten, so der Tierarzt. „Wenn der Hund völlig desorientiert ist und große Ausfallserscheinungen zeigt, hat man praktisch keine Möglichkeiten mehr“, so Schroth. Es gebe zwei Ansätze zur Behandlung: Zum einen Futterzusatzstoffe, die bestimmte Fettsäuren, Vitamine und durchblutungsfördernde Stoffe enthalten und das Gehirn unterstützen sollen. Zum anderen gebe es auch Medikamente, um unter anderem den Verlust des Tag-Nacht-Rhythmus besser in den Griff zu bekommen. Hundehalter können mit ihrem Tier beispielsweise auch Suchspiele durchführen, um das Gehirn zu fördern und zu fordern, sagt der Tierarzt. Die Erkrankung ist jedoch nicht heilbar.

Natascha Koob versucht Sandys Kopf möglichst fit zu halten, indem sie mit ihr Kommandos übt oder sie nach Leckerlis suchen lässt. Außerdem mischt sie bestimmte Öle mit Omega-3-Fettsäuren unter ihr Futter. Auch ein Medikament habe sie schon ausprobiert, die Hündin habe es jedoch nicht vertragen, erzählt Koob.

Das sollten Besitzer eines dementen Hundes beachten

Worauf sollten Hundebesitzer im Umgang mit einem Tier achten, das kognitiv erkrankt ist? Ein sicherer, koordinierter Tagesablauf sei wichtig, sagt Stephan Schroth: Dass der Hund genau weiß, an welchem Ort und zu welcher Uhrzeit es beispielsweise Futter gibt. Draußen sollte man den Hund außerdem eher an der Leine führen. Und auch im Umgang mit anderen Hunden sollte man aufpassen. „Das kann durchaus schwierig sein, weil sie nicht verstehen, warum der Hund so komisch reagiert. Und das kann zu Aggressionen führen“, so Schroth.

Bei der schwierigen Frage, wann man das betroffene Tiere einschläfern soll, komme es auf die Lebensqualität des Tieres an, sagt der Tierarzt. „Es ist immer eine Absprache, inwieweit kann der Tierbesitzer damit umgehen und inwieweit ist es ein Leiden für den Hund.“

Sandy hat noch viel Freude am Leben, schildert Natascha Koob. Sie esse noch mit viel Appetit, freue sich immer wieder über Dinge und suche die Nähe zu Koobs Kollegen im Tierheim. „Wenn ich merke, dass es ihr schlecht geht und sie nicht mehr will, werde ich in ihrem Sinne entscheiden“, sagt die Hundebesitzerin. „Aber soweit sind wir noch nicht. Dafür ist das Leben zu schön.“