Koalitionsverhandlungen zur Groko Befristete Jobs als möglicher Knackpunkt

Von red/dpa 

Die Stelle ist gut, die Arbeit macht Spaß - aber wie sieht es nächstes Jahr aus? Befristete Arbeitsverträge bringen viel Unsicherheit mit sich. Die SPD will sie deutlich einschränken. Doch was Gewerkschafter freut, stört Arbeitgeber.

Berlin - Klingt sperrig, betrifft aber Millionen von Menschen in Deutschland: die „sachgrundlose Befristung“. Arbeitgeber können Arbeitnehmer ohne jeden Grund befristet einstellen. Gewerkschaften verdammen das als „Skandal“ und „Massenphänomen“. Die Arbeitgeber dagegen sprechen von einem „Jobmotor“, der Unternehmen flexibel auf Auftragslagen reagieren lässt.

Das Thema gehört zu den größten Knackpunkten in den Koalitionsverhandlungen. Die SPD will befristete Jobs generell einschränken und die sachgrundlose Befristung ganz abschaffen. Es ist eines der „essenziellen Projekte“, bei denen die SPD nun Fortschritte fordert. Weite Teile der Union lehnen das aber ab.

Fast jeder zwölfte Arbeitnehmer hatte 2014 einen befristeten Job, davon ist nach Angaben des Forschungsinstituts IAB knapp die Hälfte sachgrundlos. Es gibt drei Arten von Befristungen ohne Sachgrund: Befristung bis zu zwei Jahren, Befristung in den ersten vier Jahren nach Gründung eines Unternehmens und Befristung bei über 52-Jährigen zuvor Arbeitslosen. Ein legitimer Grund kann etwa eine Vertretungsregelung sein.

Gewerkschaft hält sachgrundlose Befristungen für überflüssig

2,8 Millionen Arbeitnehmer waren 2016 in Deutschland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes befristet beschäftigt. Während ihr Anteil an der Gesamtzahl der abhängig Beschäftigten im vergangenen Jahr relativ stabil war, stieg der Anteil bei jungen Arbeitnehmern zwischen 25 und 34 Jahren deutlich an: von 9,6 Prozent vor 20 Jahren über 16,6 Prozent 2006 bis auf 18,1 Prozent 2016.

Was Befristungen bedeuten, hat Lehrer Uwe Feder selbst erlebt. Der Pädagoge absolvierte in den 1980er Jahren das erste Staatsexamen, entschloss sich aber erst 2011, mehr als zwei Jahrzehnte später, zum Gang an die Schule. Er begann ein Referendariat am Gymnasium, scheiterte aber am zweiten Staatsexamen. Statt entsprechend seinem Studium Biologie und Sport am Gymnasium zu unterrichten, arbeitete Feder vor allem an Grundschulen in Hessen und hangelte sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten.

„Das hat schon was mit mir gemacht“, sagt der heute 57-jährige Feder. „Sich immer zu fragen: Wie ist das jetzt mit dem Vertrag?“ Manchmal sei die Ferienzeit bezahlt gewesen - manchmal nicht. Die Befristungen hätten immer einen Sachgrund gehabt, oft etwa die Elternzeitvertretung. Bei der Gewerkschaft Verdi hält man sachgrundlose Befristungen generell für verzichtbar - selbst bei konjunkturellen Schwankungen.

Flexibilität in der Produktion

Die Arbeitgeber sehen das naturgemäß völlig anders. Beispiel ebm-papst: Der Maschinenbauer baut Ventilatoren und Antriebstechnik. Alleine in der Zentrale im baden-württembergischen Mulfingen arbeiten 3500 Beschäftigte. Die Firma nutzt das Instrument der sachgrundlosen Befristung seit vielen Jahren. „Hierdurch ermöglichen wir Flexibilität in der Produktion, um auf Auslastungsgrade reagieren zu können“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stefan Brandl.

Ein großes Problem ist es, dass bei befristeten Jobs mit einem Sachgrund immer neue Verträge möglich sind - das kann zu Extremfällen führen. Die SPD will solche Kettenbefristungen begrenzen. Ein besonderes Lied davon singen kann Anja Helffenstein. Die 45-jährige Mutter von zwei Kindern hält in Deutschland vermutlich einen Rekord: Die Post-Zustellerin hatte in Mecklenburg-Vorpommern über 17 Jahre lang insgesamt 88 Zeitarbeitsverträge - bis sie die Deutsche Post verklagte und 2014 eine Festanstellung erzwang.

Inzwischen hat sie die Post verlassen, aus gesundheitlichen Gründen. Rückblickend sei das Schlimmste vor allem die Ungewissheit gewesen, erzählt sie. „Das geht einfach nicht, man kann nicht planen, man kann nichts machen, man hängt in der Luft. Das ist unwürdig.“ Und sie sagt: „Als ich gehört habe, dass sich darum gekümmert werden soll, habe ich gedacht: Es wird Zeit, dass etwas gemacht wird.“

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