Auf den Intensivstationen sind fast alle Betten mit Coronapatienten belegt: Was passiert mit den anderen Patienten? Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Corona-Infektionszahlen steigen und mit ihnen die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen. Inzwischen wird auch von Triage gesprochen – was bedeutet das im medizinischen Alltag? Sachsen bereitet sich bereits vor – und auch Baden-Württemberg.

Stuttgart - Es ist ein dramatisches Déjà-vu. Schon im Dezember vergangenen Jahres warnten Kliniken insbesondere in Sachsen und Süddeutschland vor einem Kollaps. Nun gerät in der vierten Coronawelle wieder eine Vielzahl von Kliniken an diesen Punkt – trotz der Impfungen, trotz der Erfahrung aus mehr als eineinhalb Jahren Pandemie.

 

Der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, warnt: Schon nächste Woche könnte es so weit sein, dass Coronapatienten im Freistaat wegen eines Mangels an Intensivbetten oder medizinischem Personal nicht mehr behandelt werden können. Dann könnte eine sogenannte Triage notwendig werden. Und auch aus Teilen Bayerns ist die Situation nicht besser: Die Kliniken im Landkreis Neu-Ulm beispielsweise bereiten sich mit der Gründung eines Triage-Teams auf die Überlastung der Intensivstationen vor.

Die Rede über Triage erweckt den Eindruck einer Kapitulation

Dass nun immer häufiger von Triage die Rede ist, wirkt wie ein Fanal – und erweckt den Eindruck einer Kapitulation. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Militärmedizin zu Zeiten Napoleons. In den Kriegen, in denen es in kurzer Zeit zu viele Verletzte gab, als dass alle angemessen versorgt werden konnten, diente die Triage der Selektion nach Behandlungsbedürftigkeit – und der Einteilung knapper Ressourcen. Auch heute müssen Ärzte in Katastrophenfällen die Zuteilung medizinischer Mittel abwägen. Dabei bekommen nicht die Menschen zuerst Hilfe, die sie am dringendsten benötigen, sondern jene mit den besten Aussichten auf Genesung.

Der Medizinethiker Florian Steger kennt die Verhältnisse, unter denen die Kollegen in Sachsen derzeit arbeiten müssen: Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Uni Ulm hält dies für ein Szenario, dass auch Baden-Württemberg erreichen könne. So werden im Uniklinikum Ulm ebenfalls Triage-Teams vorbereitet. „Es muss jedem klar werden, dass die Ressourcen selbst in einem ausdifferenzierten und hervorragenden Gesundheitssystem wie in Deutschland begrenzt sind.“

Für die Triage gibt es klare Kriterien

Die Triage sei eine der schwierigsten Aufgaben, die eine Ärztin oder ein Arzt letztlich verantworten müsse. Hierfür gibt es sehr klare Kriterien , die die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) in Abstimmung mit der Akademie für Ethik in der Medizin verabschiedet hat. „Ganz zentral ist, was die Patientin oder der Patient möchte und was klinisch das Beste für diesen Menschen ist – nicht auf lange Sicht, sondern im Moment der Intensivversorgung“, sagt Steger.

Für Emotionen hat es bei diesen Entscheidungen keinen Platz: „Man kann die Kritik an Ungeimpften verstehen, dass diese – aufgrund ihrer fehlenden Bereitschaft, sich zu schützen – medizinische Ressourcen in Anspruch nehme, die anderen geimpften Patienten nicht mehr zur Verfügung stehen“, so Steger. Aber daraus einen Nachteil in der medizinischen Versorgung entstehen zu lassen, verbietet sich grundsätzlich.

In einigen Fällen müssen Eingriffe abgesagt oder verschoben werden

Dennoch hat die Versorgung der Corona-Infizierten sehr wohl Auswirkungen für die medizinische Regelversorgung. Es habe sich vor allem in der ersten Welle gezeigt, dass diese deutlich eingeschränkt stattgefunden habe, beklagt das Aktionsbündnis für Patientensicherheit (APS). „Die behandelten Fallzahlen waren zurückgegangen, was darauf schließen lässt, das Betroffene unter- oder sogar unversorgt waren“, sagt die Vorsitzende Ruth Hecker. Auch jetzt werden Einzelfälle bekannt, wo medizinisch wichtige Eingriffe abgesagt oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden sind – was den gesundheitlichen Schaden vergrößert habe. Hecker plädiert daher für eine kluge sektorenübergreifende regionale Versorgung: „Kooperation statt Konkurrenz.“

Man habe aus den Erfahrungen des ersten Coronawinters gelernt, heißt es indes am Universitätsklinikum Tübingen: Auf eine der größten Covid-Intensivstationen des Landes werden Schwerkranke verlegt, damit sie eine Ecmo-Therapie erhalten und an die künstliche Lunge angeschlossen werden können. Insgesamt 35 Betten halte man für solche Coronapatienten bereit, momentan sind davon 13 belegt. Es gab in der Pandemie Zeiten, in denen die Station voll gewesen sei, sagt Helene Häberle, die Leitende Oberärztin der anästhesiologischen Intensivstation.

In einem Clustersystem werden Patienten in andere Kliniken verlegt

Um solche Situationen zu verhindern, sind angesichts der steigenden Infektionszahlen Maßnahmen getroffen worden: Doch statt von Triage spricht die Intensivmedizinerin von Priorisierung. „Es wird entschieden, welche Operationen hochdringlich sind und durchgeführt werden müssen – und welche eher aufgeschoben werden können, um Intensivbetten samt dem dazugehörigen Personal frei zu halten.“ Triage im Sinne einer Konkurrenz um ein Bett konnte bis heute grundsätzlich durch Verlegungen – organisiert in einer Art Clustersystem mit anderen Kliniken im Land – vermieden werden, so Häberle.

Der Impfstatus darf bei der Behandlung keine Rolle spielen

Priorisierung
 Der Impfstatus eines schwer erkrankten Covid-Patienten darf aus Sicht von Intensivmedizinern bei der Entscheidung über die weitere Behandlung keine Rolle spielen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) betont diese Maxime in der aktualisierten Fassung ihrer Empfehlungen dazu, wie bei knappen Ressourcen während der Coronapandemie möglichst viele Menschen gerettet werden können.

Hilfspflicht
Die ärztliche Hilfspflicht gelte unabhängig davon, wie das Verhalten des Betroffenen vorher war, sagte Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin. „Wie ein Kollege das mal sehr treffend auf den Punkt gebracht hat: „Wir sind Retter, keine Richter.“

Kapazität
Der Internist und frühere Divi-Präsident Uwe Janssens appellierte eindringlich an die Politik, jetzt „schnellste Entscheidungen für ganz Deutschland“ zu treffen, damit die Teams in den Kliniken nicht in solche Entscheidungssituationen kämen. Die Infektionsketten müssten unterbrochen werden. Angesichts der Infektionszahlen sei in den nächsten Tagen täglich mit Hunderten neuer Intensivpatienten zu rechnen. In Kürze werde der Höchststand von 5723 Covid-19-Patienten vom Januar dieses Jahres auf den Intensivstationen erreicht sein und deutlich überschritten werden.