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Neun Jahre nach Stuttgart lösen die Körperwelten keine Empörung aus – 600 Schulklassen kommen.

Ludwigsburg - Die umstrittene Anatomie-Schau Körperwelten wird sich voraussichtlich auch in der Ludwigsburger Arena zu einem Publikumserfolg entwickeln. Bereits vor der Eröffnung an diesem Freitag gingen mehr als 25.000 Tickets weg, insgesamt werden bis Mitte September etwa 150.000 Besucher erwartet. „Wir sind begeistert über den tollen Vorverkauf“, erklärte Michael Scholz von der Veranstaltungsagentur Eventstifter bei einer Vorbesichtigung am Donnerstag.

Laut seinem Geschäftsführerkollegen Helmut Klass haben sich allein 600 Schulklassen für einen Besuch der Anatomie-Schau angekündigt. An diesem Samstag werden außerdem 120 Lehrer in Ludwigsburg erwartet, um sich vor der Entscheidung über einen Schülerausflug im Rahmen des Bio-Unterrichts ein persönliches Bild von der Ausstellung in der Arena zu machen.

„Eigentlich hatten wir Ludwigsburg trotz der Nähe zu Stuttgart nicht unbedingt als Standort auf der Agenda“, sagte Körperwelten-Kuratorin Angelina Whalley. Die ungewöhnlich guten Zahlen im Vorverkauf seien ein Beleg, dass der Ausstellungsort im Ballungsraum eine richtige Entscheidung gewesen sei. Die Ehefrau von Körperwelten-Erfinder Professor Gunther von Hagens hob beim Besichtigungstermin den erzieherischen Aspekt hervor. „Wir können einen neuen Blick auf unseren Körper gewinnen – und sehen, dass es sich lohnt, etwas für seine ­Gesundheit zu tun“, so die ausgebildete Ärztin. Bei Umfragen unter den Besuchern der Körperwelten hätten 25 Prozent betont, sich künftig mehr sportliche Bewegung zu gönnen. Immerhin neun Prozent hätten nach dem Blick auf eine plastinierte Raucherlunge dem Tabakkonsum abgeschworen.

Bei jüngeren Plastinaten wird deutlich mehr Wert auf Ausdrucksstärke gelegt

Zu sehen sind in der Arena Ludwigsburg bis zum 20. September mehr als 200 einzelne Exponate. Neben dem im Ausstellungstitel „Herzenssache“ zum Schwerpunkt erklärten Blutkreislauf werden Plastinate einer Bauchspeicheldrüsenentzündung oder des Harntrakts gezeigt, Fotos zum Thema Ernährung vergleichen die Wochenration einer indischen Familie mit Essensbergen in den USA. In einem Extra-Raum sind die Entwicklungsstadien eines menschlichen Embryos zu sehen. Für den Erfolg beim Publikum sorgen freilich Ganzkörper-Präparate von Mensch und Tier. Klassiker wie der Schachspieler sind in der in Deutschland zuletzt 2009 in Berlin gezeigten Schau ebenso enthalten wie ein Basketballer oder die aus dem James-Bond-Thriller „Casino Royal“ ­bekannte Dreiergruppe am Pokertisch.

Auffällig ist, dass bei jüngeren Plastinaten deutlich mehr Wert auf Ausdrucksstärke gelegt wird. Dennoch ist laut dem als „Ethik-Berater“ vorgestellten Franz Josef Wetz, Philosophieprofessor an der PH Schwäbisch Gmünd, „der Skandalwert der Ausstellung deutlich gesunken“. Von der von Kirchenseite wiederholt bemängelten „Verletzung der Totenwürde“ könne keine Rede sein. Als Beleg dient Wetz die in Stuttgart einst vom Ordnungsamt verbotene Skulptur „Reiter mit Pferd“ – was in der Schleyerhalle noch mit Goldfolie verhüllt werden musste, löst neun Jahre später keine Empörung mehr aus. Selbst die in der Arena gezeigten Leichen beim Liebesspiel sind in Ludwigsburg bisher kein Aufreger – den Wunsch aus dem Rathaus, auf die Sex-Szene zu verzichten, bügelten die Macher der Anatomie-Schau kompromisslos ab.