Billigfluggesellschaften schnitten in der CO2-Bilanz besser ab als manche Traditionsfluggesellschaften, meint der Klimaforscher Hartmut Graßl. Foto: 7aktuell/Max Kurrer

Wer vernünftig reist und unvermeidbare Flüge finanziell kompensiert, muss nicht unbedingt Flugscham haben, sagt Hartmut Graßl. Der Pionier der Klimaforschung, der den Stuttgarter Flughafen berät, hält unter einer Einschränkung „Billigfluglinien für ökologisch am Besten.“

Stuttgart/Hamburg - Die Bundesregierung muss nach Ansicht des renommierten deutschen Klimaforschers Hartmut Graßl (79) konsequent auf die Erfüllung der in Paris vereinbarten Klimaziele setzen und die Taktik des „Verschiebens“ von Klimaschutzmaßnahmen aufgeben. Im Gespräch mit unserer Zeitung warf Graßl insbesondere Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor, er habe als Schutzschild der Wirtschaft und auch der Braunkohlebranche bisher einen langsamen Übergang zu den notwendigen Maßnahmen organisieren wollen. Erst unter dem Druck der Bewegung um Fridays for Future räume die Bundesregierung nun Bremsklötze weg. Graßl ist jedoch optimistisch, dass die Deutschen „schneller aus der Braunkohle aussteigen, als unsere Regierung meint“, dass also die formulierte Frist bis zum Jahr 2038 nicht ausgeschöpft wird.

Graßl sagte auch, das Pariser Abkommen sei eine Art Rettungsanker, damit die Bevölkerung den gewohnten Lebensstil trotz ernsten Folgen des Klimawandels noch weitgehend erhalten könne. Wenn die Staaten nicht das 2015 in Paris formulierte Ziel einhielten, den Anstieg der Erdtemperatur auf etwas 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, werde die Wirtschaft in größte Schwierigkeiten kommen und die Folgen des Klimawandels müssten teuer bezahlt werden. „Das Pariser Abkommen ist in seiner Brutalität bei den Bürgern noch gar nicht angekommen“, sagte Graßl.

Das Ansteigen des Meeresspiegels macht ihm die meisten Sorgen

Manche Auswirkungen des Klimawandels werde man bei konsequenten Gegenmaßnahmen abfedern können, meinte der Klimaforscher. Besorgt sei er aber wegen des Anstiegs des Meeresspiegels. Dieser werde am Ende des Jahrhunderts voraussichtlich rund einen Meter höher sein als heute und den ersten Ländern der Erde massive Probleme verursachen.

Überzeichnet wird nach Auffassung des Klimaforschers in der Klimadebatte die Rolle des weltweiten Luftverkehrs. Hier handle es sich um einen kleinen Emittenten von Kohlendioxid, das für den Treibhauseffekt verantwortlich ist. Allerdings nähmen diese Emissionen bei guter Wirtschaftskonjunktur zu. Billigfluggesellschaften schnitten in der CO2-Bilanz besser ab als manche Traditionsfluggesellschaften , sagte der emeritierte Professor für Meteorologie der Universität Hamburg, der dem Beirat der Stuttgarter Flughafengesellschaft für Nachhaltigkeit angehört und vor gut 30 Jahren einer der Wegbereiter der deutschen und internationalen Klimaforschung war. „Die Billigfluglinien sind, wenn man vom Zusatzverkehr absieht, ökologisch die besten“, sagt Graßl. Sie benützten Leasingmaschinen und damit fast immer neue Modelle. Die Jets seien immer voll, oder fast voll, und die Sitzreihen enger. Manche Flügen könnten Reisende vermeiden, unvermeidbare Flüge könne man mit Zahlungen zu sinnvollen Projekten kompensieren. Daher habe er selbst dann auch keine Flugscham, wenn er fliege, sagte Graßl.

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