Uwe Schickedanz zeigt das Strahlungsmeßgerät. Foto: Claudia Barner

Auf der Filderebene regnet es im Jahr 718 Liter pro Quadratmeter. Das bleibt zwar konstant, aber der Regen kommt anders herunter. Das und mehr zum Klimawandel erklärt Uwe Schickedanz vom Deutschen Wetterdienst im Interview.

Filder/Stuttgart - Hitzerekorde, extreme Trockenheit, Gewitter, Überschwemmungen und Tornados – der Sommer 2017 liefert Wetterextreme, die für Schlagzeilen sorgen. Sind das die Folgen des Klimawandels oder handelt es sich um zufällige Kapriolen? Uwe Schickedanz, Leiter der Regionalen Wetterberatung des Deutschen Wetterdienstes Stuttgart, erklärt die Hintergründe.

Herr Schickedanz, das Wetter fährt Achterbahn. Gefühlt nimmt die Zahl der Extrem-Ereignisse seit einigen Jahren zu. Müssen wir uns langfristig auf veränderte Klimabedingungen einstellen?
Grundsätzlich ist es so, dass man in der Meteorologie nicht von Einzelereignissen auf eine Systematik schließen kann. Wir beobachten das Wetter in Klimareferenzperioden, die sich über 30 Jahre erstrecken. Die aktuellen Werte stammen aus dem Zeitraum von 1961 bis 1990. Im Jahr 2021 wird wieder Bilanz gezogen und verglichen. Tatsächlich ist es aber so, dass wir einen Trend erkennen können. Sagen wir es so: Die extremen Wetterereignisse passen ins Bild und deuten in der Summe darauf hin, dass wir es mit grundlegenden Klimaveränderungen zu tun haben.
Dann blicken wir zurück. Wie hat sich das Klima bis 1990 verändert?
In den vergangenen 100 Jahren ist es in Mitteleuropa im Durchschnitt ein Grad wärmer geworden. Das gilt auch für die Situation auf den Fildern, wo der Deutsche Wetterdienst bis zum Jahr 2012 eine Zentrale im Flughafentower hatte. Das klingt nach wenig, hat aber große Auswirkungen. Was wir im Moment erleben, sind nur die Vorboten, da das Klima von mehreren Faktoren bestimmt wird und es im Moment Konstellationen gibt, die der Erwärmung entgegenwirken.
Welche sind das?
Es gibt Einflüsse durch den Menschen, durch die Stellung der Erdachse zur Sonne und durch die thermische Aktivität der Sonne. Dazu muss man wissen: Der Sonnenfleckenzyklus befindet sich derzeit in einer ruhigen Phase. Seit den 2000er Jahren wurde deshalb sowohl global als auch in Deutschland keine markante Erwärmung mehr registriert. Das wird sich aber ab 2030 bis 2050 wieder ändern. Dann werden uns die Temperaturen davongaloppieren. Ich gehe davon aus, dass wir in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine signifikante Beschleunigung des Klimawandels erleben werden.
Wie wirkt sich die Erwärmung auf das Wetter in unseren Breiten aus?
Höhere Temperaturen bedeuten, dass mehr Energie in der Atmosphäre vorhanden ist und die Luft mehr Wasserdampf speichern kann. In der Folge gibt es kräftigere Gewitter. Auf der anderen Seite verschieben sich die wettersteuernden Druckgebilde Richtung Norden. Wir kommen im Sommer dadurch zunehmend in den Randbereich der Hochdruckgebiete, die das Wetter im Mittelmeerraum bestimmen. Dadurch haben wir stärkere Phasen der Abtrocknung. Das bedeutet: Es gibt weniger Regenereignisse, die aber in der Summe die gleiche Niederschlagsmenge liefern. Dürre und Starkregen wechseln sich ab.
Das klingt nach dem Wetter der vergangenen Wochen. Ist der Sommer 2017 typisch für die künftigen Jahre?
Er passt zumindest gut ins Bild. Auch wenn es sich nicht so anfühlt, haben wir statistisch gesehen bisher einen wechselhaften Sommer mit durchschnittlichem Wetter. Was neu ist, sind die Extreme. Vor allem in Süddeutschland erleben wir vermehrt Hochdruckphasen, in denen die Temperaturen nach oben knallen. Oder nehmen wir den Niederschlag. Er ist zum Beispiel auf den Fildern mit 718 Litern pro Quadratmeter im Jahr konstant. Aber er regnet anders ab. Das ist wie bei einer Ketchup-Flasche: Erst kommt lange nichts und dann ergießt sich der Inhalt mit einem großen Blubb.
Jetzt haben wir viel über den Sommer gesprochen. Welche Auswirkungen haben die Klimaveränderungen auf den Winter?
Auch hier hat die durchschnittliche Temperaturerhöhung um ein Grad gravierende Folgen. Im Winter stehen sich das kalte Russlandhoch und die atlantischen Tiefdruckgebiete als Gegenspieler gegenüber und bestimmen das Wetter in Mitteleuropa. Hinzu kommt eine verstärkte Erwärmung an den Polen. Wir beobachten, dass das russische Kältehoch zunehmend schwächelt. Das heißt, die atlantischen Tiefdruckgebiete werden prägender und bringen mildere Luft mit sich. Der Niederschlag hat etwas zugenommen, und wir haben mehr Regen als Schnee. In tiefen und mittleren Lagen gibt es deutlich weniger Tage mit geschlossener Schneedecke. In Lagen über 1500 Metern sind die Änderungen noch nicht spürbar.
Wie können sich die Bürger auf die vermehrten Wetterextreme einstellen?
Durch die Zunahme der Extremereignisse wird der Wert von präzisen Prognosen, wie sie der Deutsche Wetterdienst erstellt, weiter steigen. Wir merken schon jetzt, dass unsere Dienstleistungen stärker nachgefragt werden. Gerade auch im Katastrophenschutz können zielgenaue Unwetterwarnungen dabei helfen, Vorsorge zu treffen und die Folgen zu mindern. Doch so ehrlich muss man sein: Es gibt Wetterereignisse, die chaostheoretischen Einflüssen unterliegen und sich nicht bis ins letzte Detail vorausberechnen lassen. Wir wissen dann zwar, wann und wo das Nudelwasser kocht, können aber nicht bestimmen, welche Blase zuerst hochsteigt.

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