Reinhard Klein ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Foto: Jürgen Weller Fotografie

Bis 2045 sollen auch die Gebäude in Deutschland klimaneutral sein. Dafür braucht es eine ehrliche Bestandsaufnahme, sagt der Vorstandsvorsitzende der Bausparkasse Schwäbisch Hall – und eine Mischung aus Fördern und Fordern.

Schwäbisch Hall - Bis 2045 soll auch der Gebäudesektor in Deutschland klimaneutral sein. Eine Herkulesaufgabe. Der Chef der Bausparkasse Schwäbisch Hall, Reinhard Klein, fordert im Interview einen Masterplan, der neben einer echten Bestandsaufnahme eine zielgerichtete Förderung und marktwirtschaftliche Mechanismen wie den CO2-Preis einschließt.

 

Herr Klein, die Bundesregierung will ihre Förderprogramme für energieeffiziente Gebäude überarbeiten und künftig nur noch auf den höheren Effizienzhaus-40-Standard setzen. Ist das der richtige Weg?

Ich sag mal: Da kann man nichts dagegen haben auf der einen Seite. Auf der anderen Seite verteuert das den Quadratmeterpreis beim Neubau noch mal etwa um 260 Euro pro Quadratmeter. Und das führt uns direkt zur Diskussion „bezahlbaren Wohnraum schaffen“. Aber die Fokussierung auf den Neubau in der öffentlichen Diskussion löst das Problem nicht. Wenn im Bestand schon alle Gebäude auf dem KfW-55-Standard wären, hätten wir ein sehr überschaubares Problem.

Ist das Thema also eher der Bestand?

Wir müssen schon über beides sprechen. Aber der Gebäudebestand ist das größte Problem beim Thema CO2-Neutralität. 30 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus dem Gebäudebereich, zwei Drittel davon von Wohngebäuden. 50 Prozent der Gebäude sind älter als 40 Jahre. Und wir heizen noch zum großen Teil mit Gas und Öl. Wir haben heute 120 Millionen Tonnen CO2-Belastung durch Immobilien, und die soll bis 2030 um 53 Millionen Tonnen reduziert werden. Um ein Gefühl zu bekommen: Wir verharren seit einigen Jahren auf dem Niveau von rund 120 Millionen Tonnen. Wenn wir so weitermachen, schaffen wir das Ziel, bis 2030 auf 67 Millionen Tonnen zu reduzieren, nicht. Deshalb muss man den Weg zur CO2-Neutralität gezielt fördern.

Wie sieht so eine gezielte Förderung aus?

Im ersten Schritt sollten wir mit den Themen anfangen, die den höchsten CO2-Ausstoß verursachen. Wir werden sehen, was dabei der neue Energieausweis bringt, den die Bundesregierung gerade erarbeitet. Gut ist: Er soll den konkreten CO2-Fußabdruck eines Gebäudes abbilden. Die Logik müsste dann sein, je schlechter der Energiezustand eines Gebäudes, desto besser die Förderung, weil der Hebel so am größten ist.

Welche Wirkung versprechen Sie sich vom neuen Energieausweis?

Wir versprechen uns eine klare Transparenz, wie hoch der CO2-Fußabdruck eines Gebäudes ist und dass dann die Effizienz von Maßnahmen nicht mehr allein an der Energieeffizienz gemessen wird. Dadurch, so glauben wir, können Investitionen viel zielgerichteter vorgenommen werden. Außerdem kann dann nach einem individuellen Sanierungsfahrplan pro Haus vorgegangen werden. Dieser gibt vor, was muss als Erstes modernisiert werden – sind es die Fenster, die Dämmung oder ist es die Heizung. Wenn Sie Ihr Haus mit einer CO2-neutralen Heizung oder einer vernünftigen Solaranlage mit Stromspeicher ausstatten, können die älteren Fenster Priorität zwei bei der Sanierung haben. Sie verbrauchen vielleicht etwas mehr Energie, aber solange die über die eigene Solaranlage gewonnen wird, ist das nicht ganz so dramatisch.

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Wie viel würde es Ihrer Schätzung nach kosten, den Gebäudebestand in Deutschland klimaneutral zu machen?

Derzeitige Schätzungen liegen bei 1 bis 1,2 Billionen Euro bis 2045. Das sind über 25 Jahre etwa 40 Milliarden bis 50 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist nicht allein Aufgabe der Politik. Hier ist es wichtig, dass alle Beteiligten zusammenarbeiten: die Politik und die Eigentümer, aber auch die Finanzierer und die Gewerke. Momentan fehlen schlicht die Handwerkerkapazitäten am Bau, um die notwendigen Sanierungen durchzuführen. Aber Eigentum verpflichtet eben, wie es im Grundgesetz heißt.

Wie wird man denn Eigentümer dazu bringen können, ihre Immobilien zu modernisieren?

Neben Förderungen sind vor allen Dingen auch marktwirtschaftliche Mechanismen wichtiger Bestandteil wie der CO2-Preis. Seit 2021 ist die kontinuierlich steigende CO2-Bepreisung von Brennstoffen in Kraft. Gestartet sind wir vergangenes Jahr mit 25 Euro pro Tonne CO2. Bis 2025 steigt der Preis pro Tonne auf 55 Euro. Umgerechnet auf einen Vier-Personen-Haushalt heißt das: Die Heizkosten verteuern sich um 300 bis 400 Euro pro Jahr. So entsteht Sanierungsdruck. Bei vermieteten Objekten diskutiert man noch darüber, wer zahlt – der Eigentümer oder der Nutzer. Ich finde folgende Logik nicht schlecht: Wenn der Eigentümer ein hocheffizientes Haus hat, dann zahlt der Mieter, denn dann liegt es am Verbrauch. Wenn der Vermieter ein sanierungsbedürftiges Haus hat, zahlt er den CO2-Preis, um den Druck dorthin zu lenken, wo der größte Hebel ist. Das wäre aus meiner Sicht eine gerechte Lösung.

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Was, wenn das nicht reicht?

Ob der marktwirtschaftliche Druck flankiert mit zielgerichteten Förderungen reicht, wird man sehen. Dann wird man über gesetzliche Regelungen nachdenken müssen. Es gibt Denkspiele, dass Sie zum Beispiel beim Verkauf einer Immobilie ein Gutachten mitliefern müssen, was eine energetische Sanierung kostet. Dann weiß der Käufer, was zusätzlich zum Kaufpreis an Kosten für die energetische Sanierung auf ihn zukommt. Und zusätzlich muss sich der Käufer verpflichten, die Sanierungsmaßnahmen umzusetzen.

Viele Immobilienbesitzer sind längst im Rentenalter und haben keine Aussichten auf Kredite. Wie sollen die solche Investitionen stemmen?

Natürlich gibt es auch soziale Themen, die wir nicht außen vor lassen dürfen. Wir können einer 75-jährigen Eignerin mit geringer Rente nicht zumuten, aus Energiespargründen umzuziehen! Das Gute ist: Bis zum Ziel der CO2-Neutralität sind es noch 25 Jahre. Man könnte sagen, ab einem gewissen Alter sind Eigentümer ausgenommen, aber die nachfolgende Generation muss im Erbfall ran. Dann könnte sie bei entsprechender Förderung zur Sanierung verpflichtet werden oder muss eben verkaufen. Hier gibt es aber noch keine konkreten Vorschläge.

Was bringt klimatechnisch denn mehr: Sanieren oder Abriss?

Das ist ein Grundsatzthema. Der geplante, neue Energieausweis wird nicht nur den Verbrauch messen, sondern auch die Gebäudesubstanz. Wenn Sie jetzt alles abreißen und mit viel Beton neu bauen, wäre das klimatechnisch kontraproduktiv. Das Thema Neubau ergibt dann Sinn, wenn man in eine Kreislaufwirtschaft kommt, bei der man bereits beim Bauprozess darauf achtet, wieviel CO2 verbraucht wird. Es gibt einen neuen Vorschlag der EU-Kommission. Der besagt, dass jedes Mitgliedsland etwa 15 Prozent der Gebäude, die im schlechtesten Zustand sind, zuerst sanieren muss. In Deutschland betrifft das zwei bis drei Millionen Gebäude. Erste Bewertungen vom Eigentümerverband Haus&Grund lassen vermuten, dass bei einigen dieser Immobilien der Abriss besser sein könnte als sie zu renovieren.

Aber woher weiß man überhaupt, welche Gebäude saniert werden müssen?

Notwendig ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Der konkrete CO2-Fußabdruck ist bislang nicht transparent. Neben dem geplanten neuen Energieausweis braucht es eine Bestandsaufnahme, welches Haus welchen CO2-Abdruck produziert. Die Diskussion zeigt, dass man einen Masterplan braucht. Es geht nicht nur darum, einfach einzelne Teile wie Heizung oder Fenster auszutauschen, sondern zielgerichtet vorzugehen.