Grünflächen wie hier am Schelztorturm können helfen, die Sommerhitze in der Esslinger Innenstadt erträglicher zu machen. Foto:  

In der Esslinger Innenstadt zeigt der Klimawandel immer stärker Wirkung. Die Grünen fordern Hitzeschutz in Einkaufsstraßen, doch die Möglichkeiten sind begrenzt.

Die Diagnose der kommunalen Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist eindeutig: „Das Klima in Esslingen wird in den nächsten Jahrzehnten wärmer, saisonal trockener und klimatisch extremer. Es verändert unseren Alltag heute und in Zukunft spürbar.“ Trotz hoch gesteckter Klimaziele muss sich die Stadt Gedanken machen, wie sie der zunehmenden Hitzebelastung gerade in der Innenstadt begegnen kann. Die Ratsfraktion der Grünen hatte die Stadtverwaltung aufgefordert, Vorschläge zum Hitzeschutz in Einkaufsstraßen vorzulegen. Im Ausschuss für Bauen, Mobilität und Klimaschutz (ABMK) kam das Thema nun aufs Tapet. Patentlösungen sind nicht in Sicht – zumal in Zeiten knapper Kassen.

 

Die Grünen verweisen auf zahlreiche Herausforderungen für die Innenstadt: „Um weiterhin den Besuchern der Einkaufsstraßen eine attraktive Atmosphäre bieten zu können, müssen zwingend auch Möglichkeiten der hitzeresilienten Umgestaltung in den Blick genommen werden.“ Deshalb sollte die Verwaltung Hitze-Hotspots identifizieren und Vorschläge zum Hitzeschutz in Einkaufsstraßen präsentieren. Die Grünen denken etwa an Wasserzerstäuber und Beschattungen in der Bahnhofstraße sowie Sprühnebel-Säulen an besonders hitzeempfindlichen und stark frequentierten Straßenbereichen. Außerdem sollte die Verwaltung Vorschläge für punktuellen Grüninseln machen und erste Maßnahmen rechtzeitig vor der nächsten Hitzewelle umsetzen.

Katja Walther, die Leiterin der Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz, weiß, „dass die hochversiegelte Innenstadt während des Sommers sowohl in der Nacht als auch am Tag insgesamt hohe Luft- beziehungsweise gefühlte Temperaturen aufweist“. Linderung könnten entsiegelte und begrünte Flächen schaffen, die idealerweise mit Bäumen ausgestattet. Solche Flächen sind jedoch in der Inneren Brücke, der Pliensau, der Bahnhofstraße, der Ritterstraße, der Küferstraße und im südlichen Teil der Berliner Straße rar. Die Umsetzung von Hitzeschutzmaßnahmen in den oft engen Einkaufsstraßen sei „wegen unterschiedlicher Vorgaben aus Brand- und gegebenenfalls Denkmalschutz anspruchsvoll und analyse- beziehungsweise genehmigungsintensiv“, so Walther.

Esslingen will langsam vorankommen

Die Stabsstelle hat mit dem Grünflächenamt, der Feuerwehr, dem Stadtmarketing und der dortigen Händler-Initiative Möglichkeiten für einen besseren Hitzeschutz in der Bahnhofstraße begutachtet. Der Gedanke, die Stahlträger, die die Straße überspannen, für Sonnensegel zu nutzen, wurde aus Brandschutzgründen verworfen – lediglich ein kleiner Bereich am östlichen Eingang zum Einkaufszentrum Das ES könnte in Betracht kommen. Zusätzliche Baumpflanzungen seien in der Bahnhofstraße nicht möglich, so Walther. Ob und wo sich mehr tun lässt, hänge auch von den finanziellen und personellen Möglichkeiten ab. Wasserzerstäuber könnten Abkühlung bringen, seien aber kostspielig. Möglichkeiten für punktuelle Grüninseln sieht Walther in der Bahnhofstraße, in der Küferstraße, am Blarerplatz, am Ottilienplatz und in der Ritterstraße, wobei sich ein ganz großer Wurf bislang nicht abzuzeichnen scheint: „Wir tasten uns langsam vorwärts, um in der Innenstadt voranzukommen.“

Fontänenfelder wie hier in Ludwigsburg und bald auch am Esslinger Marktplatz können Abkühlung bringen. Foto: privat

Auch wenn die Möglichkeiten in den Einkaufsstraßen aktuell begrenzt scheinen, will Andreas Fritz (Grüne) am Ball bleiben: „Der Transformationsprozess in unserer Innenstadt ist herausfordernd. Dazu gehört auch der richtige Umgang mit dem Klimawandel. Anderswo werden Sprühnebel als probates Mittel zum Hitzeschutz genutzt. Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen. Vielleicht ergeben sich innovative neue Lösungen, wenn wir erst einmal anfangen.“ Tim Hauser (CDU) wünscht sich , dass die Stadt bei der Suche nach Möglichkeiten zum Hitzeschutz kreativer wird. Dazu gehört für ihn auch, weitere Versiegelung so weit wie möglich zu vermeiden: „Beim Verkauf der Villa Schmückle wollte ein Bieter eine Tiefgarage bauen – der Gemeinderat hat sich gegen unseren Rat mehrheitlich für einen Bieter entschieden, der Autos oberirdisch parken lassen will. Auch durch solche Entscheidungen verschwinden Grünflächen.“

Christa Müller (SPD) erinnerte an die knappen Stadtfinanzen und die eingeschränkten personellen Ressourcen der Verwaltung. Das dämpfe die Erwartungen. Umso mehr hofft sie auf praktikable Lösungen im Einzelfall. Michael Weinmann (Freie Wähler) mahnte die Stadt, alles zu tun, um alte Bäume, die dem Klima besonders guttun, zu erhalten. Jörn Lingnau (FDP/Volt) möchte so viel umsetzen, wie es die städtischen Ressourcen erlauben. Allerdings empfahl er auch: „Die Menschen müssen versuchen, ihr Leben an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen.“ Für Monika Heim (Linke/FÜR) ist derweil klar: „Es gehört zu den Grundaufgaben des Staates, die Gesundheit der Menschen zu schützen.“ Deshalb müsse die Stadt Hitzeschutz ernstnehmen. Und für Andreas Klöpfer (WIR/Sportplätze erhalten) beginnt Klimaschutz bei einer langfristig gedachten Stadtentwicklung.

Esslingen und der Klimawandel

Temperatur
 Die Diagnose der Stadtverwaltung ist eindeutig: „Esslingen wird kontinuierlich wärmer. Im Vergleich zum Zeitraum von 1881 bis 2010 stieg die Jahresmitteltemperatur von 1990 bis 2019 bereits um 1,5 Grad Celsius. Dieser Trend setzt sich in Zukunft fort.“ Die Klimaexperten im Rathaus erwarten mehr Sommertage mit Lufttemperaturen über 25 Grad Celsius und mehr heiße Tage über 30 Grad Celsius. Vermehrt werden so genannte Tropennächte mit Lufttemperaturen über 20 Grad Celsius auftreten. Die Häufigkeit von Hitzewellen in den Sommermonaten wird steigen, Perioden mit aufeinander folgenden heißen Tagen werden mutmaßlich in Zukunft länger anhalten. Dagegen wird es in Esslingen in kälteren Monaten weniger Frosttage und weniger Eistage geben, die Wintermonate fallen milder aus.

Trockenheit
 Die Klimaexperten im Rathaus gehen davon aus, dass Niederschläge künftig im Sommer seltener auftreten und dass sich Schauer zunehmend in die Wintermonate verlagern: „Insgesamt gibt es weniger Tage mit Niederschlag. Sofern dann doch mal Regen fällt, tritt dieser immer häufiger umso heftiger auf. Es regnet in Esslingen also seltener, aber wenn, dann stärker.“