Die Wiesen im Schlossgarten voller Laub und das schon im Sommer – die Trockenheit hat der Natur zugesetzt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Hitze in Stuttgart konnte keiner entkommen, aber einige hat es besonders getroffen. Von sterbenden Buchen, unerträglichen Haftzellen und Mais, der aussieht wie Yuccapalmen.

Ganze 29 Mal. So oft stieg die Tagestemperatur bis Ende August auf mehr als 30 Grad an der Wetterstation am Schnarrenberg – Gleichstand mit dem Rekordjahr 2018. Nicht nur ungewöhnlich heiß war es, auch besonders trocken. Auf 29 Millimeter Regen kommt die Station für den vergangenen Monat. Im Schnitt waren es in früheren Jahrzehnten mehr als doppelt so viel. Entkommen konnte Hitze und Dürre keiner, aber nicht alle in Stuttgart litten gleichermaßen.

 

Stuttgarts Wälder sind gelb wie im Herbst

Aufgeplatzte Rinde, trockene Baumkronen und mit dem gelben Laub fallen ganze Äste zu Boden – jeden Morgen radelt Gerhard Pfeifer durch den Kräherwald, jeden Morgen schaut er dem langsamen Tod der Rotbuche zu. Buchenwälder sind neben Eichen in der Region Stuttgart am weitesten verbreitet. Weshalb es nicht nur im Kräherwald aussieht wie sonst Anfang November, sondern beispielsweise auch im Stuttgarter Rotwildpark: „Überall macht die Rotbuche mehr oder weniger einen Abgang“, sagt Pfeifer, Regionalgeschäftsführer des BUND in Stuttgart. Was nach Herbstbeginn aussieht, ist eine Notreaktion des Baums auf die trockenen Böden in der Region: Über die Blätter verdunstet ständig Wasser. Nachschub ziehe sich die Rotbuche normalerweise aus dem Boden, erklärt Biologe Pfeifer. Regnet es nicht genügend, wirft der Baum nach und nach ab, was Wasser benötigt: Blätter, Äste, Früchte. Zuerst sterben die äußeren Kronenäste ab, sagt Pfeifer: „In der Hoffnung, dass es das Überleben sichert, bis Wasser nachkommt.“

Das Problem: Es ist unwahrscheinlich, dass das in der Klimakrise langfristig passiert. „Wenn es so weitergeht, wird die Buche bis auf wenige Stellen verschwinden“, sagt Pfeifer. Das langsame Sterben der Rotbuche könnte schnell Folgen für die Stuttgarter haben. Pfeifer rechnet damit, dass Wald- und Parkwege bald wegen der Gefahr herabstürzender Äste gesperrt werden. Entsprechende Warnschilder stehen bereits in den Parkanlagen. Der endgültige Tod der Rotbuche beträfe vor allem Insekten, die sich von deren Blätter ernähren. Die müssten dann auf nicht heimische Baumarten umsteigen, die besser mit Hitze und Dürre zurechtkommen. In Stuttgart ist das die Esskastanie, die vor einigen Jahrzehnten eingeschifft wurde. Deren Blätter sind aber dicker: „Mit denen können die Käfer nichts anfangen“, sagt Pfeifer. Ob der Stuttgarter Wald in wenigen Jahren Abhängigkeiten verändern könne, die sich über Jahrtausende herausgebildet haben, kann Pfeifer nicht sagen: „Es ist ein Großexperiment.“

Gefahr für geschwächte Menschen

Beschwert haben werden sich die meisten Stuttgarter in diesem Sommer über die Luft, die steht, über die Straßen, die glühen, über Schweiß, der überall rinnt und tropft. Für einige wurde die Hitze nicht nur lästig, sondern gefährlich: Bei zehn bis 15 Prozent der Patienten in der Notaufnahme des Klinikums Stuttgart gehen die Ärzte im August davon aus, dass sie wegen der Hitze behandelt werden mussten. Und es brauchen in diesem Sommer mehr Menschen akute Hilfe als früher, sagt Dr. Alexander Krohn, Oberarzt in der Interdisziplinären Notaufnahme. Vor dem Jahr 2018 seien es in der Ferienzeit noch weniger als 100 Patienten täglich gewesen, die in die Notaufnahme kamen. In diesem Jahr sind es bis zu 130 Patienten. Einer der wesentliche Gründe dafür, sagt Krohn: die Hitzewellen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, Kleinkinder und Schwangere. Viel Trinken, empfiehlt der DRK-Kreisverband Stuttgart. Und: sich nicht zu lange in der Sonne aufhalten.

Wenig Schatten für Obdachlose

Nun hat nicht jeder eine Wohnung, in die er sich zurückziehen kann. Obdachlosen Menschen blieben nur die Parks, der Schatten unter der Paulinenbrücke, die kühlen U-Bahn-Schächte, sagt ein Mitglied vom Verein Helfende Hände. Begrenzt sei auch die Zahl an Trinkwasserbrunnen – 84 sind es in Stuttgart – und Duschmöglichkeiten. Die gibt es in den Einrichtungen der Caritas und in den Heimen. Erstmals in diesem Sommer rollte der Hitzebus des DRK Stuttgart und verteilte kalte Getränke und Obst.

Der Hitze nicht ausweichen konnten auch die Insassen der JVA Stammheim in ihren Haftzellen. „Durch die feinen Lochgitter kommt kaum Luft in die Räume“, schildert Schwester Vera Perzi von der Gefängnisseelsorge. Damit das Klima unerträglich werde, dafür brauche es aber keinen außergewöhnlich heißen Sommer. Besonders nicht, seitdem aufgrund der Coronapandemie Maske getragen werden muss: „Nach ätzend bis voll ätzend und absolut voll ätzend gibt es kaum noch eine Steigerung“, schreibt Perzi. Wenn es sehr heiß werde, würden Klappen an den Haftraumtüren geöffnet, beschreibt sie – „was aber nicht wirklich viel bringt“.

Mais erinnert an Yuccapalmen

Übel hat es den Mais erwischt. „Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagt Ariane Amstutz, Sprecherin des Landesbauernverbands: „Alles vertrocknet. Sieht aus wie Yuccapalmen.“ Dabei mag der Mais es doch eigentlich warm. Das Problem: Um Kolben auszubilden, braucht die Pflanze Wasser. Nicht die Hitze, sondern der fehlende Regen in der Region war das Problem. Im Süden Württembergs und im Allgäu stehe der Mais dagegen gut da, sagt Amstutz. Da war es zwar auch heiß, aber es hat immer wieder geregnet. Zum Vergleich: Als es in Stuttgart an einem Samstag Ende August einen Liter Wasser tröpfelte, waren es laut Amstutz im Alb-Donau-Kreis 98 Liter. Ein Landwirt im Kreis Böblingen habe bereits Ende August den Mais eingebracht, sagt sie. Normalerweise mache er das im November. „Damit überhaupt noch was von der Frucht da ist. Bevor sie ganz vertrocknet“, sagt Amstutz. Die Hälfte der Ernte könnte laut Amstutz bei den Herbstkulturen im Norden Württembergs ausfallen. Und es ist nicht nur der Mais in der Region, sagt sie. Die Zuckerrüben blieben mickrig, Äpfel bekämen Sonnenbrand, Kühe litten an Hitzestress. Einige Tierhalter fütterten Ende August bereits Winterfutter zu, weil Weiden zu Steppen verdorrten. Und wenn ebenjener Landwirt im Kreis Böblingen laut Amstutz in diesem Sommer nur zwei Grünschnitte und einen schlechten machen konnte, statt wie in guten Jahren vier, dann zeigt das: Auch beim Tierfutter wird der Hitzesommer nachwirken. Andere Folgen des Klimawandels in der Landwirtschaft sind bereits dauerhaft – laut Amstutz haben einige Bauern seit Jahren auf Sorten umgestellt, die hier früher nicht gewachsen wären. Auf Soja, auf Kichererbsen und einer sogar auf Feigen. Die wachsen auch im Mittelmeerraum.