Je mehr Erfahrung ein Neurologe hat, desto schneller und präziser kann er MRT-Bilder bei Schlaganfällen auswerten. Zeit, die dem Patienten zugute kommt, denn je früher die Behandlung einsetzt, desto größer sind die Chancen auf eine Genesung. Foto: sudok1/AdobeStock

Journalisten und Politiker durften jetzt ein bisher geheimes Gutachten einsehen. Auf dessen Grundlage hatte das Land entschieden, dass Schlaganfallpatienten im Kreis künftig nur noch im Christophsbad behandelt werden dürfen.

Göppingen - Die Rufe nach mehr Transparenz im Kreistag waren laut. Mehrere Kreisräte forderten, ein Gutachten, auf dessen Grundlage das Land ein Machtwort im Streit zwischen der kreiseigenen Klinik am Eichert (KaE) und der privaten psychiatrisch-neurologischen Fachklinik Christophsbad (CB) entschieden hatte, müsse veröffentlicht werden. So mancher mutmaßte, das Sozialministerium in Stuttgart habe wohl etwas zu verbergen. Seit dem vergangenen Mittwoch haben die Kreispolitiker die Möglichkeit, die 63-seitige Expertise einzusehen. Genutzt haben diese Möglichkeit aber bisher nur drei der 63 Kommunalpolitiker.

Am Dienstag hatte dann die Presse die Chance, das Papier im Sozialministerium in Stuttgart unter die Lupe zu nehmen. Dabei zeigte sich rasch, warum das Ministerium gar keine andere Wahl gehabt hatte, als die Versorgung dem CB zu übertragen. Zwar bescheinigt der Gutachter, der bundesweit renommierte Schlaganfallexperte Darius Günther Nabavi, der KaE ein aufrechtes Bemühen um eine gute Versorgung der Patienten und stellt fest, dass die Klinik medizinisch breit aufgestellt sei und bis auf die Neurologie und die Psychiatrie alle Fachrichtungen vorhalte. Doch in allen Punkten, die für die Versorgung von Schlaganfall-Patienten relevant sind, schneidet das CB bei ihm deutlich besser oder gleich gut ab.

Kreisklinik unter dem Landesschnitt

So ist die – gerade beim Schlaganfall so wichtige – Zeitspanne, die vergeht, bis Patienten eine Thrombolyse oder eine Thrombektomie erhalten, im CB deutlich kürzer. Thrombektomien, eine der erfolgreichsten und bedeutendsten Neuerungen in der Behandlung von Schlaganfällen, sind ohnehin nur im CB möglich. Auch bei der Nachsorge, bei der Zahl von Komplikationen und Ähnlichem erhält die Fachklinik die besseren Noten. Während die KaE teilweise hinter dem Landesschnitt zurückbleibt, sind die Ergebnisse am CB dem Vorsitzenden der Stroke-Unit-Kommission (der Schlaganfall-Kommission) der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, überdurchschnittlich.

Insidern zufolge war und ist das Abschneiden der KaE ein Grund dafür, dass sich das Sozialministerium mit einer Veröffentlichung des Gutachtens schwer tut. Der gute Ruf des Krankenhauses soll demnach möglichst nicht beschädigt werden. Doch weil der Landkreis und die kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken in den vergangenen Wochen mit zum Teil überraschenden Interpretationen des Gutachtens Politik gemacht hatten, bekam nun zumindest ein Teil der Öffentlichkeit das Gutachten zu sehen. Ob die Expertise, wie es der SPD-Kreisrat und Landtagabgeordnete Sascha Binder fordert, der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist noch nicht entschieden.

Zitate aus dem Zusammenhang gerissen

Der Göppinger Landrat Edgar Wolff und der medizinische Leiter der Kreiskliniken, Ingo Hüttner fordern in dem Streit, das CB müsse seine Neurologen an die KaE schicken, um dort gemeinsam mit den Kreiskliniken eine Schlaganfallstation zu betreiben. Der Kreistag hat sich dieser Forderung angeschlossen, ebenso die Kreisärzteschaft. Begründet wird das unter anderem mit zwei Zitaten aus Nabavis Gutachten, nämlich dass die Ideallösung für die Schlaganfallversorgung ohne Zweifel die Einbettung einer neurologischen Abteilung in ein Krankenhaus sei, „das somatische Fachdisziplinen vorhält“. Nabavi schreibt weiter, im Zuge des Neubaus der KaE solle ernsthaft geprüft werden, ob eine solche Zusammenarbeit zwischen Kreiskliniken und CB auf lange Sicht möglich sei.

Allerdings sind die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Denn Nabavi macht ganz klar, dass es sich dabei um ein Ideal handle, dass es erfolgreiche Kliniken mit ähnlicher Struktur gebe und dass die Versorgung der Patienten am CB schon jetzt überdurchschnittlich sei. Außerdem rät Nabavi davon ab, die neurologische Abteilung des CB zu zerreißen. Wenn schon ein Transfer in die eine Richtung, so der Gutachter, müsse die Privatklinik ihre komplette Neurologie in den Eichert schicken.

Ob das überhaupt möglich ist, was die Folgen für das CB wären, ob den Patienten damit gedient wäre oder ob es sinnvollerweise bei der jetzigen Entscheidung bleiben sollte, all das will das Sozialministerium von Mitte Januar an mit den Kreiskliniken und dem CB besprechen. Dem Ministerium zufolge soll dann über jede denkbare Form der Zusammenarbeit, die Folgen für die Patienten und die Kliniken sowie die Kosten gesprochen werden.

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