Foto:  

Dem Schwund der Gletscher in den Alpen kann man regelrecht zuschauen. Wie gefährlich die Entwicklung für Wanderer ist, hat jetzt der Bergsturz in Graubünden gezeigt.

München - Dass die Welt umso heiler werde, je weiter man sich aus ihren Niederungen nach oben bemühe, das ist alte Bergsteigerromantik. Sie gilt nicht mehr. In Graubünden sind am Donnerstagabend riesige Geröll- und Schlammmassen ins Tal gewälzt, der Berghang schien regelrecht zu zerbröseln. Mehrere Wanderer werden noch vermisst.

Einen solchen Bergrutsch hat es dort seit Jahrzehnten nicht gegeben. Eine Folge des Klimawandels? Generell verläuft er ja oben doppelt so drastisch wie unten: Laut österreichischen Forschungen ist die Jahresdurchschnittstemperatur in den Al­pen in den vergangenen 30 Jahren um 1,6 Grad gestiegen; im Flachland drum herum waren es nur 0,8 Grad. Das muss nicht immer so dramatisch enden wie jetzt in Graubünden. In Tirol etwa, in knapp 2900 Meter Höhe, ist das Hochwildehaus über dem Gurgler Tal wegen Einsturzgefahr geschlossen worden. Man kann die Hütte umgehen. Aber wer zu den Eisgipfeln will, die in dieser Zone des Alpenhauptkamms gut 3500 Meter hoch sind, der muss nun eineinhalb Stunden mehr für den Aufstieg einplanen.

Der gefrustete Bergsteiger sieht gar nicht, wo das Problem liegt. Den Gletschern in der Umgebung der Hochwildehütte, ja, denen konnte man beim Abschmelzen regelrecht zuschauen. In dem trostlosen Schottergraben, den die dahingeflossene Eiszunge des Gurgler Ferners allein in den vergangenen 30 Jahren hinterlassen hat, würde nach einem Schaubild des Deutschen Alpenvereins heute mühelos die Münchner Frauenkirche mit ihren 98 Meter hohen Türmen Platz finden.

Aber die Hütte steht doch auf festem Boden? Nicht mehr. Ihr läuft der Untergrund davon. Gebaut wurde das Hochwildehaus nämlich vor achtzig Jahren auf Gesteinsresten, die durch dauergefrorenes Wasser zu einer Art Beton zusammengebacken waren. Dieser Permafrost taut heute auf. Überall in den Alpen ab etwa 2500 Meter Höhe. Mit jedem Grad Temperaturanstieg wandert auch die Permafrostgrenze um 200 Meter nach oben, hält der österreichische „Sachstandsbericht Klimawandel“ fest. Die Gefahren, die daraus erwachsen, sind größer, als sie vom sichtbaren Verschwinden der Gletscher ausgehen. Weichender Permafrost bedroht auch Seilbahnstützen. Still und leise geraten ganze Hänge ins Rutschen wie jetzt bei St. Moritz. Felsstürze, so hält es der Bericht fest, nehmen heute nur in den Alpenregionen zu, in denen der Permafrost wegtaut. Für die Bergsteiger bedeutet das erhöhte Steinschlaggefahr, mehr loses Material zum Überqueren, Rutschgefahr auf dem Auftaulehm. Der Österreichische und der Deutschen Alpenverein (ÖAV und DAV) rechnen damit, dass ganze Wege sehr schwer zu erhalten oder nicht mehr benutzbar sein werden. Solche auch, die über Toteis führen, also über zum Teil jahrzehntealte Eisreste, die von Schutt bedeckt sind: Da sackt immer mehr weg.

Das Ende der Alpen-Klassiker

„Auch viele große, klassische Touren werden nicht mehr möglich oder in erhöhtem Maße lebensgefährlich sein“, sagt Tobias Hipp vom DAV – und er nennt ebenso den berühmten Bianco-Grat im Berninamassiv wie die bisher durch Eis, heute im oberen Teil durch immer mehr Schutt führende Pallavicini-Rinne hinauf zum Großglockner. Mit den Gletschern verschwindet auch deren stabilisierende Wirkung auf seitliche Begleithänge. Und manche Gletscherzungen machen das Bergsteigen relativ bequem: Sie ermöglichen das „ebenerdige“ Überqueren von Geländeeinschnitten. Wo sie fehlen, steigt man auf der einen Seite tief runter, auf der anderen durch viel Schutt lästig wieder rauf.

Der berühmte Pasterzengletscher etwa, über den einer der Normalwege auf den Großglockner führt, sackt Jahr für Jahr um etwa fünf Höhenmeter in sich zusammen. Ein Weg darauf, so Tobias Hipp, lässt sich schier nicht mehr ausschildern. Und bei einer aktuellen Eisdicke von etwa 200 Metern erwarten österreichische Experten, dass die wegen ihrer leichten automobilen Erreichbarkeit auch bei Halbschuhtouristen beliebte Pasterze in 40 Jahren zur Gänze verschwunden sein wird.Gerade das laufende Jahr „hilft unseren Gletschern überhaupt nicht“, sagt Peter Kapelari vom ÖAV. Der Schneenachschub im Winter war zu gering. „Bis oben hinauf“ liege damit das Eis ohne isolierende Schicht blank in der Sonne. Dazu immer wieder Föhn, und in einem steten Wechsel von heiß und kalt viele Gewitter mit sehr starken Niederschlägen, die zunehmend als Regen niedergehen. Die Sturzbäche nagen an den Gletschern. „Sogar auf dem 3106 Meter hohen Sonnblick fallen bereits jetzt 30 Prozent des Niederschlags als Regen“, hält der Sachstandsbericht fest. Dass demnach die Sonnenstunden und die sommerlichen Schönwetterperioden seit 1980 tendenziell zunehmen, mag Urlauber erfreuen. Die Gletscher weinen.

Reichen 4000 Schneekanonen?

87 der 90 ostalpinen Gletscher, die im vergangenen Jahr von ehrenamtlichen Mitarbeitern des ÖAV und der Universität Innsbruck vermessen wurden, sind weiter geschrumpft, wie schon seit 1980 ununterbrochen. Nur einer – das Landeckkees in der Nähe des Großglockners – hat um einen ganzen Meter zugelegt. Andere zerfallen: der Similaun-Ferner etwa, die Eisregion also, die vor 26 Jahren den „Ötzi“ ausgeschwitzt hat – oder wie der Schneeferner auf der Zugspitze, der für Touristen zwar noch immer als „Gletscher-Erlebnis“ vermarktet wird, aber praktisch nur noch aus kümmerlichen Eishaufen besteht. Den Versuch, Deutschlands nördlichsten Gletscher durch sommerliche Bedeckung mit Textilauflagen zu schützen, hat man 2013 desillusioniert wieder aufgegeben.

Für die Berghütten bringt das Abschmelzen der Gletscher und der Firnfelder ein weiteres Problem mit sich: das der Wasserversorgung. Das sei „ein großes Thema“, sagen sie beim DAV und ÖAV. Technisch ließe sich das Problem mit Pumpen lösen. Aber befriedigend ist das alles nicht, und der Aufwand wird immer größer – weil immer mehr Menschen hinaufstreben zu den „unberührten“ Höhen der Natur.