Immer mehr Menschen beteiligen sich an Bürgerenergieprojekten und wollen so aktiv zum Klimaschutz beitragen. Zwei Beispiele aus dem Südwesten.
Vor 13 Jahren gehörte Matthias Maier zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaft Bürger-Energie Region Mühlacker. „Ich wollte aktiv bei der Energiewende mitmachen“, erinnert er sich. Auf dem Dach seines denkmalgeschützten Hauses konnte er allerdings keine Photovoltaikanlage installieren. Dafür beteiligte er sich über die neu gegründete Genossenschaft an der PV-Anlage auf einem Gebäude der Stadtwerke Mühlacker, die zugleich Maiers Arbeitgeber sind.
Aus den anfangs gut 20 Genossen der Bürgerenergie Mühlacker eG sind mittlerweile mehr als 630 geworden, die mit Einlagen von derzeit 5,5 Millionen Euro an rund 20 Energieprojekten beteiligt sind. Eine der jüngsten Genossinnen ist die 26-jährige Patricia Schmidgall. „Ich wollte Geld anlegen und dabei Gutes tun“, sagt sie. Und der schnelle Ausbau der klimaneutralen Ökostromproduktion sei mit Blick auf künftige Generationen ein wichtiges Ziel.
Investitionen vor Ort
Deshalb hat sie drei Genossenschaftsanteile zu je 500 Euro gekauft. Der größte Vorteil gegenüber anderen grünen Geldanlagen – beispielsweise in Form entsprechend zertifizierter Fonds – sei, „dass man direkt vor Ort sehen kann, was mit dem Geld gemacht wird“, meint Schmidgall. Die Website der Genossenschaft listet 13 PV-Anlagen in Mühlacker und Umgebung auf.
„Auch wer keine eigene Immobilie hat, kann so zum Ökostromproduzenten werden“, sagt Jörg Schüle, Vorstandsmitglied der Genossenschaft und Geschäftsführer der ortsansässigen Friedrich Münch GmbH & Co. KG, eines Herstellers von Schutzkleidung. Auf einem Gebäude der Firma ist seit 2012 eine PV-Anlage der Genossenschaft in Betrieb, in der Zwischenzeit sind zwei weitere dazu gekommen.
Eigene Windräder haben die Genossen aus Mühlacker bis jetzt nicht. Gemeinsam mit den Stadtwerken laufen aber Planungen für einen Windpark im Stadtteil Großglattbach, der 2027 in Betrieb gehen könnte. Aktuell hält die Genossenschaft lediglich Anteile an sechs Windparks außerhalb der Region. Solche Beteiligungsmodelle gibt es häufiger – was auch damit zusammenhängt, dass der Kapitalbedarf für einen Windpark vergleichsweise hoch ist und die Möglichkeiten kleiner Genossenschaften schnell übersteigt.
Die Genossenschaft Bürgerenergie Hohenlohe verfügt bislang über gar keine eigenen Ökostrom-Anlagen und hält lediglich Anteile an zwei Windparks in Kirchberg/Jagst und Bretzfeld-Obersulm, wie Vorstandsmitglied Gerhard Borchers berichtet. Künftig soll aber auch in eigene Erzeugungskapazitäten investiert werden – insbesondere im Bereich Photovoltaik. Die beiden Windparks werden von einem nicht genossenschaftlich organisierten Unternehmen betrieben: der Bürgerwindpark Hohenlohe GmbH, an der wiederum Geldgeber aus der Region finanziell beteiligt sind.
Trend zu größeren Einheiten
In kleineren Genossenschaften, die für sich allein agieren, sieht der Borchers kein Zukunftsmodell. „Irgendwann lässt sich das nicht mehr mit Ehrenamtlichen stemmen“. Doch um bezahlte Mitarbeiter einstellen zu können, sei eine gewisse Größe nötig, wenn am Ende noch eine Dividende für die Mitglieder herausspringen soll.
Borchers schwebt eine einzige Genossenschaft für den ganzen Landkreis Schwäbisch Hall vor, an der sich Bürger, aber auch Kommunen ohne großen Aufwand beteiligen können. Der Weg dazu soll über Fusionen und Kooperationen führen. Der Vorstand sieht darin keine Abkehr von der Idee der Wertschöpfung vor Ort. Selbst wenn der Radius etwas größer sei, könnten Bürgerinnen und Bürger immer noch erkennen, in welche Projekte ihr Geld fließt.
Auch Elisabeth Strobel, die Vorsitzende des Verbands der Bürgerenergiegenossenschaften in Baden-Württemberg, sieht einen Trend „weg vom Kirchturmdenken“ hin zu größeren Einheiten. Zudem gewännen Partnerschaften mit Stadtwerken an Bedeutung. „Energieprojekte sind heute anspruchsvoller und oft auch kapitalintensiver als noch vor zehn Jahren“, sagt Strobel. Hinzu kämen steigende bürokratische und regulatorische Anforderungen, wie auch der Hohenloher Genossenschafter Borchers beklagt.
Bislang liegt der Schwerpunkt der Energiegenossenschaften im Südwesten vor allem auf Fotovoltaikanlagen im näheren Umfeld. Mittlerweile gehe es aber auch um Projekte in anderen Bereichen wie Nahwärme oder Energieeffizienz, sagt Strobel. Auch die Windkraft gewinne an Bedeutung. Allerdings gibt es nach wie vor Widerstände gegen neue Windräder. Weit verbreitet sind Befürchtungen, dass sich der Schattenwurf der Rotorblätter oder die Geräusche negativ auf die Lebensqualität vor Ort oder den Wert von Immobilien auswirken könnten.
Wertschöpfung in der Region
Die Praxis zeigt aber auch, dass die Zustimmung steigt, wenn die Menschen vor Ort schon bei der Planung mit ins Boot geholt werden und selbst finanziell vom Betrieb profitierten. „Die Wertschöpfung in der Region ist wichtig für die Akzeptanz“, sagt Elisabeth Strobel. Die Verbandschefin hält Genossenschaften in vielerlei Hinsicht für die ideale Form der Bürgerbeteiligung an Energieprojekten. Ein großer Pluspunkt sei, dass jedes Mitglied nur eine Stimme hat – unabhängig von der Höhe der Beteiligung.
Das sehen offenbar viele Bürger so. Nach Angaben des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands hat sich die Mitgliederzahl der Energiegenossenschaften im Land von gut 46000 Anfang 2022 auf aktuell 52000 erhöht – Tendenz weiter steigend. Das ist einem Sprecher zufolge auch darauf zurückzuführen, dass bestehende Genossenschaften zusätzliche Mitglieder gewinnen konnten.
Energiewende in Bürgerhand
Beteiligung
Wer sich an einer Genossenschaft beteiligt, geht damit ein unternehmerisches Risiko ein. Wenn es gut läuft, gibt es eine jährliche Dividende, die teilweise zwischen drei und vier Prozent des investierten Kapitals liegen kann. Doch Verzögerungen bei der Inbetriebnahme der Anlagen, eine Energieausbeute unter den Erwartungen oder hohe Reparaturkosten können das Ergebnis verhageln. In Baden-Württemberg gibt es nach Angaben des Genossenschaftsverbandes aktuell 162 Energiegenossenschaften. Zu den bislang vier Neugründungen im laufenden Jahr sollen bis Ende des Jahres weitere hinzukommen.
Sicherheit
Aufgrund gesetzlicher Auflagen und der Kontrolle durch genossenschaftliche Organisationen ist das Risiko bei Genossenschaften geringer als bei anderen Beteiligungsformen wie Nachrangdarlehen oder Genussscheinen. Unabhängig von der Gesellschaftsform empfiehlt sich ein Blick aufs Kleingedruckte. Ist dort zum Beispiel eine Nachschusspflicht vorgesehen, solle man besser die Finger davon lassen, raten Verbraucherschützer. Denn dann kann man nicht nur das investierte Geld verlieren, sondern muss auch darüber hinaus für Verluste haften.