Ein Roman von John Irving bedeutet ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Doch in „Königin Esther“ tritt etwas Neues in den Kosmos des erzählten Lebens.
Da sind sie also alle wieder: die kleinen süßen Kerlchen, hübsche, winzige Männer, die patriarchalische Größenfantasien schon von ihrer Statur her unterlaufen und sich in körperbetonter Metaphorik durch das Kuddelmuddel der Identitätsfindung ringen; oder die starken Frauen, breitschultrig und mit kräftigen Händen, die in der Regel gleichgeschlechtliche Beziehungen pflegen und sich durch nichts einschüchtern lassen. Auch einer Figur wie Dr. Wilbur Larch ist man schon einmal in einem der schönsten Romane John Irvings begegnet. In „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ steht der Leiter des Waisenhauses St. Cloud’s in Maine seinen Schützlingen in allen noch so komplexen Lebens- und Schwangerschaftslagen zur Seite.
Im neuen Werk des amerikanischen Altmeisters hat er noch einmal einen Auftritt. Die Titelheldin „Königin Esther“, eine jüdische Waise, wurde als Dreijährige in einer kalten Winternacht vor Dr. Larchs Institut abgelegt. Im Haus des zierlichen Englischlehrers Thomas Winslow und seiner Frau Constance, einer unerschütterlichen Matriarchin, findet sie eine Ersatzfamilie. Als Nanny betreut sie Honor, die vierte und jüngste Tochter der Winslows.
Queere, glückliche Familien
Später wird Esther deren Kind austragen und damit eine der zwei Mütter von Thomas Winslows Enkel sein, was natürlich der fruchtbaren Mithilfe des zeugungsbereiten Ringers Moshe Kleinberg, genannt Little Mountain, bedarf. Und noch einmal etwas später wirkt sie in Israel in verdeckter Mission am Aufbau des neuen Staates mit. Esthers „jüdische Angelegenheiten“, wie die ihr zutiefst verbundenen Winslows es nennen, sind das neue Element, das hier zu den immer wieder neu kombinierten Konstanten von Irvings Erzählkosmos hinzutritt.
Und doch führt der Titel in die Irre. Denn während sich Esthers Spuren als Mitglied israelischer Untergrundorganisationen hinter wechselnden Adressen bald verlieren, rückt die Geschichte ihres Sohnes in den Mittelpunkt: James, genannt Jimmy, der in jungen Jahren wie sein ihm nur von einem Foto bekannter Erzeuger zunächst ebenfalls Ringer werden möchte. Doch die literarische Erziehung seines Großvaters, der mit ihm Dickens-Romane liest, legt den Grundstein für den Berufswunsch, der sich schließlich durchsetzt: Schriftsteller – am liebsten von so sorgsam erdachten Romanen wie denen des 19. Jahrhunderts. In diesem Bestreben verschlägt es ihn als Gaststudent nach Wien.
Und weil sich zu dieser Zeit gerade der Vietnamkrieg zusammenbraut, beschließt seine andere Mutter Honor, alles in die Wege zu leiten, was ihren Sohn vor dem Militärdienst bewahren könnte. Am praktikabelsten erscheint eine Scheinehe samt Vaterschaft, fehlt nur noch die passende Frau für den auf sexuellem Gebiet noch komplett Unerfahrenen. Da trifft es sich gut, dass die niederländische Partnerin seiner lesbischen Mitbewohnerin es einmal mit einem Mann probieren möchte. Und schon gibt es ein zweites Mütter-Doppel – John Irving eben.
In „Königin Esther“ steckt viel Biografisches
Es sind urkomische Szenen und einprägsam skurrile Charaktere, die Irving aus seinem Materialfundus zusammenfabuliert. Viel Biografisches ist darin eingeflossen, aber wie Jimmy einmal sagt, um die Andersartigkeit zu erklären, die er in sich spürt: „In mir steckt mehr Fiktion als Realität, und ich frage mich, woher das kommt.“ Vielleicht von der Lektüre.
„Königin Esther“ ist ein Bildungsroman, der noch einmal alles aufbietet, was Fiktion gegen die Realität vermag. Wie sein Erfinder Irving verarbeitet Jimmys erster Roman eigene Erfahrungen. Die Hauptfigur ist ein seinem Großvater nachempfundener Lehrer, der traurigen Jungen das Leben rettet, indem er ihnen Charles Dickens nahebringt.
An der Wirklichkeit zerbricht die Fiktion
Aber was ist mit Esther? Die Titelfigur ist die Leerstelle, um nicht zu sagen der neuralgische Punkt. Als abstrakte Strippenzieherin bleibt sie im Hintergrund. Über sie läuft die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit. Doch angesichts der Shoa und den Folgen drohen die Selbstfindungskalamitäten der Winslows, so originell sie im Einzelnen geschildert werden, ins Belanglose zu kippen. Am Ehrgeiz, die Realität mitzuerzählen, zerbricht die am 19. Jahrhundert geschulte Fiktion.
Und da ist der Nahost-Konflikt. Sichtlich versucht Irving auf der progressiven Seite, auf der er selbst und seine Figuren sich verorten, eine vermittelnde Position einzunehmen, vor dem Hintergrund der wechselseitigen From-the-River-to-the-Sea-Auslöschungsfantasien. „Davor hatte Esther ihn schützen wollen – vor diesem nicht enden wollenden Konflikt, diesem ewig währenden Hass“, erkennt Jimmy später auf einer Lesereise nach Israel. Wie seine eine Mom mit waghalsigen Manövern seinen Tod in Vietnam abzuwenden versucht, so will die andere den Sohn vor den Konsequenzen eines Jüdischseins bewahren. Von der inklusiven Feier der „Andersartigkeiten“ bleibt die jüdische Identität damit ausgeschlossen.
„Königin Esther“ ist kein Buch, das sich mit einem Daumen nach oben oder unten abhandeln lässt. Darin gleicht es dem Konflikt, an dem es sich abarbeitet. So sehr die emanzipatorischen Errungenschaften, die hier mitverhandelt werden, im Zeitalter Trumps an Bedeutung gewinnen, so unbefriedigend wie unverbunden bleiben die sich wie tagespolitisches Lavieren lesenden Einlassungen zu Israel.
Der Roman mag ein Jahrhundert erzählen, ein Jahrhundertroman, wie der Verlag vollmundig ankündigt, ist er nicht. Eingefleischten John-Irving-Lesern aber bietet er immer noch mehr als genug, um in nostalgischen Wiedersehensfreuden zu schwelgen.
John Irving: Königin Esther. Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul. Diogenes Verlag. 560 Seiten, 32 Euro.
Info
Autor
John Irving wurde am 2. März 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er begann früh mit dem Ringen und Schreiben. Nach dem Studium der englischen Literatur an der Universität von Pittsburgh verbrachte er ein Jahr in Wien. Irving lebt in Toronto.
Werk
In Wien entwickelte Irving die Idee zu seinem ersten Roman „Laßt die Bären los!“. Mit „Garp und wie er die Welt sah“ schaffte er 1978 den Durchbruch. Seine bisher 15 Romane wurden alle Weltbestseller, vier davon verfilmt, viele mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Für das Drehbuch der Verfilmung von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ erhielt er 2000 einen Oscar. Zuletzt erschien sein Monumentalroman „Der letzte Sessellift“.