Wolfgang Petry hat nach langer Pause ein neues Lied veröffentlicht: Mit dem Kölschrock-Song „Mr bruche keiner“ im Ohr kommt man leichter durch Stuttgart.
In Sachen Kölschrock ragte die Band BAP bis diesen Freitag als unverwechselbarer Solitär heraus, weltweit, deutschlandweit und im Stuttgarter Osten mithilfe einer komplett plakatierten Litfasssäule inmitten zwischengelagerter, bereits entsorgter, aber noch nicht abgeholter Christbäume. Aus dem Christbaum-Friedhof ragte ein Zähne fletschendes Raubier heraus, das den Passanten-Blick darauf lenken sollte, dass BAP in diesem Jahr 50 wird und deshalb unter anderem in Stuttgart gastiert, nämlich am 1. Dezember, wenn mancher Leute Christbaumkauf-Planung schon wieder ziemlich weit fortgeschritten sein wird.
Mit anderen Worten: Bis diesen Freitag war Kölschrock gleich BAP, und der BAP-Chef Wolfgang Niedecken war auch nach einen halben Jahrhundert einschlägiger musikalischer Aktivität nach wie vor der einzige berühmte Kölschrocker des gesamten Planeten Erde.
Das ist jetzt anders. Wolfgang Petry, der mehr oder weniger pensionierte Schlagersänger, hat an diesem Freitag nach jahrelanger Pause ein neues Lied veröffentlicht. Es heißt „Mr bruche keiner“ und wäre – BAP-Fans konnten es schon am Titel erraten – grob der Gattung Kölschrock zuzuordnen. Genau genommen hat Wolfgang Petry im Alter von 74 Jahren sein allererstes Kölschrock-Lied veröffentlicht.
Der Kölner Wolfgang Petry, der genau so alt ist wie der Kölner Wolfgang Niedecken, singt in diesem Lied: „Bin längs schon jrau un dunn noch immer singe“, was bekanntlich auch auf den bisher einzigen berühmten Kölschrocker des Planeten zutrifft. Und es kommen in dem Lied einige Worte vor, deren Bedeutung sich BAP-Hörer im Lauf der Jahrzehnte herleiten konnten, beispielsweise „Zick“ (Zeit), „Lück“ (Leute) und „jradus“ (geradeaus), ein Wort, das in spektakulärerer Transkription schon anno 1981 ein programmatischer Songtitel von BAP geworden ist.
„Mr bruche keiner“ ist ein sehr gelungenes Lied, womöglich auch in den Ohren jener, denen Wolfgang Petrys Freundschaftsgetue immer auf die Nerven ging: Es ist mit Country-verliebten und Rock-lüsternen Gitarren erstklassig entlang einer hübschen Melodie produziert. Es feiert eine Harmonie, die sich aus Widerspenstigkeit speist. Und Wolfgang Petrys hingebungsvoller Gesang beansprucht eine Form von Authentizität, die nicht schmierig wirkt. Man hört das Lied gerne, auch mehrmals.
Ebenfalls an diesem Freitag hat ein anderer älterer Herr nach Jahre langer Pause wieder mal ein neues Lied veröffentlicht. Der Stuttgarter Peter Schilling ist aber nicht auf die Idee gekommen, „Antistar“ auf Schwäbisch zu singen. Während sein musikalisches Lebenszeichen klingt, als sei es in den Achtzigerjahren produziert worden, tönen Wolfgang Petrys nostalgisch gefärbte Zeilen erstaunlich zeitgemäß und staubfrei. So sympathisch klingt „Mr bruche keiner“, dass man geneigt ist, beim Hören ein bisschen Indie-Rock dazu zu fantasieren.
Ein Hinweis darauf, weshalb „Mr bruche keiner“ derart gelungen sein könnte, hat uns an diesem Freitag per E-Mail erreicht: „In Köln fühle ich mich zuhause. Hier darf ich Wolli sein. So wie ich bin“, so lässt sich Wolfgang Petry von seiner Plattenfirma zitieren. Das Selbstsein in Stuttgart mag ausrangierten Weihnachtsbäumen leicht fallen: In den Vorjahren wurden viele erst im Lauf des Februars abgeholt. Für Menschen hingegen wirkt es komplizierter: Am Freitag der beiden Altmänner-Singles wurde außerdem bekannt, dass Fernzüge im Hauptbahnhof künftig von der Stadtbahn-Haltestelle Staatsgalerie aus nicht mehr so einfach zu erreichen sein werden. Doch auch für Infrastruktur-Probleme hat Wolfgang Petry Trost parat: Es heißt in dem Lied, dass er für Leute, die er mag, zu Fuß bis nach Istanbul ginge.
Und falls die aussortierten Stuttgarter Christbäume die nächsten fünf Jahre lang nicht abgeholt werden, könnte es sein, dass sie die BAP-Litfasssäulen mit der Zick vulgo Zeit verdecken. Dann könnte Wolfgang Petry womöglich sogar als weltweit einziger berühmter Kölschrocker nochmal richtig durchstarten.