Der massive Ausbau von erneuerbaren Energien bringt die Stromnetze an ihre Grenzen. Foto: dpa/Jan Woitas

Der geplante Netzausbau ist überdimensioniert, sagt der CDU-Abgeordnete Raimund Haser. Er steht mit der Meinung nicht ganz alleine da.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Raimund Haser fordert ein Umdenken bei der Energiewende. „Der Netzentwicklungsplan heute ist sehr theoretisch gerechnet“, sagte Haser, der energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion ist, unserer Zeitung. „Wir müssen überlegen, wie kann ein Zielszenario aussehen, das verlässlich, baubar und auch finanzierbar ist.“

 

Bislang gehe man bei der Netzentwicklung vom Ziel der Klimaneutralität aus, auf dessen Basis der Energiesektor umgebaut werde. „Wir stehen vor Prognosen und Ausbauzielen, von denen jeder weiß, das wird schwierig“, sagte Haser. „Ich werbe für einen neuen Realismus in dieser Frage.“

EnBW-Studie fordert Anpassungen bei Ausbauzielen

Mit der Forderung steht Haser nicht alleine da. Die EnBW hatte erst vor wenigen Wochen eine Studie vorgestellt, die aufzeigen sollte, wie die volkswirtschaftlichen Kosten für den Umbau des Energiesystems reduziert werden können. Darin ist die Rede von einer Anpassung der Ausbauziele bei Offshore-Windkraft und Photovoltaik. Außerdem müsse die Erwartung für die Stromnachfrage für das Jahr 2045 – das Jahr, in dem Deutschland klimaneutral sein will – reduziert werden.

Die Energiewende müsse Punkt für Punkt noch einmal angeschaut werden von der Regulierung über die Netzentgelte und der Vergütung, sagt Haser: „Wenn Sie ein Seil mit tausend Knoten haben, müssen Sie nicht nach dem Schwert suchen, sondern Sie müssen tausende Knoten aufmachen.“

Raimund Haser im Landtag. Foto: CDU Landtagsfraktion Baden-Würtemberg

CDU und SPD indessen haben sich in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen bis zur politischen Sommerpause 2025 den zu erwartenden Strombedarf sowie den Stand der Versorgungssicherheit, des Netzausbaus, des Ausbaus der Erneuerbaren Energien, der Digitalisierung und des Wasserstoffhochlaufs zu überprüfen. An den bisherigen Klimazielen bis zum Jahr 2045 halten die Koalitionäre aber fest.

Haser will Energiewende im Detail überprüfen

Viele Vorhersagen seien nicht so eingetreten, wie es ursprünglich erwartet worden war, sagt Haser: „Zum einen ist das Gas für die Kraftwerke nicht mehr so günstig, wie man ursprünglich gedacht hat, zum anderen ist der Hochlauf der Elektromobilität nicht so erfolgt, wie sie im Netzentwicklungsplan erwünscht ist.“

Außerdem müsse die Nachfrage neu kalkuliert werden. „Die Industrie beginnt bereits damit, Produktion zu verlagern.“ Viele Unternehmen setzen auf Eigenproduktion. „Auch das wird natürlich einen Netzentwicklungsplan beeinflussen. Und auch darüber müssen wir mal offen reden.“

Auf der Angebotsseite brauche es angesichts der dezentralen Energieerzeugung mit kleinen Photovoltaik-Anlagen Lösungen, die zu einer stabileren Netzeinspeisung vor Ort führten, sagt Haser. „Wenn jetzt Windräder geplant werden, wird nicht das Genehmigungsverfahren oder das Ausschreibungsverfahren die Reihenfolge bestimmen, sondern der Netzausbau bestimmt die Reihenfolge: Welches Windrad kann ich am besten anschließen?“

Andere Kostenverteilung bei Netzentgelten

Er fordert zudem ein Umdenken bei den Netzentgelten und Anschlusskosten. „Die Netzentgelte sind, wenn man es genau nimmt, eine versteckte Umverteilung“, erklärt der CDU-Abgeordnete. „Diejenigen, die zu 100 Prozent auf Netzstrom angewiesen sind, zahlen 100 Prozent. Diejenigen, die selbst Strom produzieren, zahlen weniger, obwohl die Netzbetreiber gezwungen sind, ihnen einen Anschluss zu legen.“Zudem müssten auch molekulare Energieträger stärker in die Planung einbezogen werden – etwa die Möglichkeit für klimafreundliches Biogas. „Wir berücksichtigen zu wenig, dass unser Gasnetz deutlich jünger ist als in andere Teilen der Bundesrepublik“, sagt Haser. „Die Möglichkeiten von Biogas und Power-to-Gas werden unterschätzt.“

Die geplanten 100 Milliarden Euro für den Klimaschutz, fordert der CDU-Politiker, müssten schließlich bei Unternehmen Stadtwerken und Kommunen ankommen. „Sie müssen dafür verwendet werden, die Eigenkapitalquote der Akteure vor Ort zu stärken.“