Jürgen Mädler im Campus Galli bei Meßkirch: Hier entsteht nach frühmittelalterlichen Plänen und mit den damaligen Werkzeugen eine Klosteranlage. Foto: Andreas Reiner

Jürgen Mädler war Lkw-Fahrer, dann verlor er sich. Heute arbeitet er als Schindelmacher im neunten Jahrhundert.

Meßkirch - Jürgen Mädler hebt den rechten Arm, darin sein Hammer aus roher Rinderhaut. Er zieht kraftvoll durch, schlägt auf die Schindeleisen im Holz – und zack. Ein armlanges Stück Stamm zerfällt in zwei Teile. Mädler steckt die Schindeleisen jetzt in die Hälften, schlägt noch einmal zu. Aus den Vierteln kriegt er je vier Schindeln. Das Kernholz mit der breiten Maserung schlägt er raus. Sonst würden die Dachplatten bei Regen und Feuchte aufquellen.

 

Jürgen Mädler, 61 Jahre alt, ist ein kräftiger Mann mit rotblondem Haar und dichtem Vollbart. Der schwere Hammer liegt ihm leicht in der Hand, sein Schlag trifft. Er ist der Schindelmacher auf der Baustelle des Campus Galli. Hier im Wald bei Meßkirch, 30 Kilometer vom westlichen Bodenseeufer, entsteht nach alten Plänen eine mittelalterliche Klosterstadt.

Er könnte als Zeitreisender aus dem Mittelalter durchgehen

Mädler trägt eine flatternde Hose aus Leinen, eine Tunika und eine Kukulle, ein weites Obergewand mit Kapuze. An seinem Gürtel baumelt ein Messer. Er könnte als Zeitreisender aus dem Mittelalter durchgehen, wären da nicht seine Brille, randlos, und die Schuhe, Sicherheitsmodell. Das neunte Jahrhundert wirkt hier im Wald, als sei es noch nicht vergangen. Etwa 50 Handwerker arbeiten seit acht Jahren auf einem 26 Hektar großen Gelände – ohne elektrische Geräte oder sonstige moderne Technik. Ihre Werkzeuge müssen die Arbeiter selbst herstellen, mit den Mitteln von damals.

Sibirische Lärche – das wäre das perfekte Schindelholz, sagt Jürgen Mädler jetzt, als er zügig über einen Schotterweg marschiert. Aber er nimmt die vielen Fichten, die hier wachsen, denn die müssen ohnehin raus. Die gab es hier noch nicht im neunten Jahrhundert. Damals wurden die Schindeln aus Eiche oder Weißtanne geschlagen. Mädler zeigt auf einen lichten Waldabschnitt: „Da war es auch mal dichter“, sagt er mit Genugtuung. Hier schlägt er sein Holz.

Der Böttcher sitzt oben am Stoßhobel, Mechthild und Jenny sitzen unter dem Dach der Spinnstube, als es leicht zu nieseln anfängt. Sie müssen geduldig mit der Spindel hantieren. Das Spinnrad wird leider erst einige Jahrhunderte später erfunden. Die Zimmerer am Dorfplatz schlüpfen in ihre Sicherheitsschuhe (Tüv-geprüft, denn sie leben ja doch im 21. Jahrhundert), und Uschi, die Tierpflegerin, schaut nach den Düppeler Weideschweinen. Jeder Schritt schmatzt wie Kaugummi, wenn Schorsch, der mächtige Eber, aus dem Stall stapft. Er watet zufrieden durch den Schlamm.

Uschi und Gerhard sitzen in ihren Leinenklamotten auf einer Bierbank und rauchen

Schorsch ist den Hausschweinen des Mittelalters nachgezüchtet, mit langem Rüssel für die Nahrungssuche. Er muss nicht so tun, als lebe er wie seine Vorfahren vor Hunderten von Jahren. Er ist so. Die Zimmerer, die Weberinnen und Töpfer hingegen verwandeln sich abends wieder in Julian, Mechthild, Martin und gehen heim in ihre Einfamilienhäuser in Vilsingen, Krauchenwies oder in Göggingen.

Der St. Galler Klosterplan ist die frühste Darstellung eines Klosterbezirks. Er ist auch der einzige Bauplan, der aus dem frühen Mittelalter erhalten ist, und zeigt Grundrisse von 50 Gebäuden. Seine Schöpfer waren einflussreiche Geistliche, denen es zu ihrer Zeit an nichts fehlte. Sie hießen Reginbert und Walahfried Strabo, und sie haben den Klosterplan irgendwann zwischen 819 und 837 auf der Insel Reichenau kunstvoll entworfen. Gebaut hat das Ganze dann allerdings nie jemand. Bis heute.

Uschi und Gerhard sitzen in ihren Leinenklamotten auf einer Bierbank und rauchen. Jürgen Mädler packt eine Tupperdose mit zwei Käsebroten aus. Versteckt hinter einem großen Holztor stehen die Baucontainer, wo die Handwerker jetzt ihre Mittagspause abhalten. Wegen Corona ist auch in der karolingischen Klosterstadt Kurzarbeit. Nur freitags bis sonntags wird am Mittelalter gebaut. Nur dann steigt der Töpfer tief in die Lehmgrube, und Gerhard mit dem langen schlohweißem Haar bearbeitet an der Wippbogendrechselbank meisterhaft geschwungene Stuhlbeine.

Die Klosterstadt gehört heute nicht, wie einst, den Privilegierten, sondern den normalen Leuten. Sie lassen in Meßkirch als Handwerker große Bauten aus Holz in den Himmel wachsen. Zuvor waren viele von ihnen beruflich orientierungslos. Auch Jürgen Mädler kam als Langzeitarbeitsloser hier an.

Mit dem Lastwagen donnert er über Land

Das war nach seiner Zeit der großen Krise, damals mit Mitte vierzig. Er erinnert sich noch gut, wie die anfing. Er sitzt in seinem Lkw, hetzt von Bundesland zu Bundesland. Abends im Fernsehen sieht er Männer in Talkshows, die sehen aus, als wären sie in Anzug und Krawatte geboren. Die wissen genau, was sie sagen müssen, um der zu bleiben, der sie sind. Wie kann das so selbstverständlich sein? Und wer ist er?

Der Jürgen aus dem kleinen Dorf St. Georgen im Schwarzwald, der nicht Badisch spricht wie die anderen Kinder, weil seine Eltern aus Leipzig und Rostock stammen. Der noch als gestandener Mann rot wird, feuerrot im Gesicht, wenn er vor anderen was sagen soll.

Mit dem Lastwagen donnert er über Land. Heute hier, morgen dort. Alles zieht so schnell am Fenster vorbei. Die Landschaft und sein Leben. Er kann sich selbst kaum folgen. Drei Kinder hat er irgendwann, mit drei unterschiedlichen Frauen. Jürgen Mädler sieht nichts mehr als bunte Streifen. Alles zerfließt. Das ist der Absturz. Mädler zieht die Augenbrauen hoch, wenn er heute davon erzählt, er schlägt nicht viel Wortschaum, um zu sagen, was dann mit ihm passierte: „Ich war einfach weg.“ Vier Jahre geht das so. Vier Jahre in Kliniken.

Vorne beim Ofen haben neulich ein paar Firmenbosse ein Teambuilding-Seminar veranstaltet

Im Campus Galli mussten sich alle ihr Handwerk erst aneignen. Keiner wusste anfangs, wie man aus Holz ein Haus baut oder selbst eine Glocke gießt. Vier Anläufe hat es gebraucht, bis die große Glocke für den Turm gelang. Der technische Mensch des 21. Jahrhunderts kann noch viel lernen.

„Wozu braucht man um Gottes willen ein mittelalterliches Kloster?“, hat Jürgen Mädler gefragt, als er zum ersten Mal vom Campus hörte. Heute denkt er manchmal umgekehrt. „Bald werden wir wieder ein Höhlenleben haben, wenn die Politiker so weitermachen.“ Er schüttelt den Kopf. Hier jedenfalls wären sie dafür gerüstet. Einen Hammer selbst schmieden – geht. Eine Schüssel aus Lehm fertigen – passt. Eine Hütte mit regendichtem Dach bauen – Jürgen Mädler weiß, wie man das macht.

Vorne beim Ofen haben neulich ein paar Firmenbosse ein Teambuilding-Seminar veranstaltet, erzählt Jürgen Mädler. Sie sollten ein Schindeldach für eine Hütte bauen. Mädler hat sie angeleitet. Es wurde viel diskutiert, und manche haben sich ganz gerne selbst reden gehört. Die Auszubildenden der örtlichen Krankenkasse bekamen am Ende ein besseres Dach hin.

Wenn es gut läuft, schlägt Jürgen Mädler 600 bis 700 Schindeln am Tag. Das fühlt sich echt an. Anders, als immer auf Rädern über die Landschaft zu rasen, wie er es früher getan hat. Jetzt hat er beide Beine fest auf dem Boden. Die Technik mit den Holzschindeln begeistert ihn: Wenn die Sonne auf die Dächer scheint, wirkt das wie eine Imprägnierung. Die Dächer halten dann jahrzehntelang. „Die wared au ned dumm, gell“, sagt eine Besucherin, als sie Jürgen Mädler zuschaut. „Nein, überhaupt nicht“, antwortet er, ganz ohne rot zu werden.

Mit Ende vierzig erwacht Jürgen Mädler aus seiner Krise

Die große Holzkirche ist das bislang beeindruckendste Gebäude des Campus Galli. Auf ihrem spitzwinkligen Dach hat Jürgen Mädler zusammen mit vielen Helfern 17 000 Schindeln verbaut. Das Tageslicht dringt gedämpft durch die Fenster aus Ziegenhaut ins Innere. Hier stehen keine Bänke. „Die Gläubigen des Mittelalters wollen sich bewegen, sie wollen stehen, um sich bis ganz zum Boden verneigen zu können.“ So beschreibt es Andreas, der eigentlich ein orthodoxer Mönch ist und hier im Kloster als Buchbinder und Zimmerer arbeitet. Das Menschenbild des Frühmittelalters sei ein anderes als heute: „Der Mensch ist damals höher geschätzt“, glaubt Andreas: „Er ist ein Geschöpf.“ Unsere Vorfahren hätten es wohl kaum verstanden, dass der moderne Städter sich manchmal fragt, wozu er zu gebrauchen ist.

Mit Ende vierzig erwacht Jürgen Mädler damals aus seiner Krise – weil man ihn braucht. Seine Ex-Frau wird vom einen auf den anderen Tag zum Pflegefall. Und bei Mädler ziehen zwei Teenager ein. Er soll alleinerziehender Vater sein. Aber er hat nicht einmal einen Job. Mädler hört sich um, fährt wieder Lkw, arbeitet als Gärtner, Maurer, bei der Müllabfuhr. „Kinder fragen nicht, wo das Zeug im Kühlschrank herkommt“, sagt er, „sie fragen nur, ob was drin ist.“ Seit 2013 hat Jürgen Mädler seine feste Stelle beim Campus Galli. Zwei Enkel wohnen jetzt ganz in der Nähe, nächste Woche besucht er sie wieder. Sein Sohn hingegen will ihn nicht mehr sehen. „Er hat mir die Vaterschaft gekündigt“, erzählt Jürgen Mädler. Warum, weiß er gar nicht so genau.

Im neunten Jahrhundert entstand auch eines der frühesten Gedichte in deutscher Sprache. Es handelt nicht wie die sonstigen Schriften dieser Zeit von Kirchlichem. Es erzählt erstmals eine weltliche Heldengeschichte. Hildebrand verlässt darin Frau und Kind, um als Krieger in die Verbannung zu ziehen. Als er nach langer Zeit heimkehrt, trifft er auf seinen erwachsenen Sohn, der ihn nicht erkennt. Hildebrand versucht, sich ihm zuzuwenden, doch Hadubrand geht nicht darauf ein: „Zwei Leute von gleichem Blut, Vater und Sohn, rückten da ihre Rüstung zurecht, sie strafften ihre Panzerhemden und gürteten ihre Schwerter über die Eisenringe, die Männer, als sie zu diesem Kampf ritten“, heißt es in der Übersetzung des althochdeutschen Textes. Wie das Hildebrandslied ausgeht, wurde nicht überliefert. Das Ende ist offen.