Auf dem Rathausdach wird seit wenigen Jahren Strom erzeugt. Viele Dachflächen in Stuttgart könnten noch mit Fotovoltaik ausgestattet werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Landeshauptstadt verbraucht für ihre eigenen Liegenschaften seit 1990 immer weniger Heizenergie und Wasser, aber immer mehr Strom. Der Anstieg um 30 Prozent bereitet dem Umweltamt Kopfzerbrechen.

Stuttgart - Viele Kurven im jüngsten Energiebericht der Landeshauptstadt weisen nach unten und damit in die richtige Richtung. Die Stadt verbraucht für ihre Liegenschaften weniger Heizenergie und Wasser, aber sie braucht immer mehr Strom. Seit 2012 bezieht sie den in Ökoqualität, der Anstieg aber „triebt uns um, wir hadern mit der Entwicklung“, sagt Jürgen Görres, Leiter Energiewirtschaft im Umweltamt.

Der Bericht, den Görres dem Gemeinderatsausschuss für Klima und Umwelt lieferte, betrachtet das Jahr 2017. Personalmangel und der Wechsel des Energieversorgers hätten zur Verspätung der Zahlen geführt, so Görres. Vor vier bis fünf Jahren, so der Fachmann, „dachten wird noch, wir bekommen das mit dem Stromverbrauch mit LED-Lampen hin“. Die Hoffnung ist inzwischen zerstoben. Inzwischen lägen auch aus Schulen Anträge auf Lüftungsanlagen vor, von Krankenhäusern sowieso. Sortiert man die Verbraucher in Gruppen, zeigt sich nur bei den städtischen Altenheimen ein Trend zur Einsparung. Krankenhäuser, Schulen und die Verwaltung selbst werden immer stromhungriger. Der Verbrauch stieg von rund 150 000 im Jahr 1990 auf rund 195 000 Megawattstunden in 2017, ein Plus von 30 Prozent. Der Trend hält an, gemessen am Vorjahr nahm der Stromverbrauch 2017 um rund ein Prozent zu.

Die Kohlendioxid-Einsparung stagnierte 2017

Anstatt auf teure und stromfressende künstliche Kühlung zu setzen, appelliert Görres, bewährte Rezepte anzuwenden: „Wichtig ist natürliche Lüftung!“ – Also Fenster auf, statt Klimaanlage an. Es tue ihm „richtig weh, wenn ich im Sommer in einen Serverraum komme mit zehn Grad. Dabei halten die Geräte auch 30 aus.“ – Hört sich so an, als sei das Thema Klimawandel in der Verwaltung nicht überall angekommen.

Gegenüber 1990, dem Basisjahr für die auch nationalen Berechnungen, betrage die Einsparung beim klimaschädlichen Kohlendioxid bei den eigenen Liegenschaften 65 Prozent. „Wir liegen damit um 25 Prozent über der von der Bundesregierung gesetzten Zielmarke“, so Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Ziel ist, bis 2050 klimaneutral zu sein. 2017 bliebt die Kohlendioxidemission gegenüber 2016 mit 75 000 Tonnen nahezu konstant.

Wo wirken Investitionen besonders stark?

Mit der Zunahme der E-Mobilität werde der Bedarf sich weiter erhöhen, „wir müssen also beim Aufbau erneuerbarer Energien zulegen und alle städtischen Gebäude möglichst schnell mit Fotovoltaik ausrüsten“, sagt Grünen-Stadtrat Benjamin Boy. Den steigenden Verbrauch könne man durch Ökostrom-Einkauf „nicht beschönigen“, so Hannes Rockenbauch, Chef des Linksbündnisses im Rat. Man müsse „deutlich mehr selbst erzeugen“. Matthias Oechsner, FDP, mahnte, private Verbraucher stärker einzubinden, schließlich stehe die Stadt selbst nur für vier Prozent des Gesamtverbrauchs.

Bei der als Pilotprojekt energetisch maximal sanierten Uhlandschule (Plusenergiestandard) interessierte SPD-Fraktionschef Martin Körner das Verhältnis zwischen Investitions- und Einsparsumme. Wo könne man pro Euro am meisten Nutzen erwarten? Das wird bei Folgeprojekten zu klären sein.

Stadt hat bei Fotovoltaik lange gezögert

Pätzold relativierte die Zahlen. Man habe seit 2017 „Entscheidendes und mehr gemacht“. 2018 habe die Stadt zum Beispiel elf, 2019 schon 30 neue Solaranlagen aufgebaut, in diesem Jahr seien 60 geplant. Der Wechsel vom Trab in den Galopp hatte aber gedauert: Eine Masterarbeit brachte 2018 ans Licht, dass die Stadt mit der damaligen Ausbauperspektive rund 400 Jahre bis zur Klimaneutralität brauchen würde. Die Stadt hat mehr als 1300 eigene Dachflächen, 380 seien für Solaranlagen geeignet, hieß es.

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