Klimaschutz haben inzwischen viele Städte auf der Agenda, bei der Klimaanpassung hingegen hapert es. Im Stuttgarter Klima-Ausschuss werden dazu bemerkenswerte Aussagen getroffen.
Wie kann sich die Stadt Stuttgart auf glutheiße Sommer und andere Wetterextreme einstellen? Neben dem Klimaschutz ist die Klimaanpassung für Städte und Kommunen die zweite zentrale Herausforderung in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels. Stuttgart hat es hierbei besonders schwer aufgrund seiner topografischen Lage.
Das Projekt „Lokale Kompetenzentwicklung zur Klimawandelanpassung in kleinen und mittleren Kommunen und Landkreisen“ (Loklim) – federführend ist die Uni Freiburg – bietet online Steckbriefe für Städte und deren Zukunftstemperaturen an. Lag die mittlere Jahrestemperatur in Stuttgart von 1971 bis 2000 bei 9,3 Grad, werden für die nahe Zukunft bis 2050 im Schnitt 10,7 Grad prognostiziert. Die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad könnten demnach von sieben auf 14 steigen. Die Tropennächte mit mehr als 20 Grad könnten bis 2050 im Schnitt bei zwei liegen, ab 2071 bei 14.
So geht die Stadt Stuttgart vor bei der Anpassung
Wie die Stadt Stuttgart sich darauf vorbereiten will, hat sie im Jahr 2013 im Klimawandel-Anpassungskonzept Stuttgart, kurz KLIMAKS, zusammengeschrieben. Mit KLIMAKS 2.0 soll dieser Plan nun fortgeschrieben werden.
Eine ämterübergreifende Arbeitsgruppe befasst sich mit einem Hitzeaktionsplan, mit der allgemeinen Planung und mit einer blau-grünen Infrastruktur, auch als Schwammstadt bekannt. Im Herbst sollen zahlreiche Maßnahmen auf dem Tisch liegen, erklärte Rainer Kapp vom Amt für Umweltschutz nun im Ausschuss für Klima und Umwelt. Ziel sei es, dass sie am 27. Oktober beschlossen werden.
Tropische Nächte schaden der Gesundheit
Um Stuttgart auf eine heißere Zukunft vorzubereiten, sind mehrere Veränderungen nötig. Zum einen geht es um konkrete Hilfe und Vorsorge in den Sommern, wie sie die Landeshauptstadt bereits heute erlebt. Tage, an denen Trinkwasserbrunnen zur Oase werden können und Bäume Schatten spenden. Tropische Nächte, in denen der Schlaf unten im Talkessel nicht erholsam ist. Das Gesundheitsamt ist beim Thema Hitzeschutz federführend. Aber auch sonst gebe es eigentlich kein Amt, das nicht irgendwie involviert sei, sagte Kapp. Es braucht Sickerpflaster, Zisternen, Bäume, Grünflächen, Hitzeschutz für Jobs im Freien, Kühlung an Schulen – die Liste ist lang.
Im Ausschuss für Klima und Umwelt kam es auf den Zwischenbericht Kapps hin zu teils bemerkenswerten Wortmeldungen. Während die Grünen-Stadträtin Gabriele Munk forderte, dass die Maßnahmen zur Klimaanpassung beim Beschluss „keine Bremsung erfahren dürfen“, und Lucia Schanbacher (SPD) das Vorgehen als noch „sehr zurückhaltend“ monierte, fokussierten CDU und Freie Wähler sich auf einen Randaspekt: Warum Grünschnitt von städtischen Wiesen abtransportiert werde? Wo doch bekannt sei, dass sich Humus bilde, wenn das Gras liegen bleibe.
Ein Stadtrat spricht von „Dramatisierung“
Hinweise wie jener der SPD, Stuttgart könnte zur heißesten Stadt Deutschlands werden, konterte der Freie Wähler Konrad Zaiß als Dramatisierung: „Ich bin überrascht, wer alles weiß, was in 20 Jahren sein wird.“ Er frage sich, wie die Sizilianer das dann erst aushalten sollten. „Auch das Wetter wird sich wieder einspielen.“ Eine Einschätzung, mit der er nicht nur im Ausschuss in der Minderheit ist. 97 Prozent der Wissenschaftler weltweit sind sich einig, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt.
Das Thema Klimaanpassung haben bisher übrigens erstaunlich wenige Kommunen auf der Agenda. Laut einer Umfrage unter Kommunen hätten nur zehn Prozent ein Anpassungskonzept, sagte Ellinor von der Forst vom Kompetenzzentrum Klimawandel Ende März im Rahmen eines Webinars für Fachleute.