Markus Debus spricht über die Herausforderungen durch den Klimawandel. Im Krankenhaus unterstützen große Pflanzinseln ein angenehmes Klima. Foto: Claudia Barner

Auch an der Filderklinik in Filderstadt stellt man sich auf verstärkt auftretenden Wetterextreme ein. Der Arzt Markus Debus beschreibt im Interview, wo die Herausforderungen liegen.

Filder - Neue Krankheitsbilder, allergische Reaktionen und immer mehr Menschen, die unter der Hitze leiden – durch die klimatischen Veränderungen kommen zusätzliche Herausforderungen auf Ärzte und Krankenhäuser zu. Markus Debus, Leitender Arzt für Innere Medizin und Gastroenterologie an der Filderklinik in Bonlanden, zieht nach den heißen Tagen des Sommers 2017 Bilanz und erklärt, wie Mediziner und Patienten auf die veränderten Bedingungen reagieren.

Herr Debus, diesen Sommer ist es wieder drückend heiß gewesen. Das Thermometer zeigte vermehrt über 30 Grad. Wie ist das Klima in der Filderklinik?
Bei uns ist diesbezüglich alles im grünen Bereich. Die Filderklinik ist architektonisch so gebaut, dass es zu keiner Überwärmung kommt. Die Operationssäle und Behandlungszimmer sind mit Klimaanlagen ausgestattet, auch die Patientenzimmer werden temperiert. Es gibt Balkone und Sitzgelegenheiten im Freien sowie Trinksäulen in den Wartebereichen. Außerdem befinden sich große Pflanzeninseln im Haus, die einen kühlenden Effekt haben. Im Hinblick auf die Gebäudetechnik besteht also im Moment kein Handlungsbedarf. Die medizinische Versorgung passt sich den Anforderungen an.
In welchen Bereichen nehmen Sie Veränderungen wahr?
Zunächst möchte ich feststellen: Es gibt keinen Grund zur Panikmache. Aber natürlich ist es so, dass die Zunahme der extremen Wetterlagen Folgen für die Menschen hierzulande hat. Sehr heiße Sommer sind insbesondere für alte, herzkranke oder geschwächte Personen gefährlich. Wenn der Flüssigkeitshaushalt aus dem Gleichgewicht gerät, kann das schwerwiegende Folgen haben, teilweise bis hin zu steigenden Sterblichkeitsraten, wie etwa bei der Hitzewelle, die es im Jahr 2003 gab. Zur Vermeidung solcher Katastrophen hat der Deutsche Wetterdienst zum Beispiel ein Hitzewarnsystem eingerichtet, so dass die Menschen rechtzeitig reagieren können.
Worauf müssen wir uns einstellen?
Es gibt Hochrechnungen und Szenarien, die darauf hinweisen, dass Infektionskrankheiten bis in unsere Breiten vorrücken, die es bisher hier nur sehr selten oder gar nicht gab. Dazu gehört zum Beispiel das Hantavirus, das über Nagetierkot übertragen wird. Oder nehmen wir die asiatische Tigermücke, die ein Krankheitsüberträger ist. Sie kam zwar über den weltweiten Frachtverkehr zu uns, findet aber in unseren Breiten immer bessere Lebensbedingungen durch wärmeres Wetter vor. Das heißt, wir werden künftig vermehrt mit Infektionskrankheiten konfrontiert, die früher für uns quasi ein Fremdwort waren, wie zum Beispiel das Dengue-Fieber. Aber auch Allergien sind ein großes Thema.
Können Sie Beispiele nennen?
Mildere Winter und wärmere Sommer verändern die Vegetationsphase, das heißt, die Pollen sind über einen längeren Zeitraum hinweg unterwegs, Allergiker müssen sich darauf einstellen. Außerdem kommen neue Allergene hinzu, nehmen wir die ursprünglich aus Nordamerika stammende Ambrosia-Pflanze, die unsere heimischen Gewächse verdrängt. Ihre Pollen können schon in geringer Konzentration Allergien und Asthma auslösen. Auch die Eichenprozessionsspinnerraupe fällt in diese Kategorie. In warmen Wintern und trockenen und heißen Sommern können sich die Tiere rasch vermehren und lösen mit ihren Haaren bei Menschen starke allergische Reaktionen aus.
Wie reagiert die Medizin auf solche Entwicklung?
Man ist als Arzt schon anders wach als früher. Wenn Patienten mit entsprechenden Symptomen kommen, forscht man gezielter als bisher nach exotischen Ursachen. Wir analysieren die Entwicklung und stellen uns darauf ein. Auch in der Filderklinik, indem wir zum Beispiel im kommenden Oktober an einer Katastrophenübung zur Versorgung verletzter und erkrankter Menschen teilnehmen werden.
Was empfehlen Sie den Filderbewohnern für künftige Hitzesommer?
Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte sich am besten einen mediterranen Lebensstil angewöhnen, in der größten Hitze ruhen und die Arbeit auf die kühleren Tageszeiten verlegen. Ansonsten sollte man sich vor direkter Sonneneinstrahlung schützen. Auch eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme ist wichtig. Das können dann schon mal drei bis vier Flaschen Wasser über den Tag verteilt sein. In warmen Sommermonaten ist zudem die Gefahr erhöht, Durchfallkeime über die unsachgemäße Aufbewahrung von Nahrungsmitteln zu übertragen. Man sollte deshalb sorgfältig mit ihnen umgehen und sie kühlen. Was das Verhalten bei Allergien betrifft, empfehle ich einen rechtzeitigen Schutz zu den entsprechenden Zeiten.
Welche Herausforderung sehen Sie für die Zukunft?
Um hier auf Dauer nachhaltig wirksam zu sein, sollten die nachwachsenden Generationen am besten so aufwachsen, dass sich ihr Immunsystem stabil entwickeln kann. Wir wissen zum Beispiel, dass Babys und Kleinkinder, die in keimarmer Umgebung aufwachsen, deutlich anfälliger für Allergien sind als Kinder, die viel Kontakt zu den unterschiedlichsten Keimen und Allergenen haben und ihr Immunsystem trainieren können. Dazu gibt es zwischenzeitlich eindrucksvolle Untersuchungen, die das nachweisen. Grundsätzlich hat der menschliche Organismus aber eine sehr große Bandbreite, um mit Extremen fertig zu werden. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir uns mit der Zeit an die veränderten Klimabedingungen anpassen werden.
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