Der Dialog mit dem Clown Hupe weckt die Lebensgeister. Foto: Achim Zweygarth

Die beiden Klinikclowns Hupe und Auguste haben sich auf die Arbeit mit Senioren spezialisiert.

Wangen - Der alte Mann sitzt im Rollstuhl. Er wirkt mürrisch, eine Spur verbittert und klagt über Schmerzen. Der Clown hockt sich vor ihn. Er spricht mit dem Mann, hört ihm aufmerksam zu und pustet dann vorsichtig ein paar Seifenblasen um ihn herum. Der Mann lächelt.

Situationen wie diese sind es, die Hubert Dudel vor über zehn Jahren dazu gebracht haben, seine bisherige Arbeit in der ambulanten Altenpflege aufzugeben, sich ein Clownkostüm überzuziehen und sich Hupe zu nennen. „Außer einer ethischen Umgangsweise mit den Menschen hat der Clown keine Regeln“, sagt der 60-Jährige. Und genau das sei der große Vorteil. Im Gegensatz zu den Pflegern oder Ärzten müsse der Clown keine Therapieziele erreichen, er könne sich einfach voll und ganz auf die Menschen einlassen.

Ein wenig Farbe ins triste Altwerden bringen

Hubert Dudel ist ein Klinikclown, er hat sich insbesondere auf die Arbeit mit Senioren spezialisiert. Der 60-Jährige ist in verschiedenen Pflegeheimen unterwegs, alle zwei Wochen kommt er in das Generationenzentrum Kornhasen in Wangen. Nicht um ein Programm aufzuführen, sondern um die Bewohner zu besuchen, ihnen zuzuhören und um ein klein wenig Farbe in das manchmal so triste Altwerden zu bringen. Heute besucht er die Bewohner auf der ersten Etage, von denen die meisten an Demenz erkrankt sind. Begleitet wird Hubert Dudel dabei von Caroline Hatje alias Auguste. Die 55-Jährige entschied sich 2002, ein Clown zu werden. Ihre drei Kinder waren erwachsen, und sie suchte nach einer neuen Herausforderung.

Die Arbeit der beiden Klinikclowns wird über Spenden finanziert. Als Förderverein unterstützt der evangelische Kranken­pflegeverein Wangen das Angebot im Generationenzentrum Kornhasen. Christine Schneider, die Leiterin des Willy-Körner-Hauses – des Pflegeheims im Generationenzentrum Kornhasen – ist von der Arbeit der Clowns begeistert. „Demenzkranke Menschen kommunizieren vor allem auf der emotionalen Ebene“, sagt sie. Man selbst sei aber oft viel zu verkopft, um sich darauf einzulassen. Die Clowns hätten dieses Problem nicht. Schneider: „Wenn ein Bewohner traurig ist, weint der Clown einfach mit.“ Der alte Mensch könne sich so ausdrücken.

Gemeinsam Lieder singen

Wer Hupe und Auguste  bei der Arbeit im Pflegeheim beobachtet, erkennt schnell, was die Einrichtungsleiterin meint. An einem der Tische sitzt eine alte Frau. Sie trägt einen rosa Pullover, die weißen Haare sind glatt gekämmt. Bis vor wenigen Minuten wirkte sie völlig teilnahmslos, in sich selbst zurückgezogen, ihr Blick ging ins Leere. Und jetzt? Jetzt hockt Hupe neben ihr. Sie lacht, prostet ihm fröhlich mit ihrem halbvollen Wasserglas zu und stimmt sogar in Willi Ostermanns Karnevalshit „Einmal am Rhein“ mit ein. Während der Clown bereits nach wenigen Passagen passen muss, singt die 100 Jahre alte Frau das Lied alleine weiter.

Vor jedem Besuch informieren sich Caroline Hatje und Hubert Dudel bei den Pflegern über den Gesundheitszustand der Bewohner. Sie wollen wissen, ob jemand im Krankenhaus ist, ob es einen Todesfall gab oder ob es einen Bewohner gibt, den sie heute unbedingt besuchen sollten. Sie nehmen die Stimmung im Wohnbereich auf. Nur so können sie später auf die Bedürfnisse der alten Menschen eingehen.

Schüchternheit wegzaubern

Alte Menschen wie die hundertjährige Frau oder den schüchternen Mann aus der zweiten Etage: auch ihn hat Auguste mit ihrem Akkordeon und Hupe mit seiner Mundharmonika herunter in den Flur im ersten Stock des Willy-Körner- Hauses gelockt. Jetzt sitzt er zwischen den anderen Bewohnern, schaut ziemlich verängstigt drein, würde vermutlich am liebsten sofort den Rückzug antreten. Doch bevor er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen kann, sind die beiden Clowns auch schon bei ihm. „Grüß Gott, ich bin der Hupe“, stellt sich der erste von ihnen höflich vor. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes, aber er bleibt stumm. „Und ich bin die Auguste“, sagt der zweite Clown.

Die Frau mit dem warmen Lächeln und den vielen bunten Gummis im Haar scheint ihm besser zu gefallen als der Kerl mit den großen Schuhen und der karierten Latzhose, jedenfalls antwortet er ihr: „Ich bin der Eugen.“ Auguste ist begeistert: „Ui, ich habe noch nie jemanden getroffen, der Eugen heißt.“ Sie zückt einen türkisfarbenen Luftballon, pustet ihn auf und wirft ihn Eugen zu. Innerhalb kürzester Zeit ist ein richtiges Ballspiel zwischen den Bewohnern entstanden, und der schüchterne Eugen steckt mittendrin.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Bewohner der Clownsfrau den Vorzug gibt. Andere wiederum kommen besser mit Hupe klar. Das sei einer der Gründe, warum sie immer zu zweit auftreten, erläutert Hubert Dudel. „Aber die Damen lieben dich“, frotzelt seine Kollegin Caroline Hatje. Eine Hundertjährige habe sogar mal zu Hupe gesagt, wenn sie noch einmal heiraten würde, dann so einen Lumpenkerl wie ihn.

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