Vater und Sohn Tilo und Lukas Kiess haben Stammzellen gespendet. Foto: Sandra Hintermayr

Nachdem Tilo Kiess 2009 einem erst sechsjährigen Leukämiepatienten mit einer Stammzellenspende das Leben retten konnte, ist nun auch sein Sohn Lukas als Spender ausgewählt worden. Seine Stammzellen gingen an ein zwölfjähriges Mädchen aus Kanada.

Fasanenhof/Steinenbronn - Als Lukas Kiess den Brief von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bekam, ist er erst einmal erschrocken, erinnert sich der 20-Jährige. „Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass ich mich vor einigen Jahren habe typisieren lassen“, sagt er. Er hatte sich dafür entschieden, seine Gewebemerkmale in der zentralen Datenbank speichern zu lassen, nachdem sein Vater Tilo Kiess mit seinen Stammzellen bereits Leben retten konnte. „Als es bei ihm funktioniert hat, habe ich mich auch typisieren lassen“, sagt Lukas Kiess. Vor ein paar Monaten hat er den Bescheid bekommen, dass seine Stammzellen für seinen genetischen Zwilling benötigt werden. Vor fünf Wochen wurden ihm in einer kleinen Operation in der Uniklinik in Tübingen Zellen aus dem Beckenknochen entnommen. Von dem Eingriff habe er nicht viel mitbekommen. Bereits am Nachmittag durfte er wieder nach Hause.

„Meine Spende wurde noch am selben Tag nach Kanada geflogen“, sagt Lukas Kiess. Dort wartete bereits eine zwölfjährige Leukämiepatientin darauf. Ob es dem Mädchen gut geht, weiß Lukas Kiess nicht. „Aber ich hoffe es“, sagt er. Wenn die von der DKMS verhängte Kontaktsperre nach zwei Jahren aufgehoben wird und die Patientin ebenfalls Kontakt zu ihrem Lebensretter aufnehmen möchte, würde er das Mädchen gerne kennenlernen. „Ein bisschen Neugier ist da schon dabei“, sagt Lukas Kiess.

Beim Kennenlernen flossen Tränen

Sein Vater, der Steinenbronner Unternehmer Tilo Kiess, hat die gleichen Erfahrungen wie sein Sohn gemacht. Der Geschäftsführer von Kiess Innenausbau mit Sitz auf dem Fasanenhof hat 2009 bereits mit seinen Stammzellen einem erst sechsjährigen Leukämiepatienten aus Augsburg das Leben gerettet. Zwei Monate nach der Spende hat er über die DKMS von der Oma des Jungen einen Brief bekommen. Alles anonymisiert – ohne Namen oder Wohnorte. „Mit dem Brief wurde mir erst bewusst, dass ein Mensch lebt, weil ich ihm meine Stammzellen gespendet habe“, erinnert sich Tilo Kiess. Es entstand ein reger Briefwechsel mit der Familie des kleinen Moritz, bevor es nach zwei Jahren zum ersten Treffen in Augsburg kam.

Ein emotionaler Moment für alle Beteiligten. „Es war rührend, den Jungen endlich kennenzulernen“, sagt Tilo Kiess und gibt zu, auch ein paar Tränen verdrückt zu haben. Immer noch hat er Kontakt zu Moritz, der inzwischen völlig gesund ist. Zum Geburtstag schenkt er ihm eine Kleinigkeit; oft telefonieren die beiden. Vor allem die Großmutter des Jungen überhäufe Tilo Kiess mit Dankbarkeit und Geschenken. Dem Unternehmer ist das fast schon ein bisschen unangenehm. „Den Reparaturwerkstoff trägt jeder in sich“, sagt er. „Die Spende ist nur ein kleiner Eingriff, und damit kann man ein Leben retten.“

Ein Einsatz, den jeder bringen kann

In seiner Firma hat er bereits zweimal zu einer großen Typisierungsaktion aufgerufen. Fast alle Mitarbeiter haben sich in die Datei aufnehmen lassen. „Das ist eine Sache, die jeder machen kann. Das Stäbchen, mit dem der Wangenabstrich gemacht wird, tut nicht weh“, sagt Tilo Kiess. Die Gewebemerkmale werden dann bei der DKMS in einer weltweiten Datenbank gespeichert.

Für seinen Einsatz für die Knochenmarkspenderdatei hat Tilo Kiess einen ganz persönlichen Grund: „Ein Bekannter von mir ist an Leukämie gestorben. Das wäre nicht passiert, wenn es einen Spender gegeben hätte. Doch damals steckten die Typisierungen noch in den Kinderschuhen“, sagt der Steinenbronner. Tilo Kiess hat daraufhin die erste Typisierungsaktion in seiner Firma durchgeführt. Das war vor 16 Jahren. Damals habe der Arzt den Freiwilligen noch Blut abgenommen, erzählt er.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Gewebemerkmale mit einem an Blutkrebs erkrankten Patienten übereinstimmen und man als Stammzellenspender in Frage kommt, liegt bei unter fünf Prozent. Dass gleich zwei Mitglieder aus einer Familie als Spender ausgewählt werden, ist noch seltener. Lukas und Thilo Kiess sind sich einig, noch einmal zu spenden, wenn es nötig wäre. „Zu wissen, dass die Spende ein Leben gerettet hat, gibt einem das Gefühl, zu den Guten zu gehören“, sagt Tilo Kiess.

Es gibt noch zu viele Patienten, die keinen Spender finden

Aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis sowie dem Arbeitsumfeld haben Vater und Sohn Kiess viel Anerkennung für ihren Einsatz bekommen. „Einige haben sich daraufhin selbst typisieren lassen“, sagt Lukas Kiess. Doch es gab auch solche, die nur den Kopf schüttelten. Meist aus Unverständnis, sagt Tilo Kiess. „Viele denken, dass die Stammzellen aus dem Rückenmark entnommen werden und das mit großen Schmerzen verbunden ist. Aber das stimmt nicht.“ Die Nachwirkungen der Entnahme der Zellen aus dem Beckenkamm seien für ihn mit einer Prellung vergleichbar gewesen, sagt er.

Ein geringes Opfer für das Leben eines anderen Menschen, findet auch Lukas Kiess. Er möchte wie sein Vater zu einer Typisierungsaktion aufrufen. Sie soll in einer Disco in Stuttgart stattfinden. Wer einen Wangenabstrich machen lässt, soll freien Eintritt bekommen. Wo und wann die Aktion stattfinden soll, weiß er noch nicht. Er sei aber bereits in Gesprächen mit einem Discobesitzer. Auch Tilo Kiess möchte in seiner Firma eine erneute Registrierung für die Mitarbeiter anbieten, die noch nicht bei der DKMS verzeichnet sind. „Es ist wichtig, dass sich so viele Menschen wie möglich typisieren lassen. Denn es gibt immer noch zu viele Blutkrebspatienten, die keinen Spender finden. Wir können diese Zahl reduzieren“, sagt Tilo Kiess.

Stammzellenspende für die DKMS

Die DKMS:
Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei arbeitet seit 1991 daran, für Blutkrebspatienten einen Spender zu finden. Die Datenbank verzeichnet Spender aus der ganzen Welt.

Blutkrebs und Leukämie
: Blutkrebs ist der Oberbegriff für Erkrankungen des Knochenmarks beziehungsweise des blutbildenden Systems, wie etwa Leukämie. Bei diesen Krankheiten ist die normale Blutbildung gestört, das Blut kann seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen, zum Beispiel Infektionen bekämpfen, Sauerstoff transportieren oder Blutungen stoppen.

Typisierung
: Spender machen mit einem Wattestäbchen einen Wangenabstrich. Im Labor werden die HLA-Merkmale, die Humanen Leukozyten-Antigene, umgangssprachlich Gewebemerkmale, bestimmt.

Stammzellenspende:
Stimmen die Merkmale mit einem Patienten überein, darf man nach umfangreichen ärztlichen Voruntersuchungen spenden. In 80 Prozent der Fälle werden Stammzellen über die sogenannte periphere Stammzellenspende aus der Blutbahn entnommen. In 20 Prozent der Fälle werden die Stammzellen direkt dem Knochenmark entnommen.

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