Rudolf van Schayck ist Ärztlicher Leiter der Schmieder Kliniken am Standort Gerlingen. Foto: Simon Granville

Der Wandel in der neurologischen Frühreha stellt die Kliniken Schmieder in Gerlingen vor neue Herausforderungen. Der Ärztliche Leiter Rudolf van Schayck gibt Einblicke.

Die Träger würden vermutlich alles geben, wenn die VR-Brille auf ihrer Nase rein der Freizeitgestaltung dienen würde. Eintauchen in virtuelle Welten, um zu spielen, einfach zum Vergnügen. Doch solch einer Auszeit dient das Tragen der Brille, die in die virtuelle Realität (VR) entführt, hier nicht. Im Gegenteil: Wenn die Patienten in der Gerlinger Schmieder Klinik diese Brille aufsetzen, liegt ein anstrengendes Training vor ihnen. Das Ziel: ein gelähmter Arm zum Beispiel, das Bein, die Körperhälfte soll nach einem Schlaganfall wieder zum Bewegen animiert werden.

 

Die Motivation, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ist auf einem virtuellen Wanderweg eine andere, der Anreiz lockender, wenn man den Aussichtspunkt erreichen will – als im Therapiezimmer das eine ums andere Mal stupide dieselbe Bewegung zu wiederholen. Der Anreiz, der zum Reiz im Gehirn wird, soll dazu beitragen, Nervenzellen neu zu vernetzen und die Folgen eines Schlaganfalls anzugehen.

Gerlingen ist einer von sechs Standorten der Kliniken Schmieder. Foto: Simon Granville

Rudolf van Schayck, Ärztlicher Leiter der Schmieder Kliniken am Standort Gerlingen, zeigt die Brille, die so unspektakulär aussieht wie andere VR-Brillen, die man aus der Gamingszene kennt. Mittlerweile nimmt aber die Zahl derer, die auch therapeutische Anwendungen entwickeln, zu. Deren Bedeutung ist anerkannt: Das Bundesforschungsministerium etwa hat bereits 2018 ein dreijähriges Projekt mit der Hochschule Reutlingen gefördert.

Kliniken Schmieder Gerlingen: Neue Hoffnung für Demenz-Patienten

Dass damit ein weiterer enormer Entwicklungsschritt in der Neurorehabilitation verbunden ist, wird im Gespräch mit Rudolf van Schayck deutlich. Die Kliniken Schmieder sind nach eigenen Angaben der größte Anbieter Neurologischer Rehabilitation in Baden-Württemberg.

Was etwa Anfang des 20. Jahrhunderts darauf beschränkt war, die Muskelkraft durch Massagen, Kälte, Wärme und elektrische Stimulation wiederherzustellen, wurde später durch Beschäftigungstherapie ergänzt. Nun beinhaltet der multidisziplinäre Fachbereich computergestützte Therapien. Und vor allem: „Er wird als eigenständiger Fachbereich angesehen“, sagt van Schayck. Völlig selbstverständlich sitzen inzwischen mehrere Spezialisten – Ärzte, Therapeuten, therapeutische Pfleger – mit am Tisch, um gemeinsam über die weiteren Behandlungsschritte eines Patienten zu beraten.

Dr. Rudolf van Schayck ist seit 25 Jahren Ärztlicher Leiter in Gerlingen. Er hat den Bereich der Frühneurorehabilitation mit aufgebaut. Er sagt: „Der Bedarf wird in den nächsten zehn bis 20 Jahren weiter steigen.“ Längst hat die Neurologie nicht alle Bereiche umfassend erschlossen. Ein vergleichsweise neues Feld könnte einer weiteren Gruppe von Betroffenen helfen: „Die Neurologie kümmert sich stärker um Demenz“, sagt er und gibt damit einen Einblick in die Forschung.

Die Kliniken Schmieder im Überblick:

  • Die Kliniken Schmieder in Gerlingen sind Teil eines mehr als 75 Jahre alten Unternehmensverbunds
  • 1950 ging es mit einer kleinen Klinik in Gailingen am Hochrhein und 20 Betten los
  • Heute ist es ein Verbund mit sechs Standorten und rund 1400 Betten
  • Nach eigenen Angaben haben die Klinken Schmieder insgesamt rund 2500 Beschäftigte und behandeln jährlich mehr als 14 500 Patienten aller neurologischen Indikationen und Schweregrade

Fast die Hälfte der Klinikbetten in Gerlingen sind für die Frührehabilitation

In Gerlingen stehen von den 230 Betten allein 106 der Frührehabilitation zur Verfügung – 78 in Gerlingen, 28 weitere in der Satellitenstation am Klinikum Stuttgart: Seit 2019 gibt es diese Station, die von den Kliniken Schmieder betrieben wird. Ihre Besonderheit ist die enge Verzahnung zwischen Akutstation, der Stroke Unit der Klinik, und der direkt angekoppelten Rehastation der Schmieder Klinik.

Die Frührehabilitation befindet sich in Gerlingen im Haus Bärensee, der zweiten Erweiterung des 1998 eröffneten Standorts. Patienten aus dem Großraum Stuttgart werden hier behandelt – oft unter intensivmedizinischen Bedingungen.

Kliniken Schmieder Gerlingen: Die Patienten werden älter und kränker

Das Haus wurde 2021 in Betrieb genommen, Platz für rund hundert weitere Betten entstand in dem 40 Millionen Euro teuren Neubau. In der Mehrzahl werden Menschen mit Schlaganfall versorgt, aber auch Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, Post-Covid-Patienten und – seit rund anderthalb Jahrzehnten zunehmend auch Patienten, die eine sogenannte Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP) entwickelt haben. Darunter versteht man eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die häufig im Zusammenhang mit anderen intensivmedizinisch behandlungspflichtigen Erkrankungen auftritt. Als wesentliche Entstehungsfaktor gilt unter anderem eine Sepsis, eine Blutvergiftung.

Damit hat sich auch das Bild des Patienten, der in die Schmieder Klinik kommt, gewandelt.„Unsere Patienten werden älter und kränker“, beobachtet van Schayck, „weil Baden-Württemberg Betten aufgebaut hat.“ Das fordert die Mediziner und Therapeuten. Van Schayck macht aber auch deutlich, dass der Bedarf an Plätzen deutlich größer ist als das Bettenangebot. Das hat Folgen: „Fünf Prozent der Patienten auf der Warteliste versterben.“