China ist einer der größten CO2-Emittenten weltweit. Im Bild das Kohlekraftwerk Huaneng in Huaian (Provinz Jiangsu). Foto: imago//CFOTO

Bis Mitte Dezember trifft sich die Welt, um über den Klimawandel zu sprechen. Auf den ersten Blick spricht wenig für einen Durchbruch. Auf den zweiten Blick gibt es durchaus Hoffnung, wie ein Stuttgarter Wissenschaftler sagt.

Bundeskanzler Olaf Scholz und König Charles III.: Auch sie reisen zur Weltklimakonferenz nach Dubai, die an diesem Donnerstag beginnt. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

 

Kommt der Klimaschutz voran?

Mittlerweile haben rund 100 Staaten entschieden, eine völlige Klimaneutralität anzustreben. Die EU will 2050 klimaneutral sein, China 2060, Indien 2070. Da die 100 Länder für 81 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich sind, ist dies ein Fortschritt. Wären keine Ziele formuliert und Maßnahmen beschlossen worden, würde sich die Erde bis zum Jahr 2100 vermutlich um fünf Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen; laut dem aktuellen Bericht des Umweltprogramms der UN (Unep) werden es nach derzeitigen Berechnungen 2,5 bis 2,9 Grad sein.

Reichen die derzeitigen Klimaziele?

Nein, denn das Hauptziel seit der Klimakonferenz 2015 in Paris, die Erwärmung auf 1,5 oder maximal zwei Grad zu begrenzen, bleibt. Global hat sich der CO2-Ausstoß sogar von 37,9 Gigatonnen im Jahr 1990 auf 57,4 Gigatonnen im Jahr 2022 erhöht. In der EU sinken die Emissionen zwar und in den USA auch, der Climate Active Tracker, eine wissenschaftliche Auswertung der Klimapolitik diverser Länder, bescheinigt aber keinem einzigen Land, dass die geplanten Maßnahmen reichen. 41 von 42 globalen Indikatoren – wie die Zahl von E-Autos, Fleischproduktion oder Emissionen von Zementwerken – bewegen sich nicht auf dem Pfad, der notwendig wäre. Das 1,5-Grad-Ziel ist akut in Gefahr.

Wer sind die größten Emittenten?

China trägt mit 30 Prozent den größten Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen bei, die USA elf Prozent, die gesamte EU sieben Prozent. Es ist entscheidend, was sich in China tut – und dort gibt es eine ambivalente Situation. Laut einem Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung verfehlt das Land zwar dramatisch die Ziele, die Kohleproduktion einzudämmen und den Energieverbrauch zu drosseln. Aber der Einsatz erneuerbarer Energien befinde sich mittlerweile auf dem 1,5-Grad-Pfad. In den USA gehen die Emissionen seit Längerem zurück, allerdings nicht im nötigen Maße. Noch immer liegen die Amerikaner mit 18 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß pro Jahr und Einwohner weltweit an der Spitze – in Deutschland sind es 9,5 Tonnen. Doch der US-Kongress hat nun 800 Milliarden Euro für den Klimaschutz bereitgestellt.

Was kann Deutschland ausrichten?

Zwar gehen nicht einmal zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen auf das Konto von Deutschland. Dennoch ist es wichtig, dass Deutschland beim Klimaschutz Verantwortung übernimmt. Erstens ist der Pro-Kopf-Ausstoß rund doppelt so hoch wie im globalen Mittel. Deshalb geht es insofern um Klimagerechtigkeit. Zweitens ist Deutschland als Industrieland verantwortlich für einen hohen Anteil an allen CO2-Mengen seit Beginn der Industrialisierung. Drittens geht es um Glaubwürdigkeit: Wie soll Deutschland etwa Brasilien dazu bringen, die Abholzung des Regenwaldes zu stoppen, wenn wir beim Klimaschutz selbst nichts tun? Viertens geht es um Wohlstand: Wer jetzt neue Technologien entwickelt in der Windkraft oder in der E-Mobilität, legt den Grundstein für künftige wirtschaftliche Erfolge. Insgesamt ist auch Deutschland noch nicht auf dem 1,5-Grad-Pfad.

Was bringt die jährliche Konferenz?

An der Klimakonferenz in Dubai nehmen Vertreter fast aller Staaten teil, bis zu 80 000 Teilnehmer werden erwartet. „Da trifft sich die Welt, das darf man nicht unterschätzen“, sagt Jörn Birkmann. Der Professor an der Uni Stuttgart ist selbst nicht vor Ort, hat aber am Bericht des Weltklimarats mitgeschrieben. Die Tatsache, dass sich die Staaten auf die COP – die Weltklimakonferenz – vorbereiten müssten, sei viel wert, sagt er: „Das rüttelt noch mal auf.“

Manche Beschlüsse von Klimakonferenzen waren die Basis für verbindlichen Klimaschutz, etwa das Kyoto-Protokoll 1997 oder die Beschleunigung des Kohleausstiegs auf der COP26 (Conference of Parties lautet der offizielle Name der Veranstaltungen) in Glasgow. Das gilt nicht für alle Gipfel. „Ich denke, dass wir den ganzen Prozess der Klimakonferenzen reformieren müssten, um gehaltvollere Ergebnisse in den Verhandlungen zu bekommen“, sagte Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, nach der letzen COP27 in Ägypten. Als überholt gilt etwa das Einstimmigkeitsprinzip. Ein Lösungsansatz könnte der neue „Internationale Klimaclub“ sein. Neben den G7-Staaten und der EU-Kommission nehmen daran ein Dutzend weiterer Länder teil. Sie wollen sich zur uneingeschränkten Umsetzung des Übereinkommens von Paris bekennen.

Welches Ziel hat die COP28 in Dubai?

Ziel der Konferenz ist, erstmals eine globale Bestandsaufnahme des Pariser Klimaabkommens zu machen. Eine „High Ambition Coalition“ will sich für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen einsetzen; Deutschland gehört diesem Kreis nicht an. Andere Staaten dürften versuchen, die Kernkraft oder die Speicherung von Kohlendioxid zu forcieren. Zudem dürfte es darum gehen, Finanzhilfen für ärmere Staaten auf den Weg zu bringen. Experte Birkmann ist „verhalten optimistisch“, dass es zum Durchbruch kommt und konkrete Finanzierungsregeln definiert werden. Die Rede sei von einem Fonds mit jährlich 100 Milliarden US-Dollar (91 Milliarden Euro), „das ist eine Hausnummer“. Aber es gebe Fragen – etwa wer wie viel einzahlt und wer das Geld bekomme.

Liegt der Fokus auf Anpassung?

„Allein der Klimaschutz wird uns nicht mehr helfen“, sagt der Stuttgarter Forscher Jörn Birkmann. Dasselbe gelte für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels. „Der Glaube, man könne sich an x-beliebige Klimafolgen anpassen, ist falsch.“ Beides sei gleichrangig. Die erwartbaren Schäden bis 2030 würden mit 500 bis 600 Milliarden US-Dollar beziffert. „Beim Anpassungsfonds geht es nicht um Vollkasko, sondern darum, das Schlimmste zu verhindern.“ Birkmann gehört zu den Wissenschaftlern, die den Wiederaufbau im Ahrtal begleiten. Wichtig sei, dass man mit dem Geld nicht einfach Verlorenes an Ort und Stelle aufbaue, sondern gleichzeitig die Verwundbarkeit reduziere.