Neuer Klimasatellit startet zu eisiger Mission Foto: dpa

Cryosat 2 soll Informationen liefern, wie bedroht die Antarktis und die Arktis tatsächlich sind.

Baikonur/Friedrichshafen - Wie stark schmilzt das Eis an den Polen? Droht durch einen Meeresspiegelanstieg eine Katastrophe? Oder haben die Klimaskeptiker recht, die solche Prognosen für überzogen halten? Antworten liefert der 140-Millionen-Euro-Satellit Cryosat 2, der heute von Baikonur startet.

Die gewaltigen Eispanzer an den Polen unserer Erde zählen zu den weißen Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft: Obwohl sie das globale Klima erheblich bestimmen, sind die Arktis und die Antarktis wenig erforscht. So viel ist immerhin bekannt: Das polare Eis reflektiert einen großen Teil des Sonnenlichts. Wenn sich die Erde weiter erwärmt und das Eis zu schmelzen beginnt, wird weniger Sonnenlicht reflektiert. Das Meerwasser würde einen großen Teil der Strahlungsenergie absorbieren, was ein weiteres Abschmelzen nach sich zieht. Ein Teufelskreis: Die Polarregion erwärmt sich, und es verflüssigt sich noch mehr Eis.

Die Vorgänge in der Arktis und der Antarktis könnten das Klima auf der Erde dramatisch umwälzen. Aber die Aussagen sind widersprüchlich, was die Geschwindigkeit und die Ausdehnung des Abschmelzens des Eises angeht. Umso wichtiger wären exakte Daten, die Cryosat liefern soll. Cryo kommt vom griechischen Kryos für Eis, -sat steht für Satellit. Der Name steht für die eisige Mission des bei EADS Astrium in Friedrichshafen gebauten Flugkörpers.

Bereits vor fünf Jahren, im Oktober 2005, sollte der erste Cryosat-Satellit zu seiner Mission abheben. Wegen eines Programmierfehlers stürzte die russischen Rockot- Rakete nach dem Start vom Kosmodrom Plessezk ab und versank in den Tiefen des Nordpolarmeers. Wie bei Wissenschaftssatelliten häufig der Fall, war Cryosat nicht versichert. Allein der materielle Schaden lag bei etwa 100 Millionen Euro.

b>In 100 Minuten um die Erde

Mindestens ebenso folgenreich ist die verlorene Zeit. "Es gibt einfach noch keine verlässlichen Zahlen zum Eiszuwachs oder zum Eisverlust", sagt Heinrich Miller vom Cryosat-Projektbüro am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Cryosat 2 ist nicht einfach eine Kopie seines zerstörten Vorgängers. Das fliegende Labor wurde für die Neuauflage weiterentwickelt und auf den modernsten Stand gebracht. Ohnehin ist der Satellitenbau keine Fließbandfertigung. In der High-Tech-Schmiede von EADS Astrium arbeiten Spezialisten unter Bedingungen wie in einem Reinraum einer Computerchip-Fertigung. Jeder noch so kleine Fehler kann das Aus für die Mission bedeuten.

Nach dem Ausklinken aus der Trägerrakete rast der knapp 700 Kilogramm schwere Himmelsspäher auf einer polaren Umlaufbahn in 720 Kilometer Höhe um die Erde. Für eine Umrundung benötigt der Satellit etwa 100 Minuten. Gesteuert wird Cryosat 2 vom Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt. Drei Jahre, vielleicht sogar fünf Jahre wird das Landeis und das Meereis vermessen - und das auf ein bis drei Zentimeter genau.

Siral heißt das Instrument, das dies möglich macht. Es sind im Prinzip zwei Radarantennen, die wie Augen aus dem Weltraum auf unseren Planeten blicken. Etwa 20000 Pulse pro Sekunde schickt das Radar zur Erde, die beiden Antennen hören das Echo. Aus der Zeit, die das Signal auf seinem Weg zur Oberfläche und zurück benötigt, kann die Dicke der Eismassen exakt erfasst werden. Das funktioniert übrigens auch nachts und durch Wolken hindurch.

Frühestens in sechs Monaten ist mit den ersten Ergebnissen zu rechnen. Weltweit warten Wissenschaftler sehnsüchtig auf Informationen aus dem All.

http://www.esa.int/SPECIALS/Cryosat

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