Ohne Adblue darf kaum ein Lkw fahren. Ein Stillstand träfe nicht nur das Transportgewerbe, sondern auch Betriebe, die von ihm beliefert werden.
Die Versorgungsengpässe beim Diesel-Abgasreiniger Adblue können nach Ansicht des Handelsverbands Baden-Württemberg zu Versorgungsengpässen und Schließungen im Handel führen. „Der Handel hängt bei der Belieferung existenziell vom Lkw ab“, sagte Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann unserer Zeitung. „Ware, die wir nicht erhalten, können wir auch nicht verkaufen.“ Alternative Transportmöglichkeiten, um einem Mangel an Transportkapazitäten zu entgehen, gebe es kaum. Im Gegenteil: Da angesichts niedriger Pegelstände auch die Kapazitäten der Schiffstransporte reduziert seien, würden derzeit eher noch mehr Lkw benötigt.
Handel fordert Lockerung bei Abgasvorschriften
Um Engpässen entgegenzuwirken, fordert Hagmann, die Vorschriften zur Abgasreinigung bei Diesel-Lkw befristet zu lockern. Adblue wird bei vielen Dieselfahrzeugen benötigt, um schädliche Stickoxide aus den Abgasen zu entfernen. Die Fahrzeuge könnten auch ohne diesen Zusatzstoff laufen, allerdings mit erhöhtem Schadstoffausstoß. Durch vorgeschriebene technische Einrichtungen werden sie blockiert, wenn das Adblue aufgebraucht ist.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe sich bisher geweigert, eine Lösung des Problems zu finden, erklärt Hagmann. Sie forderte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (ebenfalls Grüne) auf, Druck auf Habeck auszuüben, das Problem anzugehen. Zugleich forderte sie von Hermann, sich von seinen Bestrebungen zu verabschieden, auf Landes- und Kommunalstraßen eine Lkw-Maut zu erheben. „Wir können nicht noch einen weiteren Kostentreiber gebrauchen.“ Die Speditionsunternehmen gäben ihre steigenden Kosten an den Handel weiter, der diese aber nicht immer auf die Verbraucher überwälzen könne.
Adblue senkt Schadstoffausstoß
Diesel-Lkw mit geringem Stickoxidausstoß haben an Bord SCR-Katalysatoren, die die schädlichen Stickoxide in unschädlichen Wasserdampf und in Stickstoff umwandeln, aus dem die Luft ohnehin zum größten Teil besteht. Für den Betrieb dieser Katalysatoren braucht es allerdings zwingend Adblue, für dessen Herstellung Erdgas benötigt wird. Es wird als Rohstoff genutzt und lässt sich somit nicht ersetzen, indem Energie aus anderen Quellen verwendet wird.
Der Adblue-Hersteller SKW im sachsen-anhaltinischen Wittenberg, einer der Marktführer, hat seine Produktion bereits vor zwei Wochen wegen der galoppierenden Erdgaspreise gestoppt. „Die Preise von Adblue steigen, doch die Kosten von Erdgas explodieren“, sagte ein Sprecher unserer Zeitung. Bei den aktuellen Gaspreisen würde SKW an jedem Produktionstag große Verluste einfahren, so der Sprecher. Das Unternehmen hatte zuvor bereits eine Deckelung des Gaspreises und eine Ausnahme bei der Gasumlage für Unternehmen gefordert, die Gas als Rohstoff einsetzen.
Mangel betrifft viele Branchen
Der Wettbewerber BASF in Ludwigshafen hat die Produktion von Adblue noch nicht eingeschränkt, erklärte eine Sprecherin. Ob man die bei SKW ausgefallenen Produktionsmengen ausgleichen könne, wollte die Sprecherin nicht kommentieren.
Der Bundesverband Gütertransport und Logistik (BGL) warnt vor weitreichenden Folgen eines Adblue-Mangels. An dem Zusatz hingen unter anderem die Transportunternehmen, die Lebensmittelbranche, der Individualverkehr und das Handwerk, betonte der Verband am Donnerstag.
Der BGL fordert daher finanzielle Hilfe für die deutschen Produktionsstätten. Die Produzenten seien „systemrelevant“, sagte BGL-Hauptgeschäftsführer Dirk Engelhardt. Eine alternative Beschaffung bei einer drohenden Adblue-Mangellage sei schwierig. Der Kraftstoffzusatz sei schwer aus dem Ausland zu importieren. „Überall in Europa stehen die Werke still.“
Die Bundesregierung hält die Darstellung des Verbandes für etwas überspitzt. „Eine echte Mangellage konnten wir noch nicht feststellen“, sagte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. Falls es wirklich zu einer Mangellage kommen sollte, werde man reagieren.
Handel sieht existenzielles Risiko
Der Südwesthandel sieht in den drohenden Lieferengpässen ein weiteres existenzielles Risiko für eine Reihe von Betrieben. Bereits die Coronakrise habe vielen Betrieben schwer zugesetzt, so Verbandschefin Hagmann. Nach monatelangen Schließungen könnten viele Betriebe es nicht mehr verkraften, wenn sie nun schon wieder schließen müssten. Derzeit treffe die Konsumzurückhaltung der Kunden auf massiv steigende Energiepreise und erhöhte Herstellerpreise, zu denen die Waren beschafft werden müssten. Der Textil- und Modehandel etwa liege beim Umsatz noch immer um 10 bis 15 Prozent unter dem des Jahres 2019 – dabei müsse der Umsatz steigen, um die stark erhöhten Kosten auszugleichen.