Der Verlust des Knabstrupper-Hengstes Adonis hat eine Lücke in der Pferdezucht in Nürtingen hinterlassen. Nun ruht alle Hoffnung auf Lanzelot af Asgard. Er soll die seltene Pferderasse, die aus Pippi-Langstrumpf bekannt ist, im Tiefenbachtal sichern.

Nürtingen - Kann Lanzelot af Asgard in die Fußstapfen von Adonis af Asgard treten? Die Züchterin Amelie Schwieger hofft es inständig. Denn wenn der sieben Jahre alte Hengst die Zuchtkriterien erfüllt, ist der Fortbestand von Knabstruppern auf dem Nürtinger Gestüt af Asgard gesichert. Falls nicht, stehen im Tiefenbachtal die Pippi-Langstrumpf-Pferde vor einer ungewissen Zukunft. Unter diesem Namen sind die Tiere wegen Pippis Pferd Kleiner Onkel in den 70er-Jahren einem breiten Publikum bekannt geworden.

 

„Das war der Star“, erinnert sich Amelie Schwieger an Adonis. „Er war von der Qualität her führend in Deutschland“, sagt sie. Durch sein Ableben vor vier Jahren hat Adonis eine große Lücke hinterlassen. Vor acht Jahren noch hatten die Tierärztin und ihr Mann Siegfried Beck an die 15 Tiere auf der Koppel. Derzeit sind es noch acht Stuten und ein drei Monate altes Fohlen – Filomena.

Eine Delegation aus Dänemark wird den Hengst begutachten

Deren Vater ist Lanzelot. Dass er Nachkommen zeugen kann, hat der Hengst also bereits unter Beweis gestellt. Ob er den Anforderungen der Zucht genügt, muss sich allerdings erst noch herausstellen. Am 11. November erwartet das Gestüt den Besucher einer Delegation des dänischen Knabstrupper-Zuchtverbands. Sie entscheidet anhand strenger Kriterien, welche Tiere sich für die Zucht der dänischen Rasse eignen. Aussehen, Statur und Gang – all das wird geprüft. Auch wie ein Pferd beim Reiten abschneidet, fließt in die Bewertung mit ein.

Im zwischen Wiesen und Wäldern landschaftlich reizvoll gelegenen Tiefenbachtal haben die Tiere viel Auslauf. Das Fohlen Filomena trabt neben ihrer Mutter Fine über grünes Gras. 21 Jahre hat die Stute bereits auf dem Buckel, sie war jetzt das erste Mal trächtig – „ein spätes Mädchen“, wie Amelie Schwieger sagt. Seit 20 Jahren ist die Tierärztin hier auf af Asgard – das „Heim der Asen - der Wohnort der Götter“ bedeutet der Name in der nordischen Mythologie – passend zur Rasse der Knabstrupper, die ursprünglich aus Dänemark stammen. Dort haben Amelie Schwieger und Siegfried Beck im Jahr 1991 auch ihre erste Knabstrupper-Stute gekauft, die just mit Adonis trächtig war. Die Kaufidee hatte Siegfried Beck, „weil er einfach so ein Pferd haben wollte“, wie sich seine Frau erinnert. Seinen Beruf als KfZ-Meister hat Siegfried Beck wegen der starken „Infektion mit dem Knabstruppervirus“ hauptberuflich nahezu an den Nagel gehängt.

Knabstrupper sind intelligente und zuverlässige Partner

Die Zahl der Zuchtbetriebe für Knabstrupper ist überschaubar. Neben af Asgard gibt es laut Amelie Schwieger in vergleichbarer Größe nur noch einen im Land – bei Ellwangen. Ein weiterer ist in Bayern verortet. Das war’s dann auch schon in Süddeutschland, erklärt die Züchterin.

Die Reitanlage im Tiefenbachtal umfasst zusätzlich noch einen Pensionsbetrieb für Einstellpferde. Doch die Knabstrupper-Zucht ist das Hauptanliegen. Zwei bis drei Fohlen gehen pro Jahr normalerweise aus ihr hervor. Mit sieben Monaten sind sie alt genug für eine neue Heimat. Der Markt für die Liebhaberpferde ist international. Amelie Schwieger hat Abnehmer in Großbritannien und den USA. Meistens werden die Vierbeiner aus dem Tiefenbachtal für die Weiterzucht verwendet. Die Warmblüter sind gute Reitpferde. Gelehrig, gelassen, gutmütig und willensstark – das sind Charaktereigenschaften, die den Tieren zugeschrieben werden. „Sie sind sehr menschenbezogene Allroundpferde. Der ambitionierte Freizeitreiter findet in einem solchen Pferd einen zuverlässigen und intelligenten Partner“, sagt Amelie Schwieger. Auch als Therapiepferde seien Knabstrupper gut geeignet.

Die Tupfen beim Kleinen Onkel waren bloß aufgesprüht

Der verblichene Adonis af Asgard war einer der bekanntesten Knabstrupper-Hengste in Deutschland. Weitaus bekannter ist freilich der Kleine Onkel aus den Pippi-Filmen. Dabei ist der Filmstar kein Knabs-, sondern ein „Fake“-Trupper gewesen. Der Wallach hieß Bunting und war kein Tigerschecke mit echten schwarzen Tupfen, sondern ein Schimmel. Der Regieassistent Ingvar Skogsberg sprühte jeden Morgen Haarfärbemittel auf das Fell. „Ich hatte unterschiedlich große Löcher in Wellpappe geschnitten und sprayte vorsichtig durch, ganz leise, damit er es nicht hören konnte, denn er mochte das Geräusch nicht“, sagte Skogsberg. Zur Fellpflege soll das Filmteam Bunting damals regelmäßig in die Autowaschanlage einer Tankstelle gebracht haben. Natürlich waren die Maschinen dabei abgestellt. Übrigens hat es ein Knabstrupper aus dem Tiefenbachtal auch schon einmal ins Fernsehen geschafft. Vor zehn Jahren suchte der Südwestrundfunk für eine Pippi-Darstellung einen Kleinen Onkel und wurde dort fündig.

Einmal im Jahr wird Nürtingen zum Mekka der Knabstrupper-Gemeinde. Seit 2006 findet die einzige Zuchtschau für Knabstrupper in Deutschland im Tiefenbachtal statt. Teilnehmer aus dem Inland, Österreich und der Schweiz haben sich im September dort zum zehnten Mal ein Stelldichein gegeben und ihre Pferde vorgeführt. Bei dem vom Zuchtverband für Deutsche Pferde und dem Gestüt af Asgard gemeinsam ausgetragenen Wettbewerb werden die besten Tiere prämiert.

Hengst Adonis und Hündin Luna starben am selben Tag

Die Chancen, dass in die Riege der Besten auch Lanzelot vorstößt, scheinen gut zu sein. Der Hengst zählt zu den sogenannten Weißgeborenen. Seine Gene, die den „Mantel“ vererben, sind so stark, dass der Mantel keine „Löcher“, – also Flecken – hat, erklärt Amelie Schwieger. Als reinerbiger Hengst wird Lanzelot immer – egal, welche Färbung die jeweilige Knabstrupper-Stute hat – Tigerschecken als Nachkommen zeugen. Und genau diese Schecken sind das Zuchtziel. Schon im Zeitalter des Barock galt es als etwas Besonderes, einen Tigerschecken zu besitzen. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. „Deshalb ist er für uns ziemlich wichtig“, sagt Amelie Schwieger über ihren Hoffnungsträger.

Außer Pferden gibt es auf der Reitanlage noch einen weiteren Vierbeiner. Auf den Namen Kira hört eine Boxerhündin, die den Knabstruppern farblich sehr nahe kommt. Sie ist weiß mit dunklen Flecken auf dem Fell. Eine solchermaßen gescheckte Hündin lebte früher schon auf af Asgard. Ihr Name war Luna. Doch Luna starb – ausgerechnet am selben Tag, als auch Adonis infolge eines Aortarisses mit 23 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. „Das war kein schöner Sonntag“, denkt Amelie Schwieger an diese schwarzen Stunden zurück. Doch wenn Lanzelot jetzt die Erwartungen erfüllt und die dänische Delegation überzeugt, dann sieht das Gestüt af Asgard wieder einer sonnigen Zukunft entgegen.

Könige ritten auf den edlen Rössern zu ihren Krönungen

Herkunft
Der Knabstrupper ist eine Rasse, die ursprünglich aus Dänemark stammt. Ihren Namen verdanken sie dem Gut Knabstrup, auf dem die Pferde von circa 1800 an gezüchtet wurden. Die Zuchtgeschichte reicht aber weiter zurück. Die konsequente Zucht von Tigerschecken begann im 16. Jahrhundert auf dem königlichen Gestüt Frederiksborg. Heute gibt es nur noch wenige hundert Zuchttiere.

Adel
Ihre Hochzeit hatte die Zucht der Tigerschecken im Zeitalter des Barock. Deshalb werden die Knabstrupper auch zu den Barockpferderassen gezählt. Beim Adel genossen die Pferde einen hohen Stellenwert und waren so etwas wie ein Statussymbol. Sie drückten am besten die Lebenslust und Farbenfreude der barocken Fürsten aus. Könige und Kaiser ritten auf solchen Tieren bevorzugt zu ihren Krönungen.

Brand
Im Jahr 1891 schlug auf dem Gut Knabstrup der Blitz ein. Dem folgenden Brand fielen 22 Zuchttiere zum Opfer. Mit der Katastrophe endete die Zucht auf dem Gut. Für die Knabstrupper-Zucht insgesamt war diese Katastrophe ein schwerer Schlag. Die meisten der alten Blutlinien wurden aufgelöst oder verkauft, vorwiegend nach Deutschland.