Manch einer entdeckt das umstrittene Königsstandbild mit Spitzen an der Oper jetzt zum ersten Mal. Das Standbild des letzten Königs Württembergs ist immerhin seit mehr als 30 Jahren in der Stadt zu sehen.
Stuttgart - Seit Mitte Juli steht Wilhelm II. vor dem Opernhaus. Den Blick starr auf den Eckensee gerichtet, seine zwei Spitze, Rubi und Ali, immer an seiner Seite. Der Standortwechsel scheint ihm gut getan zu haben. Jedenfalls wenn man es daran messen will, wie viel Aufmerksamkeit die umstrittene Bronzeplastik seitdem auf sich gezogen hat. Das muss nicht zwangsläufig der Popularität von Württembergs letztem Monarchen oder gar der künstlerischen Qualität der Zimmerle-Skulptur geschuldet sein.
Von der Stadtautobahn in den Schlossgarten
Fakt ist: Die Flaneure der Stadt und alle anderen, die hier mehr oder weniger eilig per pedes unterwegs sind, schlendern nun mal lieber durch den Schlossgarten als entlang der Stadtautobahn, an der das Königsstandbild früher sein Dasein fristete. Wo mehr Menschen unterwegs sind, sind ganz zwangsläufig auch mehr Betrachter. Im Sinne des bürgerschaftlichen Diskurses um Standort und Bedeutung der umstrittenen Skulptur, den Stadtpalais-Chef Torben Giese anstoßen will, kann das nur von Vorteil sein.
Tatsächlich muss man nicht lange warten, bis jemand stehen bleibt und neugierig den Herrn mit Hut und Stock betrachtet. Manch einem fällt nun gar überhaupt zum ersten Mal das Standbild auf, das Württembergs letzten König bewusst als Bürger in Szene setzt und das immerhin seit mehr als 30 Jahren in der Stadt zu sehen ist.
Viele legen am Standbild eine Pause ein
„Nein, die Skulptur kannten wird nicht“, sagt zum Beispiel der Waiblinger Georg Brakmann, der an einem sonnigen Septembernachmittag mit seiner Frau durch den Schlossgarten spaziert und interessiert vor der Plastik innehält. Auch vom Streit um das Denkmal habe er bislang nichts mitbekommen. Dass dieses nun zumindest temporär vor der Oper platziert wurde, bis am 1. Oktober im Stadtpalais die Ausstellung über Wilhelm II. eröffnet, findet Brakmann jedenfalls „sehr gut“. Und auch an der Darstellung des Monarchen als Bürgerkönig kann er nichts aussetzen. „Die Monarchie an sich gehört aber der Vergangenheit an und hat in der Gegenwart keine Bedeutung mehr“, betont der Waiblinger. Doch deshalb gleich die Bilder stürzen?
Ein Foto mit dem König
Auch der 85-jährige Wilhelm Sturm legt am Standbild eine Pause ein. Seine Frau zieht das Smartphone hervor und lichtet das Monarchenporträt ab. Auch diese beiden Senioren kannten die Skulptur, die Jahre lang vor dem Wilhelmspalais stand, bis dato nicht. Sturm findet es „toll“, dass sein Namensvetter, wie er sagt, jetzt so einen zentralen Standort erhalten hat. Die Kritik an der Plastik, die sich vor allem an der dezidierten Betonung der Bürgerlichkeit des Königs reibt, hält der Botnanger für ein typisches Zeitphänomen: „Wir leben inzwischen in einer Gesellschaft, der nichts mehr recht ist“, sagt der 85-Jährige. Oder eben, wie es wohl die Kritiker so manches inzwischen umstrittenen historischen Denkmals formulieren würde, nichts mehr unhinterfragt bleiben soll.
So mancher Stuttgarter erinnert sich
Auch Jürgen Dengler stört sich an der Darstellung Wilhelms II. als Bürgerkönig „kein bissle“. Der Stuttgarter erinnert sich sogar daran, wie seine Großmutter häufig erzählte, wie sie dem König beim Spazierengehen in Stuttgart auf dem Trottoir begegnete und ihm mit einem Knicks Platz machte. Auch er findet den temporären Platz am Eckensee „wirklich gut gewählt“.
Freilich, es sind fast immer ältere Menschen, die vor dem Denkmal verharren, um es näher zu betrachten. Und: Auch wenn auffällig häufig jemand stehen bleibt, um einen kurzen oder auch längeren Blick auf die Bronzefigur zu werfen, so ist nicht zu übersehen, dass das Gros der Passanten achtlos an der Skulptur vorübergeht. Die große Mehrheit lässt auch am Standort am Eckensee Württembergs letzten Monarchen, trotz Stock, Hut und Hunden, einfach links liegen.