Die Mediziner des Ärztehauses in Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) brauchen starke Nerven – sie bangen um ihre Praxen. Noch steht kein Umzug fest, aber die Luft wird dünner.
Es sind turbulente Wochen, die Christoph Klinger und die anderen Ärzte aus dem Vaisana-Ärztehaus in Vaihingen/Enz gerade durchleben. Sie stehen unfreiwillig im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Stadt und Regionaler Kliniken Holding (RKH) um den Verkauf des Vaihinger Klinikenareals. Einige der Ärzte denken bereits darüber nach, Vaihingen zu verlassen. Entgegen der Mitteilung der Stadt, steht die Entscheidung eines Abgangs von Christoph Klingers Praxis aber noch nicht endgültig fest.
Die Fronten scheinen verhärtet – die Vaihinger Stadtverwaltung um Oberbürgermeister Uwe Skrzypek pocht auf einen Erhalt von Vaisana und Krankenhaus. Die Stadt soll das Areal kaufen und für die medizinische Versorgung erhalten, so Skrzypeks Vorstellung. Der Oberbürgermeister warnte bereits mehrfach, dass ansonsten Ärzte die Stadt verlassen könnten.
Die RKH hingegen will gemeinsam mit dem Landkreis das Gelände möglichst rentabel veräußern, um Haushaltslöcher zu stopfen. Mittendrin die Ärzte, die um ihren Standort bangen.
Oberriexingen im Gespräch – mehr nicht
Unzufrieden mit der Informationspolitik des OB ist der Arzt Christoph Klinger: „Wir haben im Sommer begonnen, uns nach Alternativen umzusehen.“ Dabei seien auch Gespräche um ein Gebäude der Wohnbau Oberriexingen in Oberriexingen geführt worden, das eine Ausweichmöglichkeit sein könne. Zum Hintergrund: Die Wohnbau würde gerne das alte Klinikgelände vom Landratsamt kaufen und dieses mit Wohnungen bebauen.
Der Umzug seiner Praxis stehe aber noch nicht fest, betont Christoph Klinger: „Das ist nur eine von mehreren Ideen“, sagt der Arzt. „Es liegt auch noch kein Mietvertrag vor – es ist merkwürdig, dass die Stadt diese Information in ihrer Pressemitteilung verbreitet.“
Die Stadtsprecherin Astrid Kniep bezieht Stellung zur Kritik: Aus den Reihen der Mieterschaft habe es noch am Sitzungsabend des Gemeinderats geheißen, einige Ärzte wollten das Ärztehaus verlassen. Das angesprochene Gebäude in Oberriexingen sei „als alternativer Standort für einen Umzug“ genannt worden, verifiziert habe die Stadt diese Standortfrage allerdings nicht.
Unabhängig davon ist klar: Die Zeit drängt für die Ärzte. Die aktuellen Mietverträge laufen Ende März 2027 aus, Gespräche mit der RKH über eine Verlängerung blieben bislang ohne Ergebnis. Zwar klingen 16 Monate nach massig Spielraum, aber so einfach ist es nicht, findet Christoph Klinger. „Wir brauchen für unsere Praxis 550 Quadratmeter Fläche“, erklärt der Arzt. „Da finden Sie nicht von heute auf morgen ein neues Gebäude.“
Hinzu kommt: Klinger und mehrere seiner Kollegen sind Gastroenterologen, ihre Räume müssen bestimmte Anforderungen erfüllen. Laut dem Mediziner gibt es im Vergleich zum aktuellen Ärztehaus eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Sie könnten in einen Neubau ziehen oder in ein Gebäude, in dem ohne viel Aufwand größere Umbauten möglich sind. Aber auch das brauche Vorlauf.
Die Zukunft des Vaisana-Ärztehauses wird wohl entweder auf dem Klinikenareal liegen oder außerhalb von Vaihingen. Innerorts scheint es keine andere Möglichkeit zu geben. Den Vorschlag für ein Gebäude in der Innenstadt, den Wohnbau-Geschäftsführer Kim Hasenhündl gemacht hatte, bezeichnete der Vaisana-Arzt Ekkehard Spohr in der Gemeinderatssitzung vom vergangenen Freitag als „nicht finanzierbar“.
Enttäuschende Gemeinderatssitzung
Besagte Gemeinderatssitzung endete für die Ärzte mit einer Enttäuschung. Die Vaihinger Stadträte konnten sich nicht zu einem klaren Bekenntnis zum Ärztehaus durchringen. Klinger war wie viele andere Ärzte dabei, seine Kollegen und er seien „irritiert“ und „zermürbt“ zurückgeblieben, so der Arzt. „Auf die Situation mit unseren Verträgen hätte die Entscheidung des Gemeinderats vermutlich keinen Einfluss gehabt“, schätzt Klinger. „Aber sie hätte gegenüber den Kliniken signalisiert, dass die Stadt bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Dieser Druck hätte vielleicht schon etwas gebracht.“
Genau das war auch der Plan von Oberbürgermeister Uwe Skrzypek gewesen. Der nannte das Ergebnis der Sitzung „tragisch“, es schwäche die „Mission“ der Stadt. An den Landrat Dietmar Allgaier und den Kliniken-Aufsichtsrat appellierte der OB vor der Aufsichtsratssitzung in einem offenen Brief: „Die öffentliche Hand darf die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung nicht Gewinnmaximierungsbestrebungen einzelner privater Investoren opfern.“
Ob die Mehrheit der Gemeinderäte dem Oberbürgermeister in der Sitzung am 10. Dezember folgt, scheint unsicher. Die FDP-Stadträtin und Skrzypek-Kritikerin Helga Eberle vermisst eine Wirtschaftlichkeitsberechnung für den Fall, dass die verschuldete Stadt das Gelände teuer kauft.
Eberle schätzt den Beschlussvorschlag Skrzypeks nicht als pragmatisches „Okay“ für weitere Verhandlungen der Stadt ein, sondern spricht von einem „Blankoscheck mit unüberschaubaren Risiken für die künftigen Finanzen der Stadt Vaihingen“. Die Verwaltung soll nun nacharbeiten und für die Sitzungen des Verwaltungsausschusses und des Gemeinderats nötige Grundlagen liefern.
Verkauf soll bis Mitte 2026 abgewickelt werden
Offen für verschiedene Lösungen beim Verkauf seien RKH und Landkreis, teilt die Regionale Kliniken Holding nach der Aufsichtsratssitzung in Markgröningen mit. Der Austausch zwischen den Akteuren RKH, Stadt und den Ärzten sei vertraulich und lösungsorientiert – außerdem würden bestehende Mietverhältnisse bei einem Verkauf übernommen. Ob die meisten Vaisana-Ärzte ohne verlängerte Mietverträge und angesichts des möglichen Verkaufs an einen Privatinvestor so gelassen bleiben wie RKH und Landkreis, erscheint fraglich.
Das Wertgutachten soll Anfang kommenden Jahres vorliegen, der Verkauf dann bis Mitte 2026 abgewickelt werden, teilt die RKH mit. Der Aufsichtsrat entscheide darüber in seiner März-Sitzung. Bis dahin müssen die Vaisana-Ärzte mit dem schlechtesten Fall rechnen: „Wir haben immer gesagt: Plan A ist, dass wir in Vaihingen bleiben. Umziehen wollen wir nur im Notfall“, sagt Christoph Klinger. „Aber dieser Notfall rückt immer näher.“