Michael Straub hebt das Fundament für die Holzkirche aus. Zehn Jahre wird sie Mitarbeitern wie Besuchern als Ort der Besinnung dienen, bevor sie der Steinkirche weicht. Foto: Köhler

Sie flechten Körbe, binden Besen, kämmen Schafwolle: In Meßkirch imKreis Sigmaringen ist ein Jahr nach der Eröffnung mit den Handwerkern Leben in die Klosterstadt eingekehrt.

Sie flechten Körbe, binden Besen, kämmen Schafwolle: In Meßkirch imKreis Sigmaringen ist ein Jahr nach der Eröffnung mit den Handwerkern Leben in die Klosterstadt eingekehrt.

Meßkirch - Diese Ruhe. Nur ein paar Vögel zwitschern. Auf der Straße rauscht gelegentlich ein Auto vorbei. Den breiten Kiesweg zum Campus Galli säumen Bilder, die ebenfalls Ruhe ausstrahlen. Sie zeigen Menschen aus dem 9. Jahrhundert, wie sie beten und arbeiten. Und sie geben den Besuchern einen ersten Eindruck von den Frauen und Männern, denen sie in wenigen Minutenbegegnen. Die Reise ins Mittelalter beginnt.

Hinter der Kasse rechts

Vom Parkplatz aus ist die gigantische Baustelle, auf der mit den Methoden des Mittelalters gebaut wird, nicht zu sehen. Sie fängt erst im Wald an. Auf dem Weg dorthin geht der Besucher nach der Kasse an zwei Wiesen vorbei, auf der Samen von Kornblumen, Klee, Senf und Buchweizen ausgesät wurden. Die linke Wiese wird gemäht und gepflegt. Die Pflanzen blühen. Die rechte Seite sieht wild aus: Sie bleibt sich selbst überlassen. Wie unterschiedlich sich die Wiesen unter verschiedenen Bedingungen entwickeln, das sollen die Besucher erfahren.

Ein paar Meter weiter erstreckt sich der Gemüsegarten. Gebückt reißen eine Frau und ein Mann in mittelalterlicher Kleidung Unkraut aus der Erde. Die Feldarbeit ist hart. Die Menschen arbeiten viel mit ihren Händen, sagt Mareike Punzel, verantwortlich für den Gemüsebau. Sie hält eine Pastinake hoch – Kartoffeln gab es im Mittelalter in Europa noch nicht. „Wir bauen an, wovon wir satt werden.“ Auf dem Acker wachsen auch Dinkel, Hirse, Roggen, Kohl und Alb­linsen. Damit das Gemüse dem im Mittelalter entspricht, werden nach Möglichkeit alte Sorten angebaut. Samenhandlungen und Verbände bieten sie an. Außer einem Gemüsegarten gibt es noch einen Obst- sowie einen Kräutergarten.

Mitmachen erwünscht!

Schon im Mittelalter erleichtern Werkzeuge die Arbeit. Damit die Arbeiter versorgt sind, beliefern Handwerker wie Schreiner oder der Drechsler Hans Lässig sie. Er sei für alle Griffe zuständig, ebenso für Essgeschirr und Wagenräder. Schnickschnack, wie Lässig Kerzenständer und schöne Möbel nennt, stellt er auch gern her. Dafür fehlt ihm aber meist die Zeit. Ingeborg Karim gelingt essogar, sich in der Seilerei zu entspannen. Sie produziert aus dem Bast der Äste einen Meter Seil in 30 Minuten. „In der Winterpause habe ich die Arbeit richtig vermisst.“

Die Besucher sollen die Baustelle unbedingt betreten. Sie können die Handwerker, die ihre Arbeit lieben, mit Fragen löchern und sogar mithelfen. Wer sich engagieren will, sollte einmal die Woche kommen oder eine Woche am Stück. Kindern bietet der Campus spezielle Mitmach-Programme an.

Ein Ochse schleppt Holz

Für Werkzeuge und Unterkünfte wird das Holz im Wald benutzt. Ein Ochse zieht es unermüdlich aus dem Wald. Das Tier ist aber noch in der Ausbildung. Den Umgang mit Menschen kennt er nicht. Die Schweine,Ziegen und Schafe freuen sich hingegen über eine Streicheleinheit. Die Hühner legen lieber in Ruhe Eier, laufen aber frei herum.

Eine Holzkirche entsteht

Das Holzkreuz steht schon. Vor ihm heben Michael Straub und Florian Trojan das Fundament für die Holzkirche aus. Die Arbeit beenden sie in etwa einer Woche, schätzen sie. Trojan gehört zu den Freiwilligen im Projekt. Der 20-Jährige sagt, dass er vielleicht die gesamte Saison bleibt. „Ich wollte in die Natur raus“, begründet er sein Engagement. Die Holzkirche soll noch dieses Jahr fertig werden. Zehn Jahre wird sie Mitarbeitern wie Besuchern als Ort der Besinnung dienen, bevor sie der Steinkirche weicht.

Neu auf den Campus kommt 2014 auch eine Scheune für Workshops für Kinder. Sie lernen dann, wie sie einen Lehmofen bauen oder Schafe treiben. Später wird in der Scheune das Getreide gelagert.

An der Kreuzung sitzt seit Kurzem ein Bettler. Er sei berufen, das zu tun, sagt er, während er den Besuchern seinen Holzteller entgegenstreckt.Denen gefällt’s.

Eintopf und Fladenbrot

Pommes mit Ketchup sind im Mittelalter unbekannt. Also gibt es das Essen auch in der Klosterstadt nicht. Stattdessen werden den Gästen alte typische Gerichte serviert: Kichererbseneintopf oder Fladenbrot. Teller und Besteck sind aus Holz, Becher aus Ton.

Die Klosteranlage ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen neun, Kinder bis 16 Jahre sechs Euro Eintritt. www.campus-galli.de

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