Die Mitarbeiter der Notaufnahme am Klinikum Ludwigsburg beklagen unzumutbare Zustände für das Personal, aber auch für Patienten und deren Angehörige. Sie fordern die Geschäftsführung zum Handeln auf. Nicht zum ersten Mal.
Erst im Juni hatten die niedergelassenen Ärzte die Pläne von Jörg Martin, dem Chef der Regionalen Kliniken Holding (RKH), sich mit der RKH stärker in den ambulanten Sektor einzubringen, heftig kritisiert. Martin wurden Praxisferne und Alleingänge vorgeworfen. Jetzt sorgt ein fünf Seiten langer Brief eines Leitenden Oberarztes der Zentralen Notaufnahme (ZNA), der im Namen aller Mitarbeiter dort spricht, erneut für Unruhe. In dem Schreiben an die Geschäftsführung, den Aufsichtsratsvorsitzenden, die Ärztlichen Direktoren sowie an den Betriebsrat wird eine menschwürdige Behandlung der Patienten und des Personals gefordert.
Vergebliches Warten auf ein Bett in der Palliativstation
Täglich komme es zu schweren Behandlungsverzögerungen – mit dem Risiko der Patientengefährdung in „Hochlastphasen“. Kranke würden teilweise weit mehr als zehn Stunden lang in der Notaufnahme liegen, bis sie dann auf Station kommen. Bei der Schilderung handelt es sich laut dem Brief aktuell nicht um Ausnahmesituationen. „Auch Todesfälle, die auf ein palliatives Bett warten, und schließlich noch in der Notaufnahme sterben, sind nicht selten.“
In der Bevölkerung, bei Angehörigen, Patienten, niedergelassenen Ärzten und Klinikmitarbeitern gebe es eine breite Unzufriedenheit, die bei letzteren wiederum zu Kündigungen führe. Es sei frustrierend, wenn man nicht so arbeiten könne, wie man es gelernt habe und mit keinem guten Gewissen heimgehe, weil man wisse, dass man die Patienten nicht gut versorgt habe, erzählt eine Pflegekraft. „Sie sollten viel mehr Helfer einstellen, damit die Grundpflege der Patienten gesichert ist. Die examinierten Kräfte könnten Aufgaben wie die Essensverteilung und anderes delegieren. „Aber das versteht in der Verwaltung keiner.“
Zweimal habe man sich in der Vergangenheit Gehör verschafft und eine Stabilisierung der Personalsituation in der Notaufnahme erreicht, heißt es in dem Brief, der von 53 Mitarbeitern unterschrieben wurde. Um die Betten- beziehungsweise die Personalproblematik des Standortes zu beheben, reiche das aber bei Weitem nicht. Die Probleme gebe es deutschlandweit, die Situation im Kreis sei jedoch besonders gravierend. Die sogenannte Bettendichte habe im Jahr 2019 bei gerade einmal 32,8 je 10 000 Einwohner gelegen. Landesweit lag sie vor drei Jahren bei 50, bundesweit bei 59,5 und in Stuttgart sogar bei 86.
Die Zahl der Betten pro Einwohner ist massiv geschrumpft
Inzwischen ist die Bettendichte im Kreis auf 21 bis 23 Betten geschrumpft. Als Grund führen die Mitarbeiter der ZNA eine „massive Kündigungswelle“ nach mehr als zwei Jahren Coronapandemie an. Außerdem habe die Schließung des Krankenhauses in Marbach und der Wegfall der Lungenfachklinik auf der Schillerhöhe, die nach Stuttgart umgezogen ist, die Situation verschärft.
Gefordert werden schnelle Lösungen. So müsse es möglich sein, dass Patienten in der ZNA abgelehnt werden, oder die ZNA sich bei der Leitstelle „abmelden“ könne, so wie in Stuttgart. Apropos Stuttgart: Insbesondere in Grenzgebieten wie Gerlingen, Korntal-Münchingen und Kornwestheim müsse es möglich sein, als Notfallpatient in die Landeshauptstadt gehen zu können.
Forderungen nach Kita-Plätzen und bezahlbaren Wohnungen
Mittelfristig wird eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch Investitionen in das Personal gefordert – beispielsweise indem man Kitaplätze oder bezahlbare Wohnungen zusichere, oder über Tarif bezahle. Ein Instrument der Personalgewinnung und Personalsicherung, auf das man in Stuttgart setzt. Erstmalig mit dem Juli-Gehalt werden am städtischen Klinikum dort Zulagen bezahlt. Jedoch nicht pauschal 500 Euro, sondern an die tarifliche Eingruppierung gekoppelt, sagt Pressesprecher Stefan Möbius. Für ausgewählte Bereiche bezahle das Klinikum Stuttgart schon länger Zulagen, etwa für Intensivpflegekräfte und operationstechnische Assistenten. In den vergangenen Jahren habe man in der Pflege kontinuierlich Personal aufgebaut, sagt Möbius. „Wichtiger als das Gehalt sind für eine erfolgreiche Personalgewinnung und –bindung ein wertschätzender Umgang mit den Mitarbeitenden und vor allem gute Arbeitsbedingungen.“
RKH-Geschäftsführer Jörg Martin hält nicht viel von übertariflichen Modellen. „Das kann man machen, aber die Schraube dreht sich doch so immer weiter hoch“, moniert er. In der Holding habe man sich bewusst für Tariftreue entschieden. „Wenn wir rausgehen, dann bekommen wir das nicht bezahlt“, ist er sich sicher und gibt den Ball weiter. „Das Problem müssen die Tarifpartner lösen.“ Man versuche mit allen Mitteln, Personal zu gewinnen, betont Martin. Natürlich gebe es auf den Intensivstationen, den OPs und in der Notaufnahme „Spitzenbelastungen“. Aber es gebe auch Zeiten, in denen es ein bisschen ruhiger sei. „Die Frage ist also, wie wir mit den Spitzenbelastungen umgehen.“ Ein mögliches Modell sei, ein Pool von Mitarbeitern zu haben, die wie eine Art Feuerwehr innerhalb der Holding eingesetzt würden und dann aufgrund ihrer örtlichen Flexibilität mehr Geld bekommen. „Für die Intensivstationen haben wir das vor circa einem Jahr angefangen.“
Über die Inhalte des Briefes und die aktuelle Situation soll es ein Gespräch geben. Sie habe „alle Involvierten“ eingeladen, es könne kurzfristig terminiert werden, erklärt die Regionaldirektorin Anne Matros und nimmt zu einem Punkt aus dem Brief dann doch inhaltlich Stellung. Kliniken in ganz Deutschland seien für die Erstversorgung verantwortlich. Um das Patientenwohl zu gewährleisten, sei eine Abmeldung von Krankenhäusern nicht zu rechtfertigen.
An besagtem Gespräch soll auch der Betriebsrat teilnehmen. Die Anliegen der Mitarbeiter seien berechtigt, betont ein Mitglied. „Das Gremium konfrontiert die Geschäftsführung schon lange damit. Die Themen müssen dringend bearbeitet werden.“ Verschiedene Strukturthemen zur Entlastung der ZNA seien besprochen, teilweise bereits umgesetzt und weitere terminiert.