Trotz Energiewende setzt die Bundesrepublik noch stark auf die Kohle Foto: dpa

Auf dem Klimagipfel in Paris ringen die Delegierten aus aller Welt um Maßnahmen gegen die drohende Erwärmung der Erde. Klimaexperten forder, dass Europa schneller aus der Kohleverstromung aussteigen muss.

Paris - Die erste Etappe ist geschafft: Bei der UN-Klimakonferenz in Paris haben sich die Unterhändler von fast 200 Staaten auf einen ersten Entwurf für ein Abkommen geeinigt. Allerdings bleiben noch Hunderte Punkte offen, in denen die zuständigen Minister in dieser Woche Einvernehmen herstellen müssen. Am Ende soll ein neuer Klimaschutzvertrag stehen, der 2020 in Kraft tritt. Wichtigstes Ziel ist es, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zu senken. Das Gas, das unter anderem durch die Verbrennung von Kohle und Öl in die Atmosphäre gelangt, gilt als Hauptursache für den Klimawandel.

Für Optimismus, in Paris ein gutes Stück voranzukommen, hatte im Vorfeld gesorgt, dass bei den großen Schadstoff-Emittenten USA und China die Bereitschaft gestiegen war, sich ehrgeizigere Klimaschutz-Ziele zu setzen. Die EU will bis 2030 eine CO2-Reduzierung um 40 Prozent gegenüber 1990 erreichen. Die USA hatten signalisiert, sie wollten eine Minderung von mehr als 25 Prozent gegenüber 2005 schaffen. Und China will spätestens ab 2030 weniger CO2 ausstoßen.

Ob den hehren Ankündigungen aber auch die entsprechenden Taten folgen, ist völlig offen. Und die Zeit drängt: Nach einer aktuellen Analyse des europäischen Climate Action Network (CAN) und der britischen Denkfabrik Sandbag müssen die CO2-Emissionen aus Europas Kohlekraftwerken dreimal schneller sinken als bisher, um die globale Erwärmung noch unter der wichtigen Marke von zwei Grad zu halten. Die 280 in der EU betriebenen Kohlekraftwerke stießen demnach im vergangenen Jahr 762 Millionen Tonnen CO2 aus – fast ein Fünftel der Gesamtemissionen.

Greenpeace fordert schnelleren Kohle-Ausstieg in Europa

Nach der Studie sind die europäischen Kohleemissionen in den vergangenen zehn Jahren nur um durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahr gefallen. Nötig sei aber ein Rückgang um acht Prozent jährlich bis 2040, selbst nach Ansicht der eher konservativen Internationalen Energieagentur (IEA).Zwar hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Beginn der Weltklimakonferenz auf ein umfassendes und verbindliches Klimaschutzabkommen gedrängt und dafür einen weitgehenden Verzicht auf fossile Energieträger im Laufe des Jahrhunderts gefordert. Der Zeithorizont ist Klimaexperten jedoch zu lange angelegt.

Die europäischen Kohlemeiler müssen schneller als bisher geplant vom Netz gehen, fordert etwa die Umweltorganisation Greenpeace. „Europa muss jetzt den schrittweisen Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle beschleunigen, hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien“, sagt Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl. Klar ist: Ohne einen Ausstieg aus der Verbrennung von Kohle, langfristig auch Öl und Gas, ist der menschengemachte Klimawandel nicht zu bremsen.

Deutschland kommt dabei die wohl wichtigste Vorbildfunktion zu: „Wir haben hier die Energiewende, auf die guckt die gesamte Welt“, sagt Christoph Bals von der umwelt- und entwicklungspolitischen Organisation Germanwatch. „Wird das erfolgreich weitergeführt, und zwar so, dass es zu einem Wohlstandsmodell führt, das für die Welt auch nachahmenswert erscheint?“

Kohle verursacht mehr als ein Viertel der deutschen Treibhausgase

Doch dafür hat Deutschland noch viele Hausaufgaben vor sich. Denn im Moment pusten die bundesweit 70 Kohlekraftwerke mehr als ein Viertel der Treibhausgase hierzulande in die Luft. Noch immer werden fast 44 Prozent der Energie in Deutschland mit der Verbrennung von Kohle produziert – von einer Industrie, die durch massive Subventionen aus Steuergeldern ihre Preise senkt.

Nach Zahlen, die die Beratungsfirma Ecofys für die EU-Kommission zusammengetragen hat, haben die 28 EU-Staaten den Ausbau der Kohle-Infrastruktur zwischen 1990 und 2007 mit insgesamt 200 Milliarden Euro subventioniert. Nur die Atomindustrie bekam mit 220 Milliarden Euro noch mehr. Spitzenreiter bei diesen Finanzspritzen ist Deutschland. Aus dem aktuellen Bundeshaushalt fließen rund 1,2 Milliarden Euro als direkte Finanzhilfe in den Steinkohlebergbau. Das Land Nordrhein-Westfalen schießt eine weitere halbe Milliarde Euro pro Jahr zu.

Weltwährungsfonds fordert Stopp der Subventionen für Kohle, Öl und Gas

So wird nach derzeitigem Stand auch die Bundesregierung ihr selbst gestecktes Klimaziel für 2020 verfehlen. Bis dann soll eigentlich der CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 40 Prozent geringer ausfallen. Bei der Förderung von Braunkohle steht Deutschland mit 183 Millionen Tonnen im Jahr 2013 weltweit auf Platz eins, wie aus dem Kohleatlas der Heinrich-Böll-Stiftung hervorgeht, noch vor China (147 Millionen Tonnen). Braunkohle ist der einzige Energierohstoff, der in Deutschland ausreichend vorhanden ist .

Der Weltwährungsfonds (IWF) hat die Regierungen erst im Mai dazu aufgerufen, den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas nicht weiter zu subventionieren. Die Länder der Welt subventionieren fossile Energieträger in diesem Jahr mit 4,8 Billionen Euro. Die Summe entspricht 6,5 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und übersteigt damit die globalen Ausgaben für Gesundheit. Würden alle sogenannten Subventionen verschwinden, dann würde die Emission von Treibhausgasen um 17 Prozent zurückgehen, schätzt der Währungsfonds. Doch dieser Appell verhallt auch in Deutschland bisher ungehört.

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