An der Köngener Burgschule startet ein interessantes Pilotprojekt – Fächer- und Klassenübergreifend stehen dabei die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen im Fokus.
Was haben Spinat, Spiegelei und Kartoffeln mit einer nachhaltigen und gerechten Zukunft zu tun? Die Achtklässler der Köngener Burgschule müssen ein bisschen knobeln – ist in Spinat eigentlich raffinierter Zucker? Und wie sieht es in Sachen Verpackung und Lieferkette aus? Seit diesem Schuljahr gibt es das neue Lernformat „SeWi – Selbstwirksames Arbeiten“ an der Burgschule – in den Klassenstufen 5 bis 8 beschäftigen sich die Schüler wöchentlich zwei oder drei Schulstunden mit Themen rund um Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und globaler Verantwortung. Im Fokus stehen die bereits 2015 formulierten 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen (UN), die bis 2030 umgesetzt werden sollen.
Ziel des fächerübergreifenden Lernformats ist es, den Nachwuchs darin zu stärken, Verantwortung für nachhaltige und soziale Themen zu übernehmen und durch praxisorientiertes Lernen aktiv an der Gestaltung einer besseren Zukunft mitzuwirken. Die Köngener Gemeinschaftsschule hat mit dem Segen des Oberschulamts im September ein Pilotprojekt gestartet, das Schule machen wird, meint zumindest Schulleiter Martin Raisch: „Ich gehe davon aus, das SeWi in Baden-Württemberg Fuß fassen wird und breit eingeführt wird.“
Köngener Pilotprojekt könnte in Baden-Württemberg Schule machen
Das Interesse von offizieller Seite sei groß, demnächst schaut sich die Schulrätin das Projekt an, zudem wurden bereits erste Kontakte zu den Pädagogischen Hochschulen in Ludwigsburg und Schwäbisch Gmünd geknüpft. Deren Studenten sollen an der Ausgestaltung des neuen Lernformats mitwirken. „Das ist sehr wichtig, schließlich sind das die Lehrer von morgen“, sagt Lehrerin Julia Grundler, die das Lernformat zusammen mit ihrer Kollegin Nina Mayer entwickelt hat.
Die beiden Lehrerinnen haben viel Zeit investiert, später kamen weitere Kollegen mit in Spiel. Das Kollegium war unglaublich offen für die Idee, lobt Raisch: „Es ist toll, dass unsere Lehrer gleich mit ins Boot gesprungen sind.“ Aber eigentlich, sagt der Schulleiter, machen sie an der Burgschule nun nur das, was das Kultusministerium vorgibt: „Nachhaltigkeitsziele zu fördern ist im Bildungsplan verankert. Mit dem fächerübergreifenden Lernformat schauen wir einfach über den Tellerrand hinaus.“ Denn die Umsetzung ist den Schulen überlassen. Bislang sei das Thema meist an den Biologieunterricht angegliedert worden, und das auch in einer Schulstunde, ergänzt Grundler. Dabei haben die SDGs Berührungspunkte mit ganz vielen Fächern – etwa mit Geschichte, was Grundler selbst unterrichtet: „Zum Beispiel die Geschlechtergleichheit – da geht es um Fragen wie ‚Seit wann gibt es überhaupt ein Wahlrecht für Frauen?’“
Bereits am Ende des vergangenen Schuljahrs wurde an der Burgschule getestet, wie das Thema Nachhaltigkeit bei der Schülerschaft ankommt. Das Interesse seitens des Nachwuchs überraschte selbst gestandene Lehrer. Da haben etwa die Siebtklässler der Burgschule festgestellt, dass der benachbarte Köngener Pumptrack oft vermüllt ist und prompt einen Brief an den Bürgermeister geschrieben. „Ein paar Wochen später waren Mülleimer da“, erzählt Raisch stolz. Die Schüler hatten mit ihrer Initiative den letzten Anstoß gegeben, waren stolz wie Bolle – und haben gemerkt, dass sie auch im Kleinen was erreichen können, freut sich Grundler. Obendrein wurden wichtige Softskills geschult: „Da ging es zum Beispiel um die richtige Kommunikation mit außerschulischen Partnern“, erklärt Raisch. Eine weitere Gruppe besuchte die Köngener Grundschule mit dem Ziel, heruntergebrochen auf die Verpackung des Vespers, für die Vermeidung von Plastikmüll zu sensibilisieren, sprich besser Vesperbox als Alufolie. „Wenn die Schüler merken, dass sie selbst etwas bewirken können, sind sie ganz anders motiviert“, sagt Raisch. Es gehe auch darum, im Kleinen etwas zu tun, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, ergänzt Grundler: „Wenn die Schüler diesen Gedanken mit in ihre Familien nehmen, kann das schon viel bewirken.“
Das Thema Nachhaltigkeit ist ein kreativer Spielplatz für die Schüler
Das neue Schuljahr startete mit einer Kick-off-Veranstaltung, zu der verschiedene lokale Akteure, die sich die Umsetzung der SDGs auf die Fahnen geschrieben haben, ihre Arbeit vorstellten. Die Palette reichte von der Gemeinde Köngen, über die Weltläden Köngen und Nürtingen bis hin zur Initiative „Omas gegen Rechts Wendlingen-Köngen“ und der Kläranlage Wolfschlugen. „Die Schüler waren schwer beeindruckt, was es schon alles gibt“, sagt Mayer. Nach der Grundlageneinführung sollen sie nun im Verlauf des weiteren Schuljahres klassenübergreifend und eigenverantwortlich Projekte und Aktionen zu Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein umsetzen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt: „Meine Fünfer haben sich zum Beispiel voll auf das Thema Schulgarten eingeschossen“, erzählt Mayer. Ziel sei es, die Umsetzung mit bestehenden Mitteln hinzubekommen: „Zum Beispiel nicht in den Gartenmarkt zu rennen und Setzlinge zu kaufen, sondern außerschulische Partner etwa aus der regionalen Landwirtschaft oder Privatpersonen anzusprechen“, erklärt Mayer. Ein weiteres Thema, dass die Schüler beschäftigt, ist laut Grundler die Gendergerechtigkeit. So wollen einige Siebtklässler in der Grundschule dafür werben, dass auch Jungs Pink und Glitzer tragen und Mädchen Fußball spielen dürfen.
Mehr Nachhaltigkeit für alle Menschen
Globaler Ansatz
Die Sustainable Development Goals (SDGs), die „Ziele für nachhaltige Entwicklung“, sind 17 globale politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen (UN). Sie wurden am 25. September 2015 in New York bei der UN-Generalversammlung von allen 193 UN-Mitgliedsstaaten in der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet und sollen bis 2030 umgesetzt werden.
Inhalt
Die SDGs umfassen Bereiche wie die Beendigung von Armut, den Kampf gegen Hunger, den Schutz des Klimas und die Förderung von Bildung, Gesundheit, Gleichheit, Frieden sowie die Gewährleistung von sauberem Wasser, bezahlbarer Energie und menschenwürdiger Arbeit. Die Ziele sind in fünf Kernbotschaften unterteilt: Mensch, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft.