Flüge stehen in der öffentlichen Kritik. Der Stuttgarter Airport vermeldet von Jahr zu Jahr einen neuen Rekord. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Klimakrise ist in aller Munde – und auch die Konsequenzen, die jeder daraus ziehen sollte. Dazu gehören Flugreisen. Ein Besuch bei denen, die eine Veränderung als Erste bemerken müssten.

Filder - Sommerzeit ist Reisezeit. Früher war es das Highlight. Eventuell wurde lange dafür gespart. Und es war nicht der Normalfall, jedes Jahr in den Urlaub zu fliegen. Das hat sich geändert. Der Stuttgarter Airport vermeldet Jahr für Jahr neue Rekorde bei den Fluggastzahlen. 2018 waren es knapp zwölf Millionen Passagiere, 2015 zum Vergleich gut zehn Millionen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Oder etwa doch? Was bewirken die Debatten über Klimawandel und Bewegungen wie Fridays for Future, die Ende Juli auch am Flughafen Stuttgart gegen Flugreisen demonstriert haben?

In seiner Brust schlagen zwei Herzen zu diesem Thema

Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das schwedische Wort flygskam, zu Deutsch Flugscham, auf. Das beschämende Gefühl, in ein Flugzeug zu steigen. Bekommen die Reisebüros auf der Filderebene diese Scham zu spüren?

Für Thomas Straube ist die Antwort klar: „Nein“, sagt er prompt. Straube ist Geschäftsführer des Möhringer Reisebüros und erzählt, dass in den vergangenen Jahren die Flugreisen seiner Kunden kontinuierlich zugenommen hätten. Dabei schlagen zwei Herzen in seiner Brust: Auf der einen Seite lebe er davon, Reisen zu verkaufen. Und er wolle auch den Menschen ermöglichen, die Welt zu erkunden. „Aber gerade durch meinen Beruf weiß ich natürlich auch über die Schönheit der Erde und möchte, dass diese uns allen erhalten bleibt“, sagt Straube.

Wer gleicht sein schlechtes Gewissen aus?

Er erzählt von Reiseanbietern, die auf die Flugscham reagieren wollen: Mit sogenannten Ausgleichszertifikaten lassen sich die entstandenen CO2-Emission kompensieren. Der persönliche ökologische Fußabdruck verringert sich dann um die Menge, die durch die Zertifikate neutralisiert wird. Beispielsweise werden Projekte unterstützt, um erneuerbare Energien in Ländern auszubauen, wo es diese kaum gibt. „Bei uns im Reisebüro wurde das allerdings noch nie nachgefragt“, so der Geschäftsführer. Vielleicht, weil es extra kostet.

Die Kosten seien eh ein gutes Stichwort, sagt Straube. Aus seiner Sicht sei es nicht gut, dass es Flugtickets bereits zu Sparpreisen ab 19 Euro gebe. „Es ist ein sehr schmaler Grat, aber diese Billigpreise halte ich für nicht angemessen“, sagt Thomas Straube.

Dieser Meinung ist auch Zaklina Kostadinovic. Sie wird in diesem Jahr ihre Ausbildung als Tourismuskauffrau im Reisebüro Neckartravel am Stuttgarter Flughafen abschließen. Dennoch gibt sie zu bedenken: „Es kommt vor allem darauf an, wann eine Reise stattfinden soll.“ Für eine Familie, die während der Hochsaison verreisen müsse, seien die Preise alles andere als günstig. Das gelte auch für Kurzstreckenflüge. „Was wir brauchen, ist ein Mittelweg“, findet Kostadinovic.

Bei der Wahl der Unterkunft ändert sich etwas

Auch sie bemerke keinen Rückgang bei Flugbuchungen. Und obwohl sie Ende Juli die Demonstrationen der Jugendbewegung Fridays for Future am Flughafen miterlebt hat, bemerkt sie keinerlei Verunsicherung oder gar Flugscham bei den Passagieren. Auch ihre Kunden hätten nichts dergleichen gesagt.

So ganz geht die aktuelle Debatte aber dann doch nicht am Reisegeschäft vorbei. Sowohl bei Thomas Straube in Möhringen als auch bei Zaklina Kostadinovic am Flughafen hat sich in den vergangenen ein, zwei Jahren etwas verändert – zwar nicht an der Art, wie verreist wird, wohl aber an der Wahl der Unterkunft. Verwendet diese beispielsweise richtiges Geschirr statt Plastikbecher und -teller? „Einmal wollte ein Kunde wissen, ob das Hotel Strohhalme verwendet“, erzählt die Auszubildende. Auch Straube macht diese Erfahrungen immer öfter: „Schnuckelige Landhäuser“ oder „etwas mit Flair“, das sind Anfragen, die ihn sehr häufig erreichen. All-Inclusive-Reisen in riesigen Hotelanlagen seien eher nicht mehr so stark nachgefragt, berichten beide. Möglicherweise ist es ja so wie bei vielen Veränderungen: Sie passieren – wenn auch in kleinen Schritten.

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