Der Klimawandel macht die Arktis zu einer geostrategischen Schlüsselregion. Riesige Rohstofflager unter dem schmelzenden Eis locken auch weit entfernte Länder wie China an. Militärische Konflikte in der Region könnten zunehmen.
Berlin - Unter dem Eis des Nordpols rammt die Besatzung des russischen U-Boots Mir eine Flagge aus Titan in den Meeresboden. Mit dem symbolischen Akt in rund 4300 Meter Tiefe demonstriert Russland offensiv seinen Anspruch auf die Region. Das war im August 2007, Russland hat seine Aktivitäten im hohen Norden seitdem massiv verstärkt. Andere Staaten nehmen die Arktis ebenfalls immer schärfer in den Fokus – auch militärisch. Bis vor einigen Jahren galt die Region als frei von geopolitischen Spannungen, schreiben Agne Cepinskyte und Michael Paul in einer aktuellen Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Doch zunehmend entwickelt sich auch hier zwischen den USA, Russland und China ein strategischer Wettbewerb um Macht und Einfluss.“ Auslöser ist der Klimawandel.
Auch entfernte Staaten bringen sich in Stellung
Ausbreitung und Dicke des Eises in der Arktis haben sich in den letzten Jahrzehnten bereits jeweils halbiert. Forscher gehen davon aus, dass das Eis in der Arktis durch die Erderwärmung spätestens zur Mitte des Jahrhunderts so weit geschmolzen ist, dass neue Schifffahrtswege verlässlich befahrbar werden, wodurch sich die bisherigen Transportrouten zwischen Asien und Europa massiv verkürzen. So könnte der Schiffsweg zwischen Europa und Asien bis zu 10 000 Kilometer kürzer werden als die bestehende Route über den Sueskanal. Unter dem ehemals ewigen Eis werden zudem massive Rohstoffvorkommen vermutet. Allein rund 13 Prozent der weltweiten Ölreserven und etwa 30 Prozent der Erdgasvorkommen könnten in der Arktis schlummern. Ungelöste Gebietsstreitigkeiten bergen die Gefahr massiver Konflikte.
War die Arktis lange auch geostrategisch ein weißer Fleck auf der Landkarte, hat sich dies längst geändert. Nicht nur Russland verstärkt seine militärische Präsenz in der Region, auch die Nato hielt 2018 mit dem 50 000 Soldaten umfassenden Manöver „Trident Juncture“ seine größte Militärübung seit Ende des Kalten Kriegs in Norwegen ab. Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass nicht allein die Arktisanrainer wie Russland, Kanada, die USA oder Norwegen Strategien entwerfen, wie sie sich die Folgen der Erderwärmung in der Arktis zunutze machen können. Auch von der Region weit entfernt gelegene Staaten bringen sich in Stellung, allen voran China.
Pompeo: „Es gibt nur arktische und nicht arktische Staaten“
Die aufsteigende Supermacht bezeichnet sich seit 2018 offiziell als „arktisnaher“ Staat und investiert massiv in die Infrastruktur der Region, um eine „polare Seidenstraße“ zu errichten. Dabei setzt die Regierung in Peking auch auf eine Zusammenarbeit mit Russland. „Aus den Strategiepapieren Chinas ist herauszulesen, dass China seine vornehmlich wirtschaftlichen Interessen in der Arktis zivil und notfalls auch militärisch weiter unterstreichen könnte“, heißt es in einer Studie der Universität der Bundeswehr.
Den USA ist nicht nur das Vorpreschen Russlands ein Dorn im Auge, auch die Begehrlichkeiten Chinas lassen bei der Regierung in Washington die Alarmglocken schrillen. Bei einer Sitzung des Arktischen Rats im vergangenen Jahr warf US-Außenminister Mike Pompeo Russland provokatives und aggressives Verhalten in der Arktis vor. „Russland hinterlässt Spuren im Schnee in der Form von Militärstiefeln“, kritisierte Pompeo. Während er Russland als Arktisanrainer berechtigte Interessen in der Region aber nicht absprechen konnte, lautete die Botschaft des US-Außenministers an Chinas Adresse: „Es gibt nur arktische Staaten und nichtarktische Staaten. Eine dritte Kategorie existiert nicht.“
Trump wollte Grönland kaufen
Beobachter rätseln noch über die Arktisstrategie der USA. In Erinnerung ist vor allem das kuriose Angebot von US-Präsident Donald Trump geblieben, Dänemark die Arktisinsel Grönland abzukaufen. Doch Pompeo machte erst vergangene Woche während eines Besuchs in Dänemark noch einmal deutlich, dass die USA im Rennen um die Rohstoffe des hohen Nordens keinen der hinteren Plätze einnehmen wollen.
Zwar ist es bislang noch zu keinen militärischen Auseinandersetzung in der Polarregion gekommen, die Sorgen über das Spannungspotenzial in der Region nehmen jedoch zu. Als Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) im vergangenen August die kanadische Arktis besuchte, stellte er klar: „Wir wollen keinen Wettbewerb um die Arktis, sondern mehr internationale Zusammenarbeit, um diesen einzigartigen Raum zu schützen.“ In ihren kurz nach der Reise des Ministers beschlossenen Arktisleitlinien warnt die Bundesregierung ausdrücklich: „Mehrere Staaten sichern ihre Interessen in der Arktis zunehmend auch militärisch ab. Dies könnte zu einer Rüstungsspirale führen.“
Militärischer Verhaltenskodex für die Arktis?
Die Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik befürworten einen militärischen Verhaltenskodex für die Arktis. Dies erfordere Transparenz und die Begrenzung militärischer Potenziale und Aktivitäten, schreiben Agne Cepinskyte und Michael Paul. „Schließlich ist die Arktis keine Region fernab aller Konflikte mehr, sondern zunehmend ein Ort widerstreitender Interessen der Großmächte.“