Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Diabetes (Typ 1 und Typ 2). Diese Menschen medizinisch optimal zu versorgen, stellt eine große Herausforderung für das Gesundheitswesen dar.
Um das Leistungsangebot der vielen an der Diabetesversorgung beteiligten Krankenhäuser vergleichen zu können, veröffentlicht der Bundesverband Klinischer Diabetes-Einrichtungen e.V. (BVKD) jährlich die sogenannte Transparenzliste. Das Klinikum Stuttgart wurde als eines von nur 18 Häusern in Deutschland mit der höchsten Bewertung (fünf Sterne) ausgezeichnet. In die Bewertung fließen unter anderem Zertifizierungen durch anerkannte Verfahren des Qualitätsmanagements, die Anzahl der behandelten Diabetespatienten und der Umfang der fachspezifischen Schulungen für die Mitarbeitenden ein.
Im Interview erläutert Professor Ralf Lobmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie im Klinikum Stuttgart, worauf es bei der Versorgung von Diabetes-Patienten ankommt und woran man eine gute Klinik erkennt.
Welche Rolle spielt Diabetes im Krankenhaus? Werden die Patienten nicht überwiegend bei niedergelassenen Haus – und Fachärzten versorgt?
Natürlich spielen niedergelassene Kolleginnen und Kollegen bei der Routineversorgung von Diabetes eine zentrale Rolle. Gerade bei Komplikationen – wie der Nephropathie oder dem Diabetischen Fuß - ist eine sektorenübergreifende und interdisziplinäre Betreuung unabdingbar.
Oftmals ist Diabetes das begleitende Problem einer anderen Grunderkrankung, die den Patienten in ein Krankenhaus geführt hat. Das kann eine Infektion wie beispielsweise eine Lungenentzündung, ein operativer Eingriff wie zum Beispiel eine Gallenblasenentfernung oder eine Krebsbehandlung sein. Im Klinikum Stuttgart ist fast jeder dritte erwachsene Patient von Diabetes betroffen. In solchen Situationen ist eine differenzierte Diabetestherapie unabdingbar. Daher ist auch eine entsprechende Kompetenz in den Krankenhäusern notwendig und von der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG) gefordert.
Bei den Patienten, die ursächlich wegen ihrer Diabetes-Erkrankung bei uns sind, spielen Komplikationen wie das diabetische Fußsyndrom eine wichtige Rolle. Dafür haben wir eine interdisziplinäre Behandlungsstruktur etabliert, in der eine stationäre und ambulante Versorgung möglich ist. Vielen Patienten, denen eine Fußamputation drohte, konnten wir durch unsere interdisziplinäre Expertise helfen.
Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit fünf Sternen durch den Bundesverband Klinischer Diabetes-Einrichtungen. Wie bewerten Sie diese Auszeichnung?
Diese wiederholte Auszeichnung ist das Ergebnis jahrelanger und konstant guter Arbeit in unserer Klinik. Die Betreuung unserer Patienten übernimmt ein interdisziplinäres Team. Neben den spezialisierten Fachärzten will ich das Pflegeteam, die Diabetesberatung und das Wundteam hervorheben. Das Team verfügt über besondere fachpflegerische und auch geriatrische Kompetenzen in Sturzprophylaxe, Demenz und Diabetes. Diabetes beginnt zwar immer früher, ist aber immer noch eine Erkrankung besonders des älteren Menschen. Das bedeutet, dass Patienten mit Diabetes im Klinikum Stuttgart von den Vorteilen eines Maximalversorgers profitieren.
Worauf sollten Patienten achten, wenn sie nach einer Klinik zur Diabetesbehandlung suchen?
Die Kriterien des Bundesverbands Klinischer Diabetes-Einrichtungen zur Bewertung von Einrichtungen bieten eine gute Orientierung. Hilfreich ist auch, wenn die Klinik durch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifiziert ist. Das steht für Qualität und garantiert beispielsweise, dass ein Qualitätsmanagementsystem gelebt wird und das Personal spezialisiert sowie dank fachspezifischer Schulungen auf dem aktuellen Wissenstand ist. Patienten mit Diabetes profitieren davon wenn sie - sei es als Notfall oder einem planbaren Eingriff - in ein Haus mit umfassender Diabetesexpertise kommen. Das Klinikum Stuttgart ist ein von der DGG zertifiziertes Diabeteszentrum und erfüllt damit alle Qualitätsvoraussetzungen.
Wie bewerten Sie die Versorgungssituation von Menschen mit Diabetes in Deutschland? Werden alle optimal medizinisch versorgt?
Ich bin etwas skeptisch, was die Versorgung angeht. Gerade im Rahmen der Krankenhausstrukturreform wird es für kleine Klinken schwerer werden, die entsprechenden Strukturen und Leistungsgruppen vorzuhalten. Selbst aktuell haben von den zirka 1600 Krankenhäusern in Deutschland nur rund 300 eine Zertifizierung durch die DDG als Diabeteszentrum oder als „Krankenhaus für Diabetes geeignet“.
Der diabetische Fuß, und die damit oft verbundene (Teil-) Amputation macht vielen Menschen Angst. Wie hoch ist das tatsächliche Risiko?
Dank einer Übersichtsarbeit der Uniklinik Ulm wissen wir, dass das Amputationsrisiko - gemeint ist der Beinverlust - für Typ 1 und 2 Diabetes Patienten gleichermaßen bei 10 bis 12 Prozent liegt, wenn sie wegen einem diabetischen Fuß stationär behandelt werden müssen. In den DDG-Zentren liegt der Wert seit Beginn der Zertifizierung vor 20 Jahren bei rund 3 Prozent: Das heißt, durch entsprechende Strukturen können mehr als die Hälfte der Unterschenkelamputationen ganz vermieden oder zumindest in eine Teilamputation von Zehen oder Vorfuß abgemildert werden.
Wie läuft die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms im Klinikum Stuttgart ab?
Auch wenn Patienten primär in der Diabetologie aufgenommen werden, erfolgt die Betreuung stets interdisziplinär mit den Kolleginnen und Kollegen der Orthopädie/Unfallchirurgie, der Gefäßchirurgie und der Radiologie. Die Diabetesabteilung übernimmt die allgemein-internistische Versorgung (Diabeteseinstellung, Infektbekämpfung, Gefäß und Nervendiagnostik) und Koordination mit den anderen beteiligten Fachabteilungen. Gemeinsames Ziel ist die Vermeidung von Amputationen. Während die interventionelle Radiologie und die Gefäßchirurgie sehr gut die Gefäßsituation durch Ballonkatheter oder Bypass-Operationen verbessern können, stellt eine begleitende Infektion uns oftmals therapeutisch vor Herausforderungen.
Infektbekämpfung, Optimierung der Gefäßversorgung, lokale Wundbehandlung und Stoffwechseloptimierung sind die vier Hauptpfeiler der Akuttherapie. Dieser folgt die Nachsorge mit der Organisation der ambulanten Wundversorgung, Anpassung entsprechender Entlastungshilfen (zum Beispiel Verbandsschuh oder 2-Schalen-Orthese). Wenn gewünscht, kann die Weiterbehandlung in unserem MVZ erfolgen, in dem dann auch nach Abheilung der Wunde die endgültige Schuhversorgung mit einem Diabetes-Schutzschuh mit spezieller Einlage (DAF) oder einem orthopädischen Schuh erfolgt.
Erwarten Sie in den kommenden Jahren medizinische Fortschritte in der Diabetesbehandlung?
Die Therapieoptionen des Diabetes werden sich weiter entwickeln. Hier sind neue Hormontherapien zu nennen wie die bekannte sogenannte „Hollywood“ Abnehmspritze (GLP-1-Analoga), die ursprünglich für die Diabetestherapie entwickelt wurde. Wir erwarten Dreifachkombinationen mit noch besserer Wirkung auf Diabetes und Gewicht. Für die bekannten GLP-1 Analoga werden wir neben der injizierbaren Spritze tablettenbasierte Therapien bekommen. Auch bei den Insulinen ist stets Bewegung, wie zum Beispiel ein neues, nur noch wöchentlich zu applizierendes Insulin, was die basale Insulininjektion vereinfacht bis hin zu Forschungen zu einem oralen Insulin, was den Komfort für Patienten weiter erhöhen würde. Nicht zuletzt gibt es Forschungsaktivitäten an einer Therapie mit Inselzellen.
Die Systeme zur kontinuierlichen Zuckermessung aus dem Gewebe und Insulinpumpen werden immer kleiner und genauer und werden sowohl mehr Funktionen als auch KI basierte autonome Programmierungen erhalten. Im Bereich der Digitalisierung und KI war die Diabetologie immer schon eine Vorreiterin.
Bei der Versorgung des diabetischen Fußes wird der medizinische Fortschritt ebenfalls zu besseren Ergebnissen führen, wenn etwa noch bessere Stents die am Klinikum Stuttgart bereits eingesetzten modernen Verfahren wie die Vakuumtherapie oder die Therapie mit Kaltplasma, ergänzen. Aber auch der Einsatz von Phagen zur Unterstützung der Therapie mit Antibiotika oder bioaktivem Glas bei Knochenentzündungen sind ebenso spannende Entwicklungen wie die lokale Wundbehandlung mit Wachstumsfaktoren
Info: Weitere Informationen zur Behandlung sowie Ansprechpartner finden Interessierte auf der Webseite des Klinikums Stuttgart.


