Auch wenn Grüne und Schwarze sich privat zusammentun, haben sie mit Vorbehalten zu kämpfen. Die frühere Überlinger Oberbürgermeisterin Sabine Becker und der grüne Landtagsabgeordnete Martin Hahn erzählen.
Überlingen - Dass Grün und Schwarz durchaus zusammenarbeiten können, zeigte sich für Sabine Becker in ihrer ersten Gemeinderatssitzung 2009. „Da kam die Unterstützung von den Grünen, nicht von der CDU“, erinnert sie sich. Die damals frisch gekürte CDU-Oberbürgermeisterin von Überlingen stand vor einem Problem. In einem Teilort wollte eine Abteilung der freiwilligen Feuerwehr geschlossen austreten, Becker musste das Problem lösen – und wollte mit jedem Einzelnen reden. Die Stadträte belächelten sie. Nur einer stärkte ihr den Rücken: Martin Hahn, heute Landtagsabgeordneter für die Grünen.
Einige Monate später waren die beiden ein Paar, heute sind Sabine Becker und Martin Hahn verheiratet. Die beiden haben zusammen sechs Kinder aus früheren Beziehungen und leben auf Hahns Biohof in Überlingen-Bonndorf. Ein Grüner und eine, die mal bei der CDU war, geht das?
Auf beiden Seiten gab es Vorbehalte
Beide Parteien haben sich eher etwas schwergetan, erinnert sich Hahn. Es hagelte Kommentare. Ähnlich wie zum Start der ersten grün-schwarzen Koalition im Land 2016. Auch damals mussten einige in der CDU sich daran gewöhnen, mit den Grünen zusammenzuarbeiten und die Grüne Jugend warf Ministerpräsident Winfried Kretschmann Verrat an der grünen Politik vor.
Und doch: Was das Ehepaar Becker und Hahn im Privaten zusammenschweißt, steht beispielhaft dafür, wie es klappen kann zwischen Grün und Schwarz: „Ich war am sozialen Rand der CDU und er war auf der Realo-Seite. Da ist man ja sehr nah beieinander“, sagt Sabine Becker, die aus Nordrein-Westfalen stammt. „Ich erinnere keinen politischen Wertekonflikt“, sagt auch Martin Hahn.
„Die Ökologie – das ist etwas, wo ich finde, dass es Überschneidungen gibt“, sagt Sabine Becker. „Die Wahrung der Schöpfung ist ja auch etwas, das ist in der CDU verankert. Aber nicht so, dass man sagt, das ist deren vorderstes Ziel. Das sind die Grünen das Original.“ Ihr Mann stimmt zu: „Tatsächlich hat die ganze CDU ja diesen ganzen Klimaschutzteil im Wahlprogramm abgebildet.“ Das Vertrauen auf dieses Abbilden sei bei den Grünen aber noch nicht gefestigt.
Auch bei den Grünen haftet Sabine Becker der Makel der CDU an
Und doch sieht Hahn einen gewaltigen Unterschied: „Die Grünen kommen als Partei programmatisch daher und wollen die Veränderung“, sagt er. „Und die CDU Baden-Württemberg hat den Duktus, wir Regieren schon immer, und drum ist alles spitze.“ Veränderung sei für die CDU ganz anders belegt als für die Grünen, sagt er.
Sabine Becker ist heute kein CDU-Mitglied mehr. „Die CDU in Nordrhein-Westfalen war den Frauen gegenüber anders eingestellt als das, was ich jetzt hier erlebt habe. Ich dachte teilweise, ich falle in die tiefen 50er zurück“, sagt sie. Sie erinnert sich, dass sie sich als alleinerziehende Mutter und Bürgermeisterin Reden von einem Parteigenossen anhören musste, der meinte, Frauen sollten zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. „Das ist eine völlig andere CDU, als ich sie gekannt habe.“ Einige Jahre später reichte es ihr. „Ich habe spürbar den Rückhalt der Konservativen verloren. Ich habe schon gemerkt, dass es da Irritationen gab. Bis hin zu: Wie es sein kann, dass ich mich mit einem Grünen einlassen würde.“ Becker stieg aus und sitzt nun für die Grünen im Kreistag. Auch dort hafte ihr noch der Makel der CDU an, sagt sie. „In Baden-Württemberg kannst du alles wechseln, nur nicht die Partei“, frotzelt ihr Mann.