Die Esslinger Gewerbegebiete Neue Neckarwiesen und Sirnau könnten für die Klimaziele der Stadt eine wichtige Rolle spielen. Noch sind die Pläne vage, doch eine Studie soll rasch das Potenzial aufzeigen.
Der Handlungsdruck wird immer größer. Die Klimakrise, die galoppierenden Preise, die Angst vor einem Heizungsdesaster im Herbst und Winter sowie die angestrebte größere Unabhängigkeit von russischem Gas stellen alle staatlichen Ebenen vor neue Herausforderungen. Auch die Stadt Esslingen will noch mehr Energie in ihre kommunale Energiepolitik stecken. Bis zum Jahr 2035 will die Neckarstadt nach jetziger Planung klimaneutral werden. Ein mögliches Etappenziel auf dem Weg dorthin wurde jetzt bei einer Veranstaltung der Standortinitiative Neue Neckarwiesen und Sirnau (Sinn) präsentiert: In einem Energiepark könnten demnach regenerative Energien erzeugt, genutzt und gespeichert werden.
Gewerbegebiete als Vorreiter
Sie könnten nach diesen Plänen zu einem wichtigen Baustein der Esslinger Klimapolitik werden. Die Gewerbegebiete Neue Neckarwiesen und Sirnau sind nach Angaben der Initiative Sinn mit über 250 Hektar Fläche der größte Gewerbestandort der Stadt Esslingen, und mit ungefähr 200 ansässigen Betrieben zählen sie zu den größten Gewerbegebieten der Region Stuttgart. Nun könnten sie beim Erreichen der kommunalen Klimaziele eine Vorreiterrolle spielen.
Mit ihrem Vorschlag für einen Energiepark vor Ort hofft Katja Walther von der städtischen Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimaschutz, auf das richtige Pferd zu setzen. In Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Esslingen, dem städtischen Amt für Wirtschaft und der Standortinitiative will sie die Idee vorantreiben.
Denn bei der Gewinnung von erneuerbaren Energien sieht die promovierte Umweltwissenschaftlerin bei der Stadt Esslingen noch deutlich Luft nach oben. Im Jahr 2018 wurden ihren Zahlen zufolge in der Neckarstadt 24 016 Megawattstunden Strom aus regenerativen Quellen eingespeist. Mit 15 336 Megawattstunden stammten dabei etwa zwei Drittel aus Wasserkraft, 8680 Megawattstunden wurden aus Photovoltaik gewonnen. Zum Vergleich führte Katja Walther in ihrem Referat Daten aus Ludwigsburg mit seinen etwa 93 000 Einwohnern an. 58 263 Megawattstunden stammten hier im Jahr 2018 aus erneuerbaren Energien. 12 838 Megawattstunden lieferte die Wasserkraft, 10 691 Megawattstunden kamen von Solaranlagen und 34 800 Megawattstunden stammten aus Biomasse.
Externer Dienstleister gesucht
Ein möglicher Energiepark Neue Neckarwiesen/Sirnau könnte die Esslinger Zahlen nach oben treiben. Dabei denkt Katja Walther weniger an Windenergie. Das sei im Neckarraum eine vernachlässigbare Größe. Die städtische Mitarbeiterin setzt stattdessen auf Solarenergie mit der Kraft der Sonne. In dem Energiepark wäre auch eine Einspeisung aus und ein Anschluss an das Fernwärmenetz denkbar. Flusswärme aus dem Neckar zu Heiz- und Kühlzwecken könnte zudem genutzt werden. Synergieeffekte vor Ort sollten bei der Gewinnung all dieser regenerativen Energien helfen, hofft Katja Walther. Ob diese Zusammenarbeit zwischen Betrieben durch die Nutzung einzelner Dächer geschehen soll oder ob dafür eine eigene Fläche ausgewiesen wird – das müsse durch eine Potenzialanalyse geklärt werden. In einer solchen Studie könnte auch die Suche nach möglichen Standorten mit ins Kalkül gezogen werden. Mit der Erstellung solle ein externes Fachbüro beauftragt werden.
Volle Auftragsbücher, hohe Nachfrage, großer Bedarf – die Suche dürfte nicht einfach werden, weiß auch Katja Walther. Doch sie gibt sich optimistisch. Bis August sollen Angebote eingeholt und ein Dienstleister gefunden werden. In der Untersuchung müssten ihren Worten zufolge Bedarfe und Potenziale der einzelnen Betriebe für die Nutzung, Einspeisung und Speicherung erneuerbarer Energien untersucht und Optionen dargestellt werden. Die Potenzialanalyse und ein Grundlagenkonzept sollen nach derzeitiger Planung bis November vorliegen. Auf Basis dieser Daten solle die weitere Planung des Energieparks Neue Neckarwiesen/Sirnau erfolgen: „Wir setzen dabei auf die Mitwirkung und die Bereitschaft der Unternehmen zur Zusammenarbeit.“
Sportlicher Zeitrahmen
Der Zeitplan ist eng gesteckt. Sogar Katja Walther bezeichnet die Rahmendaten für das Projekt als „extrem sportlich“. Bis Jahresbeginn soll die Voranalyse soweit gediehen sein, dass sie in den städtischen Gremien und der Standortinitiative Sinn präsentiert werden kann. Die Umsetzung werde dann im April 2023 geprüft.
Die Standortinitiative SiNN
Klimaschutzziele
International soll die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden. Die Europäische Union strebt bis 2050, Deutschland bis 2045 und Baden-Württemberg bis 2040 Treibhausgasneutralität an. Die Stadt Esslingen möchte nach eigenen Angaben bis 2035 klimaneutral werden.
Sinn
Die Standortinitiative Neue Neckarwiesen und Sirnau (Sinn) wurde 2009 gegründet, und mit dabei sind Unternehmen, Organisationen und Grundstückseigentümer. Die Initiative versteht sich als Interessenvertretung gegenüber Politik und Verwaltung, sie möchte ihre Mitglieder beraten und vernetzen, Projekte anstoßen sowie die Infrastruktur am Standort verbessern.