Kliniken in der Region Als Headhunter auf der Suche nach Pflegern

Von Gerlinde Wicke-Naber 

Eliana Brambilla (rechts) bei der Schichtübergabe mit der Stationsleiterin Andrea Meyer. Seit drei Jahren arbeitet die  junge Italienerin auf der Intensivstation der  Sindelfinger Klinik. . Foto: factum/Granville
Eliana Brambilla (rechts) bei der Schichtübergabe mit der Stationsleiterin Andrea Meyer. Seit drei Jahren arbeitet die junge Italienerin auf der Intensivstation der Sindelfinger Klinik. . Foto: factum/Granville

Ohne seine regelmäßigen Touren nach Italien und auf den Balkan könnte Roland Ott, der Personalchef des Klinikverbunds Südwest, seine Stellen nicht besetzen. Auch in anderen Kliniken in der Region setzt man verstärkt auf Ausländer.

Sindelfingen - Roland Ott ist ein rastloser Reisender. Italien, Serbien, Albanien und Kroatien hat er in den vergangenen Wochen besucht. Als nächstes steht Montenegro auf seiner Liste. Doch Ott, grau meliert, kantige Brille, reist nicht zum Vergnügen. Der Personalchef des Klinikverbunds Südwest, zu dem sechs Krankenhäuser – von Leonberg bis Nagold – in den Kreisen Böblingen und Calw gehören, ist als Headhunter unterwegs. Er sucht Krankenschwestern und Pfleger für seine Kliniken. Mindestens 30 Fachkräfte waren sein Ziel. Doch die Ausbeute war mager: „Bisher habe ich nur 23 Leute gefunden. Und nicht bei allen ist sicher, dass sie auch kommen“, klagt der Manager. Seine ganze Hoffnung liegt nun auf Montenegro, der letzten Station seiner Anwerbetour.

Der Personalchef rekrutiert die Pfleger vor Ort

„Ohne Ausländer läuft nichts in unseren Kliniken“, erklärt der Personalchef. Knapp fünf Prozent der momentan etwa 2000 Pfleger hat Ott persönlich im Ausland rekrutiert. Vor sechs Jahren war er das erste Mal in den Süden gereist, Italien und Portugal waren damals das Ziel gewesen. Mit 21 Fachkräften kehrte er zurück. Seither macht er jährlich mindestens einmal eine Tour durch Südeuropa.

Vor drei Jahren brachte der Personalchef aus Italien Eliana Brambilla mit, 23 Jahre jung, zierlich, blond. Nur wenig Deutsch sprach sie damals, war schüchtern, als wir sie das erste Mal trafen. Nun, drei Jahre später, tritt uns eine selbstbewusste junge Frau gegenüber. Sie ist fest in das Team der Sindelfinger Intensivstation integriert. „Mir gefällt die Arbeit gut, die Kollegen sind nett, und ich wohne sehr günstig im Wohnheim der Klinik nebenan“, berichtet sie in fließendem Deutsch.

Sie gehört zu den knapp 60 Prozent der angeworbenen Pflegekräfte, die auch nach drei Jahren noch da sind. Die Investition in ihre Sprachausbildung hat sich aus Sicht des Klinikverbunds gelohnt. Und die sind nicht klein. „Etwa 10 000 Euro“, sagt Ott über die Kosten. Denn finanziert werden muss nicht nur der Sprachkurs, sondern für Pfleger aus dem Nicht-EU-Ausland auch ein Anerkennungspraktikum oder die Vorbereitung auf die deutsche Kenntnisprüfung. Im Gegenzug müssen sich die Ausländer verpflichten, mindestens zwei Jahre beim Klinikverbund zu bleiben oder die Kosten für den Sprachkurs zu erstatten.

Das Stuttgarter Klinikum setzt auf Pfleger von den Philippinen

„Der deutsche Arbeitsmarkt ist leergefegt“, klagt nicht nur Ott. Ähnliches berichten auch seine Kollegen aus der Region. Die Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim haben zurzeit 40 Anerkennungspraktikanten aus Tunesien, Serbien und dem Kosovo. Das Stuttgarter Klinikum setzt auf Pfleger und Schwestern aus den Philippinen. „Dort gibt es mehr ausgebildete Fachkräfte als Arbeitsplätze. Wir bieten Absolventen eine Chance“, sagt Claudia Pfefferle, die Direktorin für Klinische Prozesse und Pflege. „Die Philippinen bringen alle einen Bachelorabschluss in Pflege mit und sehr gute Englischkenntnisse. Das erleichtert das Lernen der deutschen Sprache.“ Unterstützt wird das Klinikum bei seiner Rekrutierung durch ein Programm des Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und der Bundesagentur für Arbeit, die vor Ort Bewerber rekrutieren. Die Vorstellungsgespräche führt Pfefferle per Skype.

Auch im Klinikverbund Südwest habe man über den Einsatz philippinischer Kräfte diskutiert, sagt Roland Ott. „Doch dann fanden wir, dass uns Menschen aus Europa kulturell näher sind. Deren Integration erscheint uns einfacher.“ Dabei setzt Ott mittlerweile nicht nur auf Italiener, sondern vor allem auf Fachkräfte vom Balkan. „Die Italiener kommen, weil sie in ihrer Heimat keine Jobs in der Pflege finden. Aber eigentlich wollen sie nicht hier leben.“ Serben, Bosnier und Albaner jedoch wollten ganz bewusst nach Deutschland, um sich hier eine Zukunft aufzubauen. „Das ist ein starkes Motiv, auch dauerhaft zu bleiben“, sagt Ott.

In wenigen Wochen erwartet er die Ankunft von zehn Italienern, vier Albanern und sechs Serben. Erstmals kommen die neuen Mitarbeiter bereits mit ausreichenden Sprachkenntnissen. „Bisher haben wir den Leuten einen Sprachkurs beim IB in Deutschland finanziert. Dieses mal arbeiten wir mit der Dekra zusammen. Die unterrichtet vor Ort. Die Leute kommen dann mit dem Level B zu uns.“

Nicht EU-Ausländer müssen ein Praktikum oder eine Prüfung machen

Die Italiener können nach wenigen Wochen, sobald ihre Ausbildung vom Regierungspräsidium anerkannt ist, in den Klinikbetrieb einsteigen. Die Albaner und Serben müssen hingegen noch eine Kenntnisprüfung ablegen. „Wir bereiten die Leute in einem eigenen Kurs an unserer Krankenpflegeschule darauf vor“, sagt Ott.

Damit sich die neuen Mitarbeiter wohlfühlen, will Roland Ott jetzt einen Integrationsberater einstellen. „Er wird sich um alle Fragen der Leute kümmern, bei der Wohnungssuche helfen, der Eröffnung eines Bankkontos, aber auch zu Treffen einladen“, erläutert Roland Ott. Auch das Stuttgarter Klinikum hat eine eigene Integrationsberaterin für die philippinischen Kräfte eingestellt. In der Ludwigsburger Klinik unterstützt man die Neuen bei der Wohnungssuche. „Ein schwieriges Thema in der Region“, sagt der Pressesprecher Alexander Tsongas. Das Konzept der engen Betreuung scheint zu funktionieren. „Die Fluktuation der Ausländer ist nicht höher als bei unseren einheimischen Kräften“, sagt Roland Ott.

Für Eliana Brambilla aus Sindelfingen ist ein Stellenwechsel im Augenblick kein Thema. Zwar lebt ihr Freund in Italien, aber klar sei: „Wenn er mit seinem Studium fertig ist, sucht er sich Arbeit hier in der Region.“ Zurück nach Italien will die Krankenschwester so schnell nicht. „Hier habe ich ja mittlerweile Freunde gefunden.“ Als nächstes strebt sie ein nebenberufliches Masterstudium an. Auch dabei wolle sie der Klinikverbund Südwest unterstützen, hat ihr Roland Ott signalisiert. „Um gute Mitarbeiter zu halten – einheimische wie zugewanderte – tun wir sehr viel“, sagt Ott.

Personalgewinnung
Die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland sei nur ein Baustein einer umfangreichen Kampagne zur Mitarbeitergewinnung, sagt Claudia Pfefferle vom Klinikum Stuttgart. So habe man die Zahl der Ausbildungsplätze erhöht und ein Programm für familienorientiertes Arbeiten entwickelt.

Wie Kliniken um Mitarbeiter aus der Region buhlen

Waiblingen
In den Rems-Murr-Kliniken hat man mit Hilfe einer professionellen Agentur eine multimediale Marketing-Kampagne gestartet, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Diese zielt vor allem auf Pfleger aus der Region Stuttgart. Pflegefachkräfte aus dem Ausland habe man in der Vergangenheit angeworben, zurzeit aber nicht, sagt die Pressesprecherin Monique Michaelis.

Böblingen
Vor allem auf den eigenen Nachwuchs setzt man beim Klinikverbund Südwest. Schwestern und Pfleger erhalten nach Abschluss ihrer Ausbildung ein Übernahmeangebot. Die meisten würden auch bleiben, sagt der Personalchef Ott. Doch allein mit diesen Absolventen könne man die Fluktuation nicht ausgleichen. Um bewährte Mitarbeiter zu halten, bietet der Klinikverbund Südwest seinen Angestellten Unterstützung an: etwa bei der Fortbildung zum Stationsleiter oder bei einer Fachqualifizierung.

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